Sebastian Kühne vom Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung (BWV) hatte im März dieses Jahres eine verstörende Nachricht für die Sipplinger im Gepäck. Er informierte den Gemeinderat über immense Wasserverluste im Jahr 2018. Die BWV hatte der Gemeinde 214.565 Kubikmeter Wasser in den Hochbehälter Stich geliefert.

Über die Hälfte des gelieferten Wassers verschwindet

Doch nur 105.546 Kubikmeter Wasser waren nach Ablesung der Zähler in den Haushalten des Dorfes angekommen. Mit anderen Worten: 109.019 Kubikmeter, also über die Hälfte des gelieferten Wassers, verschwand im Jahr 2018 in der Gemeinde auf mysteriöse Weise. 

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Kein einmaliger Vorgang. Schon 2015 hatte der Zweckverband dem Gemeinderat von ähnlichen Verlusten berichten müssen. Die BWV hatte damals 193.945 Kubikmeter Wasser an die Gemeinde geliefert aber nur 104.965 an den Zählern der Haushalte erfassen können.

88.980 Kubikmeter verschwanden seinerzeit auf unerklärliche Weise. Den Grund hatte die Gemeinde nicht feststellen können. Bürgermeister Oliver Gortat (seinerzeit noch nicht das Amt): „Als der Mehrverbrauch aus dem Jahr 2015 der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, ging er „schlagartig“ zurück. Daher war es (im Nachhinein) nicht mehr möglich, den Verursacher zu finden.“

Nur Spitze des Eisbergs

Nun also erneut ein noch höherer mysteriöser Wasserverlust. Dabei handelt es sich nur um die Spitze des Eisbergs, wenn man sich die Unterlagen der BWV anschaut. Seit 2009 sind in der Gemeinde Sipplingen unerklärlich hohe Wasserverluste üblich. Wieso hat die Gemeinde Jahr für Jahr hohe Wasserverluste klaglos hingenommen und erst zweimal, nämlich 2015 und jetzt wieder 2018 reagiert? Die Antwort findet sich in der besonderen geografischen Lage des Dorfes.

Mehrverbrauch an Wasser wirkt sich nicht auf Gemeindehaushalt aus

Sipplingen ist eine sogenannte Fassungsgemeinde, ein Ort also, in dem das Wasser „gefasst“, dem Bodensee entnommen wird. Dadurch stehen dem Dorf jährlich neben der ihr als Zweckverbandsmitglied zustehenden Menge an Wasser von 94.608 Kubikmeter eine weitere Freimenge von 86.724 Kubikmeter zu. Zusammen hat sie Anspruch auf 181.332 Kubikmeter. Wenn diese Menge nicht überschritten wird, wirkt sich ein Mehrverbrauch an Wasser nicht auf den Gemeindehaushalt aus.

Unter finanziellen Gesichtspunkten kann es Sipplingen solange also egal sein, ob und wie viel Wasser wo auch immer verschwindet. Und auch den Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung muss es nicht stören, da er die Wassermenge ohne zusätzliche Einnahmen so oder so liefern muss.

Erst dreimal, nämlich 2015, 2017 und 2018 überschritt die gelieferte Wassermenge in Sipplingen die Marge von 181.332 Kubikmeter, wobei 2017 die Grenzüberschreitung mit 3378 Kubikmeter zu den beiden anderen Jahren vergleichsweise gering ausfiel.

Wasserverlust schien niemanden zu stören

Erst in diesem Moment bestand jeweils aus finanzieller Sicht bei der Wasserversorgung-Bodensee oder bei der Gemeinde Sipplingen Handlungsbedarf. Ansonsten schien es niemanden zu stören es, dass seit 2009 jedes Jahr, abgesehen von den genannten Spitzenjahren, ein Wasserverlust zwischen 60 und 80 Prozent anfiel.

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Nach Auskunft von Bürgermeister Oliver Gortat unternimmt die BWV gegenwärtig „alles technisch Mögliche, um dem Verbrauch auf die Schliche zu kommen“.

Gemeinsam mit der BWV werde auch untersucht, „ob die Anschaffung neuer Gerätschaften Sinn macht“, heißt es weiter in einer Mail des Bürgermeisters. Er verweist auf einen Dienstleistungsvertrag mit der BWV über die Betreuung des Sipplinger Ortsnetzes. Doch die BWV schränkt ein: Man sei zwar für „Rohrbruch zuständig oder dafür, Tiefbauunternehmen zu beauftragen, oder für Qualitätssicherung und Kontrollen. Aber alles, was über den Vertrag hinausgeht, ist Aufgabe der Gemeinde.“

Vor allem nachts erhöhte Wasserentnahme

Die BWV hatte beobachtet, dass 2018 vor allem seit Oktober eine erhöhte Wasserentnahme am Hochbehälter gemessen werden konnte. Nachts seien in der Zeit von Mitternacht bis 4 Uhr morgens zwischen acht bis elf Kubikmeter Wasser pro Stunde entnommen worden (üblich 4 – 5 Kubikmeter pro Stunde).

Doch auch nach Ausbesserungen des Rohrnetzes, sieben Rohrbrüche wurden nach einer Überprüfung repariert, verringerte sich die Entnahme am Hochbehälter lediglich auf 7 – 8 Kubikmeter Wasser pro Stunde. Das Rohrnetz von Sipplingen ist – wie in vielen Gemeinden – erneuerungsbedürftig.

So ist es nicht ungewöhnlich, dass durch Lecks in den Jahren 2004-2008 der rechnerische Wasserverlust zwischen 16 und 27 Prozent gelegen habe, schreibt Oliver Gortat. 2009 stiegt dann der Verlust drastisch an – wie oben beschrieben.

Kriminelles Handeln?

Somit liegt aber der Verdacht nahe, dass der hohe Wasserverlust nicht durch ein Wegfließen des Wassers im maroden Rohrnetz seinen Grund hat, sondern dass es einen oder mehrere Verursacher dafür gibt.

Davon geht wohl auch Bürgermeister Gortat aus, wenn er dem SÜDKURIER schreibt: „Leider ist es uns bisher aber nicht gelungen, einen Verursacher zu finden.“ Ein nächtliches Abhören der Rohre auf Geräusche, die auf eine Wasserentnahme schließen lassen, verlief nach Aussage der BWV ebenfalls ergebnislos.

Bleibt die Frage, warum die Gemeinde Sipplingen nicht die Staatsanwaltschaft mit ins Boot holt. Gortat: „Das wäre sicherlich eine Möglichkeit, um den Druck zu erhöhen. Allerdings stehen der Staatsanwaltschaft wohl auch keine anderen technischen Möglichkeiten als der BWV zur Verfügung.“

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