Der Rathaussturm ist Geschichte und war in diesem Jahr auch nur ein virtuelles Stürmle. Damit die Stadtverwaltung trotzdem in Bewegung bleibt, kommt der bevorstehende Umzug in die Schlossscheuer gerade recht. „Nach dem ausgefallen Rathaussturm ist das eine willkommene Bewegungseinheit für uns alle“, lacht Chef-Entrümplerin Monika Schneider, die zusammen mit Salome Kimmig und Simone Striebel das Zepter, oder besser gesagt den Kehrbesen schwingt und gehörig viel Staub aufwirbelt.

„Ist das Kunst oder kann das weg?“, fragen sich Monika Schneider (links) und Sandra Arnold. „Kann weg!“, finden beide und meinen die uralten Bauzeichnungen, welche sie auf dem noch älteren Sofa gefunden haben.
„Ist das Kunst oder kann das weg?“, fragen sich Monika Schneider (links) und Sandra Arnold. „Kann weg!“, finden beide und meinen die uralten Bauzeichnungen, welche sie auf dem noch älteren Sofa gefunden haben. | Bild: Helga Stützenberger

Wer in jüngster Zeit einen Blick in den Rathaus-Hinterhof geworfen hat, mag sich gewundert haben. Von der Dachterrasse herunter ragte eine lange Röhre, die in einen großen Metallcontainer mündete. Und wer stehen geblieben ist, dem ist ein zischendes „Sssst!“, ein lautstarkes „Krawumm!“ oder ein durchdringendes „Patsch!“ nicht entgangen, während Ordner, Akten und Schachteln in die Tiefe sausten.

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Heimlich still und leise – wäre das Getöse im Hinterhof nicht – ist man bei der Stadtverwaltung seit Wochen dabei, die Archive zu sortieren, das Dachgeschoss zu entrümpeln und die Spreu vom Weizen zu trennen. Frei nach dem Motto „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ fällt dabei so manche verstaubte Akte, vor allem aber ganz viel Klump und Krempel dem weit aufgerissenen Schlund in den Rachen.

Akten, Ordner, Zeugs und Krempel: So sah es vor Kurzem im Hof des Rathauses aus, wo eine große Mulde bereit stand, um über eine Metallröhre eine Vielzahl an gesammelten Werken aus beinah sieben Jahrzehnten aufzufangen.
Akten, Ordner, Zeugs und Krempel: So sah es vor Kurzem im Hof des Rathauses aus, wo eine große Mulde bereit stand, um über eine Metallröhre eine Vielzahl an gesammelten Werken aus beinah sieben Jahrzehnten aufzufangen. | Bild: Helga Stützenberger

Mitarbeiter misten aus

„Auch alle Mitarbeiter sind schon längst dabei, ihre Büros und Schreibtische zu entrümpeln“, sagt Monika Schneider. Mit gemeinsamen Kräften, freilich stets mit dem notwendigen Corona-Abstand, ist seit Wochen nicht nur das Team vom Bauamt am Werk, auch die Finanzverwaltung, die Damen aus dem Bürgermeistervorzimmer und sogar Bürgermeister Georg Riedmann höchstpersönlich krempeln die Ärmel hoch und packen ordentlich mit an. „Manchmal war man sich nicht ganz einig, was weg kann und was nicht“, lacht Beate Geng aus dem Bürgermeistervorzimmer heraus. „Was der Eine wegschmeißen wollte, war dem Anderen fast heilig“, meint sie schmunzelnd. Aber wie das bei jedem Umzug sei, ginge das Wegwerfen mit fortschreitendem Verlauf immer leichter von der Hand. Und bei den ollen Markdorfer Schlager-LPs aus den 80er Jahren tönte es unisono: Bloß weg damit!

Leergefegt sieht anders aus. Beate Geng macht deutlich, was bloß nicht weggeworfen werden darf und mit umgezogen wird.
Leergefegt sieht anders aus. Beate Geng macht deutlich, was bloß nicht weggeworfen werden darf und mit umgezogen wird. | Bild: Helga Stützenberger

Gleichwohl nicht alles rausfliegt; vieles bleibt erhalten. Etwa das Archiv im UG des Rathauses, das vorübergehend ins Untergeschoss des Bischofsschlosses umziehen wird. Und dann sind da noch die vielen historischen Ordner vom ehemaligen Krankenhaus, welche den Finanzhaushalt von anno Tobak belegen. Wirft man einen Blick in die noch voll bestandenen Regalreihen, beginnt es trotz Maske in der Nase leicht zu jucken, und man kann ein Niesen kaum unterdrücken.

Chef-Ausmister Georg Riedmann legt höchstpersönlich Hand an beim Entrümpeln des Rathauses.
Chef-Ausmister Georg Riedmann legt höchstpersönlich Hand an beim Entrümpeln des Rathauses. | Bild: Helga Stützenberger

Es ist eine Menge Staub, der hier gerade aufgewirbelt wird und Geschichten von Markdorf und seiner Stadtentwicklung ans Tageslicht bringt. Bis diese Geschichten wieder im Untergrund verschwinden, kitzeln sie Erinnerungen wach. Oder sind am Ende doch in der Mulde gelandet.

Die nehmen wir mit! Simone Striebel (links) und Sandra Engler begutachten die Akten, welche in die Zwischenregistratur nach Stockach gehen.
Die nehmen wir mit! Simone Striebel (links) und Sandra Engler begutachten die Akten, welche in die Zwischenregistratur nach Stockach gehen. | Bild: Helga Stützenberger

Noch stehen einige prall gefüllte Regale auf dem Dachboden. „Genau genommen sind das noch 400 Laufmeter Meter hier oben und weitere 200 im Untergeschoss“, sagt Simone Striebel. Klingt noch nicht so recht nach leergefegt – und ist es auch nicht. „Die gehen in die Zwischenregistratur nach Stockach“, erklärt Striebel. Und die Regale? „Werden von den Männern vom Bauhof bald abgebaut und demnächst in der Schlossscheuer wieder aufgestellt.“ Es gibt also noch gut zu tun.

Leere Regale, wo auf der anderen Seite noch reihenweise Akten stehen: Markdorfs Kämmerer Michael Lissner ist ganz klar fürs harte Durchgreifen beim Ausmisten. Ginge es nach ihm, würde noch deutlich mehr rausfliegen.
Leere Regale, wo auf der anderen Seite noch reihenweise Akten stehen: Markdorfs Kämmerer Michael Lissner ist ganz klar fürs harte Durchgreifen beim Ausmisten. Ginge es nach ihm, würde noch deutlich mehr rausfliegen. | Bild: Helga Stützenberger
Fast zu schade zum Wegschmeißen: Rechnungen und Jahresabschlüsse vom ehemaligen Krankenhaus und Spital aus den Jahren 1950 und 1951 mit echtem Seltenheitswert. Das muss mit.
Fast zu schade zum Wegschmeißen: Rechnungen und Jahresabschlüsse vom ehemaligen Krankenhaus und Spital aus den Jahren 1950 und 1951 mit echtem Seltenheitswert. Das muss mit. | Bild: Helga Stützenberger