Die katholische Gemeinschaft der Pallottiner lebt nun schon seit 90 Jahren auf Schloss Hersberg – und dieser runde Geburtstag soll nun einen würdigen Rahmen finden. Im Jahr 1929 erwarb die 1835 von Vinzenz Pallotti in Rom gegründete Gesellschaft des Katholischen Apostolats (SAC) Schloss Hersberg. Für das Schloss brach damit eine neue Zeit an, denn die Pallottiner bauten das Anwesen um, um darin eine Schule zu errichten.

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Am kommenden Wochenende laden die Pallottiner die Bürger von Immenstaad und Kippenhausen und Interessierte ein, um mit ihnen zu feiern. Am Samstag, 19. Januar, steht ab 19.30 Uhr ein Vortrag auf dem Programm, am Sonntag, 10. Januar, sind Gäste außerdem beim Gottesdienst ab 10.45 Uhr auf dem Hersberg willkommen.

Der Innenhof in den 1950er-Jahren. Bild: Archiv Hersberg
Der Innenhof in den 1950er-Jahren. Bild: Archiv Hersberg

Die wechselhafte Geschichte von Schloss Hersberg reicht bis 1276 zurück. Das Schloss wechselte immer wieder den Besitzer, Teile wurden abgerissen und Neues dazu gebaut. 1621, in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges, wurde das Schloss samt Grundbesitz ans Benediktinerkloster Ochsenhausen verkauft. 1670 ließ der Abt den Neubau des Schlosses beginnen, das heute noch mit Frontalbau und zwei Seitenflügeln mit Treppengiebeln den Hersberg ziert. Im Zuge der Säkularisation kam das Schloss Hersberg wieder in die Hände wechselnder adeliger Besitzer. Vor dem Erwerb durch die Pallottiner gehörte es 90 Jahre lang den Fürsten vom Salm-Reiffenstein-Krautheim.

Schloss Hersberg in der 1920ern. Bild: Archiv Heimatverein
Schloss Hersberg in der 1920ern. Bild: Archiv Heimatverein

Gleich nach dem Erwerb im April 1929 begannen die Pallottiner mit Umbauten, damit ihre Schule für Spätberufende von Konstanz auf den Hersberg umziehen konnte. Am 19. Mai 1930 wurde die Schule mit 75 Schülern eröffnet. Pater Wilhelm Grupp ist einer der zwölf Patres und Brüder, die heute noch auf dem Hersberg leben und war Schulleiter des späteren Aufbaugymnasiums. Warum die Pallottiner die Schule gründeten, erklärt er so: "Viele junge Männer entwickelten erst spät Interesse für den Priesterberuf. Manche nach der Volksschule oder nach der Berufsausbildung, andere, nachdem sie im Ersten Weltkrieg waren. Fürs Studium fehlte ihnen aber das Abitur".

Ein Schlafsaal unter dem Dach im Hersberg im Jahr 1964. Später gab es auch Viererzimmer. Bild: Archiv Hersberg
Ein Schlafsaal unter dem Dach im Hersberg im Jahr 1964. Später gab es auch Viererzimmer. Bild: Archiv Hersberg

Die Pallottiner richteten deshalb auf privater Basis eine Art zweiten Bildungsweg ein, der zu einem fachgebundenen Abschluss führte, mit dem ein Theologiestudium oder ein Studium an einer Pädagogischen Hochschule möglich war. Alle Schüler lebten im Internat auf dem Hersberg. Sie schliefen in großen Schlafsälen unter dem Dach des Schlosses und halfen bei der Reinigung sowie bei der Bewirtschaftung der Felder, die zum Hersberg gehörten.

Schüler, Patres und Brüder packten bei der Kartoffelernte 1960 auf Schloss Hersberg kräftig mit an. Bild: Archiv Hersberg
Schüler, Patres und Brüder packten bei der Kartoffelernte 1960 auf Schloss Hersberg kräftig mit an. Bild: Archiv Hersberg

1940 wurde die Schule von den Nazis geschlossen und das Schloss beschlagnahmt. Etwa 200 deutschstämmige Umsiedler aus Rumänien wurden einquartiert. Alle Schüler und die meisten Pallottiner mussten den Hersberg verlassen. Pater Leo Kruck durfte bleiben und bewirtschaftete mit wenigen Helfern die Felder. Im April 1945 rettete er 22 "Sippenhäftlinge" vor einem Hinrichtungskommando der SS.

Pater Leo Kruck bei der Arbeit im Weinberg. Er rettete das Leben von 22 Sippenhäftlingen der Nazis. Bild: Archiv Hersberg
Pater Leo Kruck bei der Arbeit im Weinberg. Er rettete das Leben von 22 Sippenhäftlingen der Nazis. Bild: Archiv Hersberg

Am 11. Mai 1947 wurde die Schule mit 66 Schülern wieder eröffnet, danach wurde sie zur "Privaten Ersatzschule Aufbaugymnasium". Pläne für einen Schulneubau wurden entwickelt – im Oktober 1968 wurde der Neubau eingeweiht. Zu seinen besten Zeiten hatte das Aufbaugymnasium 130 Schüler die dort sogar das Abitur absolvierten. Darunter war auch der Immenstaader Hubert Lehle, der als erster externer Schüler aufgenommen wurde. Als Ende der Achtziger Jahre die Schülerzahlen schwanden, ließen die Pallottiner die Schule auslaufen. Seither ist Schloss Hersberg ein Bildungshaus. Aus Klassenzimmern wurden Gästezimmer, Vortragssäle und Gruppenräume wurden eingerichtet. Außerdem bieten die Pallottiner dort ein vielfältiges Bildungsprogramm an.

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