Heide Budde und Hubert Lehle treffen sich 51 Jahre später im selben Klassenzimmer. Dort ist eine Kitagruppe provisorisch untergebracht. "Ich bin immer gern zur Schule gegangen", sagt Lehle.
Heide Budde und Hubert Lehle treffen sich 51 Jahre später im selben Klassenzimmer. Dort ist eine Kitagruppe provisorisch untergebracht. "Ich bin immer gern zur Schule gegangen", sagt Lehle. | Bild: Wienrich, Sabine

Da sitzen sie. Der Schüler von damals, leicht ergraut, doch immer noch mit einem jungenhaften Grinsen, Hubert Lehle. Und die einstige Junglehrerin, tatkräftig und entschlossen wie eh und je, Heide Budde. Im selben Klassenzimmer wie vor 51 Jahren.

"Na, erkennst du dich?"

Hubert Lehle (Zweiter von links) war zehn Jahre alt, als Junglehrerin Heide Budde (am Fenster lehnend) die fünfte Klasse der Hauptschule übernahm. Sie motivierte ihn, auf das Aufbaugymnasium zu gehen.
Hubert Lehle (Zweiter von links) war zehn Jahre alt, als Junglehrerin Heide Budde (am Fenster lehnend) die fünfte Klasse der Hauptschule übernahm. Sie motivierte ihn, auf das Aufbaugymnasium zu gehen. | Bild: privat

„Das war meine erste Klasse in Immenstaad“, sagt Budde (76 Jahre) und zeigt auf das Klassenfoto. „Na, erkennst du dich?“ Hubert Lehle (60 Jahre) muss nur einen kurzen Moment suchen, bis er sich entdeckt hat. Zweiter Reihe, zweiter von links. „Da waren wir in der fünften Klasse der Volksschule“, sagt er, „da muss ich so ungefähr zehn gewesen sein.“ Lehle, Jahrgang 1958, gehört zur Generation Babyboomer. Zwischen 1950 und 1960 wurden so viele Babies wie noch nie zuvor geboren. In Immenstaad, wie im Rest der Republik. Zudem lockte die Firma Dornier viele Zuzügler in die schöne Seegemeinde.

Von 1852 bis 1963 gingen die Immenstaader Kinder in diesem Gebäude zur Schule. 1970 wurde es abgerissen.
Von 1852 bis 1963 gingen die Immenstaader Kinder in diesem Gebäude zur Schule. 1970 wurde es abgerissen.

Die alte Dorfschule wurde schnell zu klein

Schnell war klar: Die alte Dorfschule schräg gegenüber vom Schwörerhaus, wo sich heute die Volksbank befindet, reicht für die vielen, vielen Kinder nicht mehr aus. Als Hubert Lehle, Sohn eines Landwirts, 1963 eingeschult wurde, stand die neue Grundschule – der „Altbau“ der heutigen Stephan-Brodmann-Schule – bereits. „Wir waren der erste Jahrgang in der neuen Schule“, erinnert sich Lehle. Auf dem Weg zur Schule traf der Bauernsohn, dessen Familie seit Generationen einen Hof im Frickenwässerle bewirtschaftet, auf die Schüler aus Kippenhausen. Sie marschierten kilometerweit. Die Mitschüler aus Hagnau kamen meist mit dem Linienbus. Unterrichtbeginn war um 7.30 Uhr. „Und um 12 Uhr mussten alle wieder zuhause sein, denn da kamen die Väter zum Mittagessen heim“, sagt Budde lachend. Viele ihrer Schüler kamen aus der Landwirtschaft oder aus Handwerksbetrieben. Bodenständig, aber wenig gebildet. "Unsere Eltern waren nur kurz in der Volksschule", sagt Lehle, "sie mussten doch arbeiten."

Ein Besuch auf dem Gymnasium? Nur für die Elite

Bildung oder gar der Besuch auf einem Gymnasium – das war viele Jahrzehnte lang nur einer kleinen Elite vorbehalten. Nur acht Prozent eines Jahrgangs studierten nach 1945. "Doch dann kam der Sputnik-Schock", erinnert sich Budde, "man wusste, dass etwas passieren muss, um mit dem wissenschaftlichen Fortschritt mithalten zu können." Das Ergebnis der politischen Diskussion war eine bundesdeutsche Bildungsreform, die einer breiteren Bevölkerungsschicht Bildung ermöglichen sollte. Jungs wie Landwirtssohn Hubert Lehle – klug, gute Noten, aber aus einem eher bildungsfernen Haushalt – sollten eine Chance bekommen, zu studieren.

Aufgrund der geburtenreichen Generation Babyboomer entstand bis 1963 der Altbau der heutigen Stephan-Brodmann-Schule. Doch der hat nicht lange ausgereicht und musste bald erweitert werden.
Aufgrund der geburtenreichen Generation Babyboomer entstand bis 1963 der Altbau der heutigen Stephan-Brodmann-Schule. Doch der hat nicht lange ausgereicht und musste bald erweitert werden. | Bild: Lippisch, Mona

"Ich bin generell richtig gerne in die Schule gegangen", erinnert sich der 60-Jährige, "die Alternative war, zuhause anzupacken." Vor der Schule wurde erstmal auf dem Hof gearbeitet, danach auch. "Eigentlich war mein Weg vorgezeichnet und ich sollte den Hof übernehmen", sagt Lehle. Doch junge Lehrer ermutigten ihn, mit der Schule weiterzumachen. Sie förderten ihn, sprachen ihm gut zu, zeigten Alternativen. Allen voran Heide Budde, die selbst aus einem Akademikerhaushalt kam. Lehle machte die Aufnahmeprüfung für das Aufbaugymnasium im Kloster Hersberg, das bis in die 1990er-Jahre noch existierte. Er bestand. Und er hatte Glück: Sein Vater unterstützte den Wunsch seines Sohnes, als erster in der Familie Abitur zu machen. Das war damals noch keine Selbstverständlichkeit.

Hubert Lehle durfte auf das Aufbaugymnasium

Mit 14 Jahren wurde der Immenstaader der erste externe Schüler des Aufbaugymnasiums mit angegliedertem Internat. Nach einer kurzen Probezeit durfte er bleiben – bis er 1977 Abitur machte. Schließlich studierte er an der Uni Hohenheim Landwirtschaft, übernahm den elterlichen Betrieb und machte aus dem einstigen Mischbetrieb einen reinen Weinobstbaubetrieb mit Ferienwohnungen. Die Generation Babyboomer war also auch die Generation Bildungsboomer.

Bereits 1973 musste ein weiterer Anbau her

Dabei waren die räumlichen Voraussetzungen an der Immenstaader Schule in den 1960er-Jahren – trotz Neubau – alles andere als perfekt. "Es gab 18 Klassen mit rund 25 Schülern", erklärt Budde, "und es herrschte extreme Schulrraumnot." Unterrichtet wurde im ausgebauten Handarbeitsraum, eine Klasse musste ins Rathaus ausweichen. "Mein Klassenzimmer war direkt neben der Mosterei der Hausmeistersfrau, das hat erbärmlich gestunken", so Budde. Geturnt wurde im Feuerwehrhaus, im Winter war es dort eiskalt. Und auch das alte Schulhaus in Kippenhausen wurde reaktiviert. Die neue Stephan-Brodmann-Schule reichte fünf Jahre nach ihrem Bau hinten und vorne nicht mehr aus. Der Gemeinderat genehmigte in einem Hauruck-Verfahren einen Anbau für die Hauptschule und eine Turnhalle, die 1973 fertig waren. "Bildung war damals etwas sehr Kostbares", sagt Hubert Lehle.

Die Bildungsreform: Abi für viele!

In den 1960er-Jahren wurde das Bildungssystem der Bundesrepublik grundlegend reformiert.

  • Die Theorie: "Durch das Schulsystem werden schon zehnjährige Kinder – und in der Regel definitiv – in Leistungsgruppen eingewiesen, die durch das Berechtigungswesen einer entsprechenden Gruppierung den sozialen Positionen zugeordnet sind. (...) Die Schule ist deshalb ein sozialpolitischer Direktionsmechanismus , der die soziale Struktur stärker bestimmt als die gesamte Sozialgesetzgebung der letzten 15 Jahre." Was sich so anhört, als sei es im Zuge der Pisa-Studie geschrieben worden, stammt von Pädagoge Georg Picht, der 1964 den Aufsatz "Die deutsche Bildungskatastrophe" in der Wochenzeitung "Christ und Welt" veröffentlichte und damit eine große Debatte anstieß. Pichts Kritik basierte auf dem einem OECD-Bericht von 1963, in dem die Rückständigkeit des deutschen Bildungssystems belegt wurde. Prognostiziert wurde ein großer Fachkräftemangel, der durch die rigide Sozialauslese und das undurchlässige dreigliedrige Schulsystem begründet wurde.
  • Die Praxis: 1964 beschloss die Kultusministerkonferenz das "Hamburger Abkommen", also eine Vereinheitlichung der Schulformen. Alle Schüler besuchen zunächst eine Grundschule, danach folgen Hauptschule, Realschule oder Gymnasium. Das Wort Volksschule entfiel damit, außer wenn Grund- und Hauptschule in einer Schule angeboten wurden. Die Hauptschule endete nach dem neunten Schuljahr, ein zehntes Schuljahr konnte freiwillig absolviert werden und führte zum "qualifizierten Hauptschulabschluss". Zudem wurde Englisch zum Pflichtfach. Alle Schulen, die zum Abitur führen, hießen nun "Gymnasium". Das Ergebnis: Zwergschulen und Volksschulen verschwanden, immer mehr Realschulen und Gymnasien entstanden, neue Universitäten wurden gegründet. Die Zahl der Studierenden stieg – auch durch die Einführung des Bafög 1971 – enorm. (sab)