Mit seiner leuchtend weißen Front und den charakteristischen Treppengiebeln thront Schloss Hersberg im Nordwesten über Immenstaad. Sein Herzstück wurde kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg gebaut, um das Jahr 1658. Die Wurzeln des Schlosses reichen mindestens bis 1276 zurück. Als im Jahr 1929 die Pallottiner dort einzogen, brach für den Hersberg eine neue Zeit an – zuerst mit einer Schule, die ihrer Zeit voraus war. Noch heute leben auf dem Hersberg Pallottiner. Jetzt gibt es dort ein Bildungshaus. Über die ersten Jahre der Pallottiner auf dem Hersberg ist vieles in der Chronik zu finden, die Br. Markus Weßbecher zusammengestellt hat und die später von P. Bertold Geier ergänzt wurde. Demnach begannen die Pallottiner gleich nach ihrem Einzug Ende April 1929 mit Umbauten, damit ihre Schule für Spätberufende von Konstanz auf den Hersberg umziehen konnte. Am 19. Mai 1930 wurde die Schule mit 75 Schülern eröffnet.

Schloss Hersberg heute mit Umbauten, Anbauten und Neubauten. <sup></sup><sup></sup>
Schloss Hersberg heute mit Umbauten, Anbauten und Neubauten. | Bild: Br. Helmut Riedel SAC

Pater Wilhelm Grupp ist einer der zwölf Patres und Brüder, die heute noch auf dem Hersberg leben. Er war Schulleiter des Aufbaugymnasiums und erklärt, warum es Bedarf für diese Schule gab: "Viele junge Männer entwickelten erst spät Interesse für den Priesterberuf. Manche nach der Volksschule oder nach der Berufsausbildung, andere, nachdem sie im Ersten Weltkrieg waren. Fürs Studium fehlte ihnen das Abitur." Die Pallottiner haben auf privater Basis eine Art zweiten Bildungsweg eingerichtet, der zu einem fachgebundenen Abschluss führte. Damit war ein Theologiestudium oder ein Studium an einer Pädagogischen Hochschule möglich.

Alle Schüler lebten im Internat auf dem Hersberg. Die Spätberufenen schliefen in großen Schlafsälen unter dem Dach des Schlosses. Mit Ausnahme der Lehrer hatte das Internat nur für die Küche Personal. So war es Aufgabe der Schüler, Klassenzimmer, Schlafsäle, Flure, Waschräume und Toiletten sauber zu halten. Sie halfen auch manchmal bei der Bewirtschaftung der Felder, die zum Hersberg gehörten. "Offizien" nannte man diese Arbeiten.

Ein Schlafsaal unter dem Dach im Jahr 1964. Später gab es auch Viererzimmer.
Ein Schlafsaal unter dem Dach im Jahr 1964. Später gab es auch Viererzimmer. | Bild: Archiv Hersberg

Im Zweiten Weltkrieg erlebten Schloss und Bewohner dunkle Zeiten. 1940 wurde die Schule von den Nazis geschlossen und das Schloss beschlagnahmt. Etwa 200 "Bessarabiendeutsche", Umsiedler aus Rumänien, wurden dort einquartiert. Das Haus war völlig überfüllt. Alle Schüler und die meisten Pallottiner hatten vorher den Hersberg verlassen müssen. Nur für die Landwirtschaft unbedingt notwendige Kräfte durften bleiben. Pater Leo Kruck bewirtschaftete mit wenigen Helfern die Felder, die zum Hersberg gehörten – und er half auch vielen Immenstaader Bäuerinnen bei der Feldarbeit, deren Männer im Krieg waren. "Kein Wunder, dass er ... von morgens bis abends ... in seinen Arbeitskleidern steckte", heißt es dazu in der Chronik. Im April 1945 rettete Pater Leo Kruck 22 "Sippenhäftlingen" das Leben (s. Erklärtext dazu).

Nach dem Krieg war Schloss Hersberg von französischen Truppen besetzt und in üblem Zustand, als es P. Kruck Ende März 1947 wieder übergeben wurde. Am 11. Mai wurde die Schule mit 66 Schülern wieder eröffnet. "Es fehlte buchstäblich an allem", schrieb Weßbecher, "Wenn auch Schmalhans noch einige Zeit Küchenmeister war, wurde diese Graupensuppen- und Erbsenbreizeit schließlich doch gut überstanden." 1955 wurde der Ostflügel des Schlosses erweitert, um mehr Wohnraum für Brüder, Schüler und Angestellte zu schaffen.

Pater Leo Kruck bei der Arbeit im Weinberg.
Pater Leo Kruck bei der Arbeit im Weinberg. | Bild: Archiv Hersberg

Die Pallottiner beantragten beim Oberschulamt Freiburg die staatliche Anerkennung des Hersberg als Aufbau-Gymnasium mit den Klassen 8 bis 13, ab dem 2. November 1966 durfte sich die Schule Hersberg "Private Ersatzschule Aufbaugymnasium" nennen. "In den Klassen 8 bis 10 gab es komprimierte Lehrpläne", erklärt Pater Grupp, "so wurden Schüler, die vorher in die Volksschule oder Realschule gegangen waren, auf der Stand am Ende der 10. Klasse am Gymnasium gebracht." Pläne für einen Schulneubau wurden entwickelt und umgesetzt. Im Oktober 1968 wurde der Neubau eingeweiht. 1972 machten die ersten Hersberg-Schüler das staatlich anerkannte Abitur.

1971 wechselte Hubert Lehle aus Immenstaad von der Volksschule in die 8. Klasse auf dem Hersberg. "Ich war der erste externe Schüler", berichtet er, "das machte es für mich leichter, weil ich nicht wie die anderen aus meinem gewachsenen Umfeld raus musste." Bis dahin hatten ausnahmslos alle Hersberg-Schüler im Internat gewohnt. Ganz einfach war es auch für den damals 14-Jährigen nicht: "Ich musste im ersten halben Jahr jeden Morgen um 7 Uhr da sein und durfte erst um 18.30 Uhr nach Hause. Das Regiment in der Schule war streng." Vormittags gab es Unterricht, nachmittags wurden Hausaufgaben gemacht. Und auch "Offizien" gab es zu erledigen. Heute sagt Lehle rückblickend: "Ich habe die Schulzeit alles in allem positiv gesehen. Für mich war es ein guter Weg". Er hat anschließend Landwirtschaft studiert. Von etwa 1200 Hersberg-Schülern sind etwa 250 Priester geworden.

Schüler und Patres bei der Kartoffelernte 1960. Auch diese Arbeit gehörte zu den Offizien.<sup></sup><sup></sup>
Schüler und Patres bei der Kartoffelernte 1960. Auch diese Arbeit gehörte zu den Offizien. | Bild: Archiv Hersberg

Zu seinen besten Zeiten hatte das Aufbaugymnasium 130 Schüler. Als Ende der 80er Jahre die Schülerzahlen schwanden, fassten die Pallottiner den Entschluss, die Schule auslaufen zu lassen. Im letzten Schuljahr 1991/92 gab es noch elf Schüler, alle in der 13. Klasse. Alle haben ihr Abitur bestanden.

Pater Siegbert Buhleier lebte von 1965 bis 1984 auf dem Hersberg, als Internatserzieher und später als Rektor. Nach neun Jahren in Friedberg kehrte er 1993 auf den Hersberg zurück, um den Umbau zum Bildungshaus zu leiten. Aus Klassenzimmern wurden Gästezimmer. Auch Vortragssäle, Gruppenräume und alles, was ein solches Haus braucht, wurden eingerichtet. Besonders Gruppen kommen heute gerne. Etwa für Tagungen oder um intensiv zu proben. Chöre, Orchester oder Tanzgruppen nutzen gerne die große Aula, die früher Sporthalle, erzählt P. Buhleier. Und wenn Familien mit Kindern auf den Hersberg kommen, fühlt er sich an alte Zeiten erinnert: "Dann ist wieder richtig Leben im Haus." Auch ein Bildungsprogramm mit interessanten Veranstaltungen für Menschen aus der Region bietet der Hersberg an.

Der Innenhof in den 1950er-Jahren. Bild: Archiv Hersberg
Der Innenhof in den 1950er-Jahren. Bild: Archiv Hersberg

Die Rettung der Sippenhäftlinge

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Insassen der Festungshaftanstalt Küstrin (heute in Polen) in den Süden verlegt. Im April 1945 sollte Pater Kruck 22 dieser Gefangenen und ihre Bewacher auf dem Hersberg aufnehmen. Es handelte sich um hochrangige Offiziere, teils aus dem Umfeld der Gruppe um Graf Schenk von Stauffenberg, dazu den norwegischen und tschechoslowakischen Militärattaché, den Oberkommandierenden der früheren holländischen Armee und andere Persönlichkeiten. Sie trafen am 21. April 1945 durchnässt auf offenen Lastwägen ein. Der Hersberg war völlig überfüllt, Kruck stellte den Neuankömmlingen die Hauskapelle zur Verfügung.

Am 24. April, das Kriegsende war absehbar, entschied sich Major Leussing, Kommandant der Haftanstalt, diese aufzulösen und die Gefangenen frei zu lassen. Der Wachmannschaft stellte er Entlassungspapiere aus. Ein paar Tage zuvor, am 15. April, hatte jedoch „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler die Liquidierung aller politischen Gefangenen befohlen. Am 25. April tauchte nachts ein schwer bewaffnetes Rollkommando der SS auf dem Hersberg auf. Leussing, der die Inhaftierten im Rahmen seiner Möglichkeiten immer gut behandelt hatte, konnte die SS mit einem Bluff zum Abzug bewegen: Er behauptete, die Festungshaft bestehe weiter. Pater Kruck fuhr umgehend mit dem Motorrad nach Urnau und organisierte mit dem Bürgermeister und Pfarrer ein Versteck für die Gefangenen. Noch in der Nacht wurden sie mit einem Lastwagen dorthin in Sicherheit gebracht. Als die SS am 27. April wiederkam, waren die Gefangenen nicht mehr zu finden. Alle haben das Kriegsende überlebt.

Pater Wilhelm Grupp.
Pater Wilhelm Grupp. | Bild: privat