Heiligenberg – Den Grundschulen drückt an etlichen Stellen heftig der Schuh. Das wurde bei einem Gedankenaustausch zwischen dem Lehrerkollegium der Grundschule Heiligenberg und zwei Vertretern der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) deutlich: keine professionelle Schulsozialarbeit, im Vergleich zu anderen Schularten geringe Budgets, keine Lehrerstunden für das Ganztagesschulangebot und neuerdings auch noch Eingriffe von höchster Stelle, von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), in die Methodenfreiheit der Grundschullehrer in Bezug auf das Rechtschreiben. "In Anbetracht dessen, was man den Grundschulen zumutet, herrscht dort relative Ruhe", sagte Martina Jenter-Zimmermann, Vorsitzende des GEW-Bezirks Württemberg.

Probleme nicht unter der Decke halten

Rektorin Gabriele Heidenreich ist nicht gewillt, die Probleme unter der Decke zu halten. Schon im Frühjahr hatte sie mit einigen Kollegen eine Podiumsdiskussion mit Landtagsabgeordneten organisiert, um die Dinge, die an den Grundschulen nicht rund laufen, zur Sprache zu bringen. Jetzt hat sie ein Angebot der GEW wahrgenommen, die im Rahmen ihrer landesweiten Aktion "Zeigt eure Schule" das Gespräch mit den Lehrern sucht.

Wie der GEW-Kreisvorsitzende Thomas Reck erklärte, soll damit den Grundschulen und ihren Lehrern auch ein Stück Wertschätzung entgegengebracht werden. Etwas, woran es nach einhelliger Meinung des Lehrerkollegiums der Grundschule Heiligenberg hinten und vorne fehlt. "Die Unterrichtsarbeit in der Grundschule ist methodisch sehr anspruchsvoll", betont Martina Jenter-Zimmermann. Sie kritisiert deshalb die Pläne des Kultusministeriums, Gymnasiallehrer zu rekrutieren, um den Lehrermangel an Grundschulen abzufedern. Das sehe so danach aus, als ob "Grundschule jeder kann". Kritik aus dem Kollegium wurde auch daran geübt, dass die Kultusministerin mit ihrem Vorstoß zur Rechtschreibmethode in die Methodenfreiheit der Lehrer eingreift und damit, wie Rektorin Heidenreich sagt, "unsere Professionalität untergräbt". Viele Eltern seien verunsichert, weil sie mitbekämen, was an den Grundschulen los sei, hieß es aus der Runde, in die sich auch die Elternbeiratsvorsitzende Sonja Engel und der Heiligenberger Bürgermeister-Stellvertreter Manfred Hornstein gesellt hatten.

Zulieferbetrieb für das Gymnasium

Martina Jenter-Zimmermann meinte, dass die Grundschulen zu stark auf die Rolle als Zulieferbetrieb für das Gymnasium zugeschnitten würden. Sie erntete damit die volle Zustimmung von Rektorin Heidenreich. Die Persönlichkeitsbildung komme zu kurz, meinte sie und beklagte in diesem Zusammenhang, dass die Grundschule Heiligenberg trotz Unterstützung seitens des Staatlichen Schulamtes vom Ministerium nicht als Ganztagesschule anerkannt wurde. Deshalb müsse sie jedes Jahr erneut um zusätzliche Lehrerstunden für das Ganztagesangebot kämpfen. "Das Leben besteht nicht allein aus Deutsch und Mathe", sprach Gabriele Heidenreich von einem viel zu engen Korsett, in das die Grundschulen gezwängt seien. Thomas Reck, selbst Schulleiter in Wilhelmsdorf, würde es sogar begrüßen, wenn an den Grundschulen flächendeckend Ganztagesschulen etabliert würden. Das wäre, so meinte er, auch ein Schritt zur Verbesserung der Chancengleichheit.

Mittlerweile haben die Grundschulen offensichtlich auch vermehrt mit sozialen Problemen zu kämpfen. "Wir werden heute sehr häufig mit familiären Problemen konfrontiert", erklärte Klassenlehrerin Regina Endres. Ein Umstand, der das Kollegium nach einer fachlich fundierten Schulsozialarbeit rufen lässt. Doch die gibt es nicht. Dafür sind die Kommunen als Schulträger zuständig. Und die hätten in puncto Schulsozialarbeit mehr oder weniger offene Ohren, je nachdem, wie gut sie finanziell gestellt seien, beklagte Thomas Reck.

Auf guten Willen des Schulträgers angewiesen

Diese Beliebigkeit gelte im Übrigen auch für das Budget, das die Grundschulen bekommen. Während das Land den Kommunen für den Schulbetrieb aller anderen Schularten sogenannte Sachkostenbeiträge erstatte, schauen die Grundschulen dabei in die Röhre. Sie seien auf den guten Willen des Schulträgers angewiesen und bekommen nur einen Bruchteil pro Schüler, was andere Schularten bekommen. "Wir erhalten 175 Euro pro Schüler", sagt Rektorin Heidenreich. Bei anderen Schularten bewege sich der Sachkostenbeitrag pro Schüler zwischen 840 und 1300 Euro.

Am Rande wurde auch erwähnt, dass an den Grundschulen kaum mehr männliche Lehrer zu finden sind. Die Ursache machte Martina Jenter-Zimmermann an der unattraktiven Besoldung fest. An der Grundschule Heiligenberg unterrichten außer dem Pfarrer nur Frauen. Gabriele Heidenreich hält das für einen unguten Zustand. "Den Kindern geht so das männliche Element ab", sagte sie. An dieser Stelle schloss sich der Kreis der Aussprache. "Herrscht an den Grundschulen trotz des Unmuts vielleicht deshalb Ruhe, weil hier fast nur geduldige Frauen tätig sind?", stellte die Martina Jenter-Zimmermann fragend in den Raum. Fast könnte man dies meinen. "Man jongliert und schaut, wie man es hinkriegt", schildert Gabriele Heidenreich den Grundschulalltag.