Hitze, Hitze und noch mehr Hitze. Die Straßenkünstler auf dem Kulturufer in Friedrichshafen gehen trotzdem ihrer Arbeit nach. Nicht wenige geben täglich drei Vorstellungen zum Besten. Spätestens beim Zählen der Einnahmen merken die Akrobaten, Clowns und Musiker allerdings, dass angesichts der derzeitigen Temperaturen deutlich weniger Menschen an der Uferpromenade unterwegs sind.

Auf Gutmütigkeit angewiesen

"Wenn wir bei einem Auftritt 90 Euro verdienen, sind wir schon mehr als gut dran", erzählt etwa Andrea Ligresti. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb der Straßenkünstler das Publikum am Ende seiner Vorstellung bittet, keine Münzen, sondern Scheine in den kleinen Hut zu legen, der am Boden steht. "Wir sind auf die Gutmütigkeit der Menschen angewiesen. Unser tägliches Ziel sind 250 Euro. Wir leben ja schließlich davon", sagt Ligresti und blickt dabei auf seine Frau Janita Ansaldo Patti.

Andrea Ligresti und seine Frau Janita Ansaldo Patti treten beim Kulturufer als Straßenkünstler auf. Ihr tägliches Ziel sind bei drei Vorführungen 250 Euro Einnahmen.
Andrea Ligresti und seine Frau Janita Ansaldo Patti treten beim Kulturufer als Straßenkünstler auf. Ihr tägliches Ziel sind bei drei Vorführungen 250 Euro Einnahmen. | Bild: Mona Lippisch

Das Ehepaar kommt aus Sizilien und ist seit vielen Jahren als Clown-Comedy-Seifenblasen-Duo "Circobaleno" unterwegs. Mit einem kleinen Bus reisen die beiden quer durch die Republik. Neben Deutschland stehen auch Ländern wie Belgien und Frankreich auf ihrem Programm. Die Wintermonate verbringen die Künstler meist in Italien. "Dann treten wir zum Beispiel in Zirkussen oder im Theater auf", sagt Ligresti.

Eingeladene Künstler erhalten erstmals Antrittsgeld

Mit den Bedingungen auf dem Kulturufer ist der Italiener mehr als zufrieden. In hohen Tönen schwärmt er vom Stellplatz, auf dem die Künstler untergebracht sind. Seit diesem Jahr sind dort die sanitären Anlagen für die Artisten geöffnet. "Wir haben Duschen, eine Toilette, Licht und Strom. Also alles, was es braucht", freut sich Ligresti. Auch ansonsten seien die Veranstalter großzügig. Neben einer freien Mahlzeit und einem Getränk pro Tag erhält jeder Künstler, der vom Veranstalter eingeladen wurde, erstmals 200 Euro Antrittsgebühr.

Das bestätigt Jürgen Deeg vom Kulturbüro. "In den vergangenen Jahren war es immer so, dass viele Künstler ohne Einladung angereist sind und dann täglich die Auftrittsorte und -zeiten ausgelost wurden", erklärt Deeg. Da dieses System dazu führte, dass manch ein Straßenkünstler gar nicht an die Reihe kam, gibt es nun eine andere Regelung: Die Zeiten sowie Orte werden im Vorfeld gerecht zugeteilt. Hat der Artist seine gesamten Vorstellungen absolviert, kann er sich gegen eine Unterschrift 200 Euro am Informationsstand des Kulturbüros abholen. "So haben wir Verbindlichkeit und außerdem einen Anreiz geschaffen", begründet Deeg.

Weniger los als sonst?

Mit den sanitären Anlagen beim Übernachtungsplatz in der Scheffelstraße und dem Antrittsgeld haben sich die Bedingungen für die Straßenkünstler beim Kulturufer verbessert. Und das sei dringend nötig gewesen, meint Annette Will. "Es ist immer schwer, hier zu spielen und damit Geld zu verdienen. Ganz anders, als auf anderen Festen", findet die Seiltänzerin. "Die Gegebenheiten ändern sich nur langsam zum Besseren. Noch vor wenigen Jahren war es grausam."

Seiltänzerin Annette Will ist schon lange beim Kulturufer dabei und kommt jedes Jahr wieder nach Friedrichshafen – trotz der Bedingungen, die für Straßenkünstler ihrer Meinung nach deutlich besser sein könnten.
Seiltänzerin Annette Will ist schon lange beim Kulturufer dabei und kommt jedes Jahr wieder nach Friedrichshafen – trotz der Bedingungen, die für Straßenkünstler ihrer Meinung nach deutlich besser sein könnten. | Bild: Mona Lippisch

Die 40-Jährige ist seit zehn Jahren als Künstlerin beim Kulturufer dabei. An so heiße Temperaturen, wie sie derzeit vorherrschen, kann sie sich kaum erinnern. "Es ist wirklich extrem. Eigentlich mache ich trotzdem immer meine Show, aber eine habe ich dann doch ausfallen lassen", gesteht Will. Dass wegen der Temperaturen weniger Menschen unterwegs sind, merkt auch sie. "Zum Geldverdienen ist es schwierig. Dieses Jahr ist hier noch weniger los als sonst", sagt Will.

Was das Publikum in Friedrichshafen angeht, ist die Seiltänzerin geteilter Meinung. Es gebe einige sehr nette Leute, die ihre Kunst auf dem Hochseil wertschätzen und gut drauf sind. "Aber es gibt eben auch die andere Seite", sagt sie und runzelt ihre Stirn. Trotz dessen ist Annette Will gerne beim Kulturufer dabei. Und das vor allen wegen des Bodensees und der netten Leute, die sie in den vergangenen Jahren kennengelernt hat: "Obwohl ich hier zum Arbeiten bin, fühlt es sich ein wenig wie Urlaub an."

Der erste Eindruck vom Kulturufer: "Großartig"

Javier Cufré und Florencia Ferreyro aus Argentinien treten zum ersten Mal beim Kulturufer auf. "Wir waren vor drei Jahren einmal hier im Land, sonst noch nie", erzählt Ferreyro. Ihren ersten Eindruck von Friedrichshafen beschreibt sie als großartig. "Ich denke, es ist ein gutes Festival hier. Auch wenn es sehr heiß ist", sagt die 34-Jährige.

Die beiden Straßenkünstler ziehen drei Monate durch Europa, bis es danach wieder nach Argentinien geht. Angefangen haben Cufré und Ferreyro in einem Zirkus, danach ging es weiter mit Clownerei. "Wir arbeiten und reisen schon sieben Jahre miteinander und lernen jeden Tag ein wenig mehr dazu", sagt Ferreyro. Und sie ist sich sicher: "Wir werden wieder nach Deutschland kommen, vielleicht auch zum Kulturufer."