Wer Friedrichshafen nicht kennt und nach Feierabend oder zumindest am Wochenende gerne mal noch vor die Tür geht, vor dessen innerem Auge lassen die Zeilen des Songs „Friedhofshafen“ ein eher trostloses Bild entstehen. Ein Bild von einer Stadt, deren Bürgersteige spätestens mit Einbruch der Dunkelheit hochgeklappt werden. Wobei selbst das nicht viel ausmacht: Kneipen gibt es eh kaum noch und wenn, dann lauern in unmittelbarer Nachbarschaft Ruhebedürftige, die zur Verteidigung der Nachtruhe die Nummer des Polizeireviers spätestens auf Kurzwahltaste 3 gespeichert haben.

Wer Friedrichshafen kennt und nicht grundsätzlich anderer Meinung ist, bei dem lässt die Band „110 Prozent“ mit ihrem Song, der seit dem 20. Mai auf Youtube zu finden ist, aber vielleicht auch Erinnerungen wach werden: an weniger trostlose Abende, an ausgelassene Kneipentouren und vielleicht sogar an mitfeiernde Nachbarn. Solche Erinnerungen spielten schließlich eine Hauptrolle, als sich Phil (33), Kai (34) und Nice (24) auf den Boden ihres Proberaumes setzten und das Video zu „Friedhofshafen“ aufnahmen. „Wir wären lieber in einer Kneipe gewesen und hätten das Video dort gedreht“, sagt Sänger und Gitarrist Kai grinsend und dabei schwingt eine Extra-Portion Ironie mit.

Genau darum geht es den drei Häflern schließlich mit ihrem "Protestsong für mehr Nachtleben in Friedrichshafen", wie sie ihn auf ihrer Facebookseite beschrieben: In Friedrichshafen eine Kneipe zu finden, die zu später Stunde noch geöffnet ist und wo obendrein Musik – gerne auch mal live – zu hören ist, ist ihrer Meinung nach gar nicht so leicht.

"Friedhofshafen" bezeichnen die drei Musiker zudem als „Ode an die Heimatstadt“. Der Song, der bei Youtube bislang fast 4000 Aufrufe verzeichnet, hat auf alle Fälle Ohrwurmpotenzial und eignet sich auch bestens zum Mitgrölen und Schunkeln – vorausgesetzt, es findet sich eine Gelegenheit. Manche Zeile lässt eher auf eine wachsende Abneigung, als auf Verbundenheit zur Zeppelinstadt schließen. Wer sich mit den "110 Prozent"-Mitgliedern unterhält, wird aber eines Besseren belehrt. Schließlich könnten sie sich ja auch zuhause verstecken oder ausziehen und das Nachtleben in einer anderen Stadt für sich erobern. Phil, Kai und Nice geben aber weder ihre Musik auf – wenngleich es das Berufsleben nicht unbedingt leicht macht, regelmäßig zu proben – noch das Ausgehen vor Ort. Sie erzählen von längst geschlossenen, lassen aber auch etliche der noch vorhandenen Kneipen nicht aus. Es geht um Gespräche mit Wirten und mit Freunden. Manche geschlossene Kneipe fehle, nach 1 Uhr beschränke sich die Auswahl meist auf zwei Adressen. Mancher Wirt würde den drei jungen Männern zufolge gerne länger öffnen oder öfter Live-Musik anbieten. "Wir haben einen großen Freundeskreis und sind viel unterwegs", sagt Kai. "Junge Leute sind unzufrieden, dass die Stadt nichts macht.

“ Ein Abend vor wenigen Monaten, etwa im Februar, ließ sie den Frust schließlich in ein Lied fassen. Da machten die „110-Prozent“-Mitglieder nach einer Bandprobe einen Abstecher in eine Häfler Kneipe, wo an jenem Abend ein befreundeter Rock-DJ auflegte. Es sei 22, höchstens 23 Uhr, gewesen. „Und die Musik war so leise“, sagt Kai – und da schwingt keine Ironie mit, eigentlich eher schon ein Hauch von Entsetzen. Was lauterer Musik im Wege stand? Offenbar die Erfahrung mit Nachbarn, die etwas dagegen haben, und der Polizei, die dann auch etwas dagegen unternimmt. Das Ergebnis: „Jetzt reicht’s, jetzt schreiben wir ein Lied.“

Ein Lied, in dem durchaus auch Vorzüge Friedrichshafens Platz haben. Die bringen auch die drei Deutschrocker regelrecht ins Schwärmen. „Hier gibt es so viel Geschichte und Kultur“, sagt Schlagzeuger Nice etwa, bedauert aber auch, dass vielen Künstlern nicht die Gelegenheit gegeben werde, sich zu präsentieren. Bassist Phil erklärt: „Wir lieben unsere Heimatstadt, aber wir wollen sie eben wieder schöner haben.“ Und mit „schöner“ geht es ausnahmsweise mal nicht um die ewige Diskussion um Altbauerhalt oder Lochfassade, sondern um das, was zum Beispiel im Erdgeschoss passiert. „Früher gab es alle paar Meter eine Kneipe“, sagt Kai. Was aber nicht heißen soll, dass es ihnen um die reine Kneipendichte geht. Über deren erforderliches Ausmaß ließe sich sicher streiten.

„Eigentlich macht ja alles um 1 Uhr dicht“, beschreibt Kai, was Friedrichshafen aus seiner Sicht zu „ Friedhofshafen“ macht. Nachbarn hätten oft mehr zu sagen als ausgehlustige Bürger, Gastronomen gar nicht die Möglichkeit, sich zu entfalten oder zu expandieren. „Wenn man auf Live-Musik steht, wo geht man dann hin?“, fragt Phil und dabei geht es ihm nicht nur ums Zuhören. „Wir wollen hierbleiben. Wir wollen die Musik, zu der wir hier inspiriert wurden, hier live unter die Leute bringen.“ Zum Beispiel im kommenden Jahr, wenn das vierte Album von "110 Prozent" erscheinen soll. Was "Friedhofshafen" ihrer Meinung nach wieder zum Leben erwecken könnte? Sie loben die Veranstaltungsreihe "City of Music", Ravensburg zeige, wie es gehen kann und auch am Club Vaudeville (Lindau) könne man sich ein Beispiel nehmen. Mehr Unterstützung für Kneipenwirte und Veranstalter, mehr Förderung für lokale Künstler würden sich die Drei wünschen und sehen dabei auch den Gemeinderat und die Verwaltungsspitze in der Verantwortung.

Die drei Jungs haben sich also auf den Boden gesetzt und den Sieg friedhofsgleicher Stille über das Häfler Nachtleben besungen. Natürlich mit Bierflaschen in Griffweite. So viel Punkrock-Klischee musste sein. Satire gehört dazu, erklärt Kai. Der pure Ernst sei "Friedhofshafen" natürlich nicht, die Nachricht aber durchaus ernst gemeint. „Der Song hätte nicht die Resonanz, wenn wir damit so falsch liegen würden“, sagt Phil und meint damit nicht nur die bisherigen Video-Aufrufe. "Ganz genau", ist zum Beispiel in den Kommentaren unter dem längst mehr als 250 Mal geteilten Beitrag auf der Facebookseite von "110 Prozent" zu lesen. Oder auch: "sehr treffend".

 

Die Band

Seit 2009 besteht die Häfler Band „110 Prozent“ aus Phil (Bass), Kai (Gesang und Gitarre) und Nice (Schlagzeug). Zuletzt veröffentlichten sie 2012 ihr drittes Album "Runde 3". Aktuell ist das vierte Album, das voraussichtlich im März kommenden Jahres erscheinen soll, in Arbeit – gut möglich, dass „Friedhofshafen“ als Bonustrack darauf zu finden sein wird. 

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