"Volkskirchliche Strukturen zerfallen

Pfarrer Bernd Herbinger zu aktuellen Entwicklungen in der katholischen Kirche:Kennen Sie den? „In einem alten Dom haben sich die Fledermäuse eingenistet. Frage: Was kann der Bischof tun, um die ungeliebten Gäste wieder loszuwerden? Antwort: Ganz einfach. Er muss sie nur firmen.“ Ein Kalauer, über den man auch in Kirchenkreisen gerne schmunzelt – und der natürlich auch für Pfarrer Bernd Herbinger nichts Neues ist. Jetzt aber Spaß beiseite. Ist das „Sakrament für den mündigen Christen“ für viele Jugendliche wirklich ein letzter Auftritt, um sich danach für Jahre, vielleicht sogar für immer von der Kirche zu verabschieden? Dass Religionsunterricht an der Schule, Kommunion und Firmkatechese heute nicht mehr ausreichen, um wie in früheren Zeiten eine lebenslange Bindung zur Kirche aufrechtzuerhalten, das steht für den Vorsitzenden der katholischen Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafens außer Frage. „Und das Zeitalter, in dem man aus biologischem Grund zum Christen wurde, ist auch vorbei“, so seine Einschätzung.

„Nichts verfällt derzeit so stark wie die volkskirchlichen Strukturen“, zeigt sich Bernd Herbinger angesichts der Zahlen zwar beunruhigt, aber realistisch. Waren im Jahr 2006 noch 26 600 Menschen Mitglieder der Häfler katholischen Gesamtkirchengemeinde, so waren es 2016 nur noch 22 851 – ein Minus von 15 Prozent in zehn Jahren. Man müsse sich der Tatsache stellen, dass auch in Friedrichshafen gerade noch ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehörten, dass die Kirchenaustrittszahlen innerhalb einer gewissen Schwankungsbreite nach wie vor auf einem konstant hohen Level verharrten und dass der Anteil der Religionslosen prozentual weiter am stärksten zunehme. Die in den vergangenen Jahren steigende Anzahl von Taufen als Trend und Weg in die richtige Richtung auszulegen, ist für Bernd Herbinger eher blauäugig und zu kurz gegriffen. Sie sei letztlich der steigenden Geburtenzahl in einer Stadt geschuldet, deren Gesamtbevölkerung weiter wachse. Ob es eine Kausalität zwischen einem Wiedereintritt in die Kirche und einem bevorstehenden Familienfest wie Hochzeit oder Taufe gibt? „Der Verdacht liegt nahe, aber ich kann zumindest in meinen Gemeinden keinen Zusammenhang erkennen“, sagt Herbinger. Er stelle aber fest, dass manchmal bitter geschluckt werde, wenn man erfahre, dass man als Pate auch getauft sein müsse.

Den Kopf in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft in den Sand zu stecken, dazu sieht Herbinger keine Veranlassung. Eine bundesweite Wiedereintritts-Initiative gemäß dem Motto „Komm nach Hause“ würde er sich wünschen. „Wir müssen den Menschen weiter offensiv begegnen.“

"Ein sehr anonymer Vorgang"

Codekan Gottfried Claß: Was die Zahlen über die evangelische Kirchengemeinde verraten:Auch in der evangelischen Gesamtkirchengemeinde in Friedrichshafen geht die Zahl der Gemeindemitglieder kontinuierlich zurück. Waren es Ende 2013 noch 7455 Gemeindemitglieder, gehörten Ende 2016 noch 6923 Mitglieder der Kirchengemeinde an. "Wir haben also mehr als 500 Gemeindemitglieder in den vergangenen drei Jahren verloren", sagt Codekan Gottfried Claß. Dafür seien demografische Entwicklungen verantwortlich, aber auch die Anzahl der Kirchenaustritte habe einen Anteil daran. Zu beobachten sei, dass eher junge Menschen der Kirche den Rücken kehren. "Nur selten sind es über 50-Jährige", so Claß. In der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen werden pro Jahr im Schnitt +/- 80 Austritte verzeichnet. Über die Gründe, warum Gemeindemitglieder aus der Kirche austreten, tappe man meist im Dunkeln. "Wir werden vom Standesamt darüber informiert, schicken den Betroffenen dann noch einen Brief, aber erhalten so gut wie nie eine Antwort – es ist daher ein sehr anonymer Vorgang", erläutert der Pfarrer.

Die Zahl der Aufnahmen ist deutlich geringer, aber für Gottfried Claß umso erfreulicher. "Mit beispielsweise sieben Aufnahmen 2016 oder zehn im Jahr 2015 ist die Bewegung hin zur Kirche zahlenmäßig zwar deutlich geringer, aber die Beweggründe dafür sind sehr spannend", erläutert Claß. Der eine merke nach dem Austritt aus der Kirche, dass diese doch Heimat für ihn ist und er kehre daher zurück. Der andere wolle Pate werden und entscheide sich daher für die Kirche. Momentan sei viel in Bewegung und daher müsse man als Vertreter der Kirche wach sein und darauf reagieren.

Die Zahl der Trauungen und Taufen in der evangelischen Gesamtkirchengemeinde ist in den vergangenen Jahren stabil. "Der Stellenwert von Partnerschaft und Familie ist insgesamt wieder gestiegen", berichtet Claß. Es sei allerdings kein Selbstläufer mehr, dass junge Menschen sich konfirmieren lassen. "Heute werden rund 70 Prozent eines Jahrgangs konfirmiert, früher waren es 100 Prozent." Für Gottfried Claß ist dies eine Entwicklung, die schmerzt. Es sei wichtig, hier gegenzusteuern und in die Jugendarbeit zu investieren, betont er. "Als Kirche sind wir heute stark gefordert", sagt der Codekan. Wichtig sei ihm, gerade auch in Einzelgesprächen für die Menschen in Friedrichshafen präsent zu sein. Und trotz einer konstant hohen Zahl an Kirchenaustritten sei die Zahl der Gemeindemitglieder in Friedrichshafen im Vergleich zu anderen Städten noch relativ stabil. "Von Kollegen höre ich, dass nur noch zehn Prozent aller Kinder einer Stadt christlich getauft werden. Von solchen Zahlen sind wir glücklicherweise noch weit weg."

 

Zahlen im Vergleich

Anders als bei der katholischen Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen gehören die Kirchengemeinden Ailingen und Manzell/Fischbach nicht zur evangelischen Gesamtkirchengemeinde. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde hat 7000 Mitglieder. Mit den Mitgliedern der Kirchengemeinden Ailingen und Manzell/Fischbach kommt man auf rund 11 000 Protestanten im Vergleich zu knapp 23 000 Katholiken (Stand: Ende 2016).