3,4 Hektar des Seewaldes sollen weichen – das zumindest sehen Pläne der Häfler Stadtverwaltung vor. Schon am Montag soll der Gemeinderat grünes Licht für eine Flächennutzungsplan-Änderung sowie den Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan geben. Die Firmen Liebherr-Aerospace und das Unternehmen Aerospace Transmission Technologies (ATT) wollen gemeinsam ihre Standorte erweitern – dafür sollen nun 3,4 Hektar Wald weichen, das sind 34 000 Quadratmeter – eine Fläche etwa so groß wie drei Fußballfelder.

Verwaltung ist für diesen Plan

Die beiden Unternehmen brauchen Platz. "Aufgrund des anhaltenden Wachstums der weltweiten Luftfahrt und der damit verbundenen anhaltend guten Auftragslage sind die zurzeit zur Verfügung stehenden 6 000 Quadratmeter Produktionsfläche bereits voll ausgelastet. Ein weiterer strategischer Kapazitätsaufbau ist dringend erforderlich", teilt eine Sprecherin der Liebherr-Aerospace auf Nachfrage des SÜDKURIER mit. Eigentlich war für dieses Vorhaben eine 22 000 Quadratmeter große Fläche an der Flughafenstraße bereits für die beiden Unternehmen reserviert, doch würde dieses nicht direkt an den derzeitigen Standort angrenzen, sondern wäre durch die Bahnlinie und die Flughafenstraße getrennt. Daher sei die Erweiterung in den Seewald hinein "die deutlich bessere Standortlösung", wie seitens der Verwaltung heißt.

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Naturschützer sind über dieses Ansinnen entsetzt

"Es wäre schade um den Wald", sagt Brigitte Wallkam vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Auch die Schaffung von Ausgleichsflächen ist für den BUND keine Alternative: "Um den Verlust eines solchen Waldes wirklich auszugleichen, müsste man jetzt in der Nähe einen neuen Wald pflanzen und mehrere Jahrzehnte warten, bis der neue Wald dem alten ähnelt und dann erst den jetzigen Wald roden, was natürlich nicht gemacht wird." Zudem befürchtet sie einen Präzedenzfall, wenn in den nächsten Jahren weitere Flächen benötigt würden. Tatsächlich, so steht es in der Sitzungsvorlage, hatte ein Landschaftsplaner schon 2015 den gesamten Seewald-Streifen, der zwischen der B 30 und den Bahngleisen liegt, als potentielle Gewerbefläche eingestuft. Das würde bedeuten, dass bis zur Grenze nach Meckenbeuren der gesamte Waldstreifen eines Tages fallen könnte. Wie aus gut informierten Kreisen zu hören ist, soll das betreffende Waldstück in manchen Ratskreisen bereits als "wertlos" bezeichnet worden sein.

Technische Ausschuss stimmte bereits zu

Die Verwaltung jedenfalls favorisiert das Vorhaben, auf 8,6 Hektar Baumbestand zu verzichten. "Die vorgesehene Fläche lässt sich ... kurzfristig realisieren. Sie ist siedlungsstrukturell geeignet, weil sie eine Fortentwicklung der Gewerbegebiete im Osten darstellt", heißt es in der Begründung. In nicht-öffentlicher Sitzung hat der Technische Ausschuss bereits zugestimmt – nun muss der Gemeinderat am Montag über das Thema beraten.

Gewerbeflächen fehlen in Friedrichshafen

Der BUND verweist darauf, dass auch andere große Unternehmen in Friedrichshafen mit mehreren Standorten erfolgreich leben. "Bei entsprechender Aufteilung, etwa der Verwaltung am einen Standort, der Produktion am anderen, könnte das auch für Liebherr möglich sein", schreibt Brigitte Walkam. Die Entfernung zwischen beiden Flächen betrage auf der Straße etwa 1,5 Kilometer, eine Strecke, die überwunden werden könne.

Bildunterschrift
Bildunterschrift | Bild: Mommsen, Kerstin

Die Stadtverwaltung dagegen argumentiert, dass es grundsätzlich an freien Gewerbeflächen in der Stadt fehle. "Die Flächenreserven haben sich im Laufe der Jahre so weit reduziert, dass nunmehr ... keine Flächen mehr vorhanden sind", so die Stellungnahme der Verwaltung. Nur noch in Kluftern und in Alt-Allmannsweiler sind nennenswerte Flächen frei. Daher wäre der Verzicht auf das eigentlich für Liebherr reservierte Grundstück entlang der Flughafenstraße für die Stadt von Vorteil. "Dadurch bleiben im Bestand Gewerbeflächen erhalten, die die Stadt für weitere Gewerbeansiedlungen benötigt", heißt es.

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Stoff für viele Diskussionen bietet das sensible Thema. In den sozialen Netzwerken formiert sich bereits Widerstand. Spannend wird die Diskussion in der öffentlichen Sitzung am Montag im Gemeinderat: Dort werden die Räte die schwierige Aufgabe haben, zwischen Arbeitsplatzsicherung und Naturschutz abzuwägen.

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