Die Lastwagen und Autos rollen über die B31 um Fischbach, Manzell und Seemoos herum. Auf dem Veloring radeln Pendler ungestört Richtung Innenstadt. In der Friedrichstraße reihen Cafés und Läden aneinander, es herrscht buntes Treiben. Kinderlachen ertönt aus dem hübsch angelegten Uferpark mit seinen vielen Spiel- und Ruhemöglichkeiten. Am Stadtbahnhof steigen Touristen aus der Südbahn, die gerade mit ihrer Elektrolok aus Ulm eingefahren ist. Sie blicken direkt über den modernen Busbahnhof-Platz zum See hinunter und spazieren dann gemütlich auf der Uferstraße Richtung Stadtmitte. So oder so ähnlich könnte eine autofreie Innenstadt aussehen. Eine Vision, die für viele staugeplagten Häfler sehr verlockend sein dürfte.

Mehr Aufenthaltsqualität, weniger Verkehr: So lautet das Ziel der Verkehrsplaner für die staugeplagte Friedrichstraße. Über das "wie" wird der Verkehrsentwicklungsplan Auskunft geben.
Mehr Aufenthaltsqualität, weniger Verkehr: So lautet das Ziel der Verkehrsplaner für die staugeplagte Friedrichstraße. Über das "wie" wird der Verkehrsentwicklungsplan Auskunft geben. | Bild: Sabine Wienrich

Die Realität sieht anders aus. Baustelle reiht sich an Baustelle. Durch die Friedrichstraße schiebt sich ein gnadenloser Durchgangsverkehr und es gibt fast keinen Tag mehr, an dem er nicht zusammenbricht. Friedrichshafen samt seiner Ortsteile ist zum Synonym für Stau geworden – und daran ändern zunächst mal auch Visionen nichts. "Die Autofahrer-Lobby ist so groß, es ist verdammt dickes Brett, das die Politik da noch bohren muss, um insbesondere den Bereich Friedrichstraße autofrei zu bekommen", sagt Bernhard Glatthaar vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Kreisverband Bodensee. Vor rund einem Jahr nahm die Stadtverwaltung einen Anlauf, den einstigen Prachtboulevard Friedrichstraße umzugestalten. Die Fahrstreifen sollten verringert werden, dazu sollte Tempo 20 gelten. Doch der Vorschlag scheiterte bereits im Technischen Ausschuss.

So lange die B31-Umgehung zwischen Waggershausen und Immenstaad noch nicht gebaut ist, stehe diese Idee hinten an – so der Tenor des Gemeinderats. Pläne zum "Stadtquartier Bahnhof- Friedrichsstraße" gibt es bisher nicht, sondern nur ein Entwurfskonzept. Das Problem: Die Eigentümer der betroffenen Grundstücke sitzen noch nicht alle im Boot. Und solange es keinen Bebauungsplan gibt, bleiben es dann eben doch Visionen. Zumindest im Bereich des Uferparks könnten die Ideen bald konkreter werden. Die Stadt will noch vor der Sommerpause einen Wettbewerb zur Neugestaltung ausschreiben. Wenn alles nach Plan läuft, könnte ab Mitte 2018 mit der Umsetzung begonnen werden – und die ersten Ergebnisse würden sich dann im Jahr 2020 zeigen.

Bereits in der Umsetzung ist der Veloring, ein Radverkehrskonzept, das die Stadt in den nächsten fünf bis sechs Jahren rund 9 Millionen Euro investieren will. Er bildet durchgängig schnelle Radwegverbindungen mitten durch die Stadt, die auch viele Bildungseinrichtungen und große Firmen anbindet. Spannend sind hier die visionären Hochtrassen im Bereich des Colmansknoten. ,,Den Colsmanknoten könnte man mit Hochbrücken entflechten und somit für den Rad- und Fußwegverkehr neue Wege schaffen", erklärte Baubürgermeister Stefan Köhler in einer Gemeinderatssitzung im Dezember. Für die Radler vom ADFC ist das noch Zukunftsmusik. "Die Visionen für den Häfler Radverkehr stehen und fallen mit der Priorisierung von Auto- und Fahrradverkehr", erklärt Glatthaar. Und dabei tut sich Oberbürgermeister Andreas Brand nicht leicht.

"Natürlich wäre Friedrichshafen ohne Autos oder sagen wir besser, ohne Abgase und Lärm, eine schöne Vorstellung und wünschenswert – kein Stau, mehr Sicherheit, mehr Lebensqualität", sagt er gegenüber dem SÜDKURIER, "der Veloring ist ein erster Schritt in diese Richtung sowie auch der weitere Ausbau und die Nutzung von E-Mobilität und Carsharing. Aber seien wir ehrlich, bis wir so weit sind, werden noch viele Jahre vergehen. Und ganz ohne Autos kann ich mir Friedrichshafen nicht vorstellen. Unabhängig von der Antriebsform sind sie Zeichen der Mobilität und der Bewegung, gerade hier, der Wiege der Mobilität.“

 

So geht es bei der Südbahn weiter

  • Der Hintergrund: Die rund 100 Kilometer lange Südbahn – die Strecke von Ulm über Biberach und Ravensburg nach Friedrichshafen – ist die älteste Eisenbahnstrecke Württembergs. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Verbindung zweigleisig ausgebaut – doch bis heute ist sie eine der wenigen nicht elektrifizierten zweigleisigen Hauptbahnen in Süddeutschland. Seit 2008 Zum Bauprojekt „Elektrifizierung Südbahn“ zählt auch der Abschnitt von Friedrichshafen nach Lindau-Aeschach. Die sogenannte „Bodenseegürtelbahn“ ist eine eingleisige Strecke, die überwiegend am nördlichen Bodenseeufer verläuft.Die Ziele: Mehr Güterverkehr, mehr Fernzüge – und natürlich geringere Reisezeiten. Dazu kommen Umweltaspekte.
  • Der Streit: Eigentlich ist die Finanzierung der Elektrifizierung die Angelegenheit des Bundes, doch ohne die finanzielle Mithilfe durch das Land Baden-Württemberg hätte der Bund dieser nicht zugestimmt. Im Laufe des Planfeststellungsverfahrens entfachte immer wieder ein Streit über die ständig steigenden Kosten. Mittlerweile liegen sie bei geschätzten 225 Millionen Euro. Der Bund sagte zu, die Hälfte der Kosten zu übernehmen. Die andere Hälfte übernimmt nun nach langer Diskussion das Land – mit einer Deckelung der Maximalkosten auf 112,5 Millionen Euro.
  • Der aktuelle Stand: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt unterzeichnete im vergangenen Dezember den Finanzierungsvertrag für den Bund und machte damit den Weg für die Elektrifizierung der Südbahn frei. Landesverkehrsminister Winfried Hermann zog kurz darauf nach. Im März hat sich die Deutsche Bahn die Strecke Stuttgart – Lindau vertragsrechtlich bis ins Jahr 2023 gesichert.
  • Das bringt es für die Reisenden: Das Verkehrsministerium verspricht einen besseren Takt und mehr Komfort. Von Dezember 2016 an fahren die Interregio-Expresszüge von Stuttgart nach Friedrichshafen bereits im Stundentakt. Ziel der Elektrifizierung ist vor allem eine verringerte Fahrtzeit in Richtung Stuttgart. Ab Friedrichshafen soll es in 1:40 Stunden zum Stuttgarter Hauptbahnhof gehen, statt wie bisher in gut drei Stunden.
  • Der Zeitplan: Die Elektrifizierung soll – parallel zum umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 – Ende 2021 umgesetzt werden. Nach internen Berichten der Bahn wackelt der S21-Zeitplan jedoch stark. Sollte er kippen, hätte das auch Auswirkungen die Südbahn. Nur wenn beide Projekte funktionieren, greift die Zeitersparnis für Reisende aus Oberschwaben in Richtung Stuttgart. (sab)