„Six feet under – gestorben wird immer“ ist eine amerikanische Kult-Fernsehserie, die in Deutschland ab Mai 2004 ausgestrahlt wurde. Der Titel ließe sich ins Deutsche frei übersetzen mit: „1,80 Meter unter der Erde.“ Die Protagonisten dieser Fernsehproduktion, die unter anderem mit sieben Emmys und drei Golden Globes ausgezeichnet wurde, sind die Mitglieder einer Bestatterfamilie aus Los Angeles.

„Andere Väter waren auf dem Fußballplatz, meiner auf dem Friedhof“

Christian Allweier, Bestatter-Meister aus Frickingen, ist ebenfalls in einer solchen Familie aufgewachsen, und zwar in der fünften Generation, beginnend im Jahr 1881. „Andere Väter waren auf dem Fußballplatz und mein Vater war auf dem Friedhof und hob ein Grab aus“, erzählt der 30-jährige Bestatter. Allweier kennt die US-Serie und findet sie gut. Natürlich könne er sich damit nicht komplett identifizieren, aber erstaunlich sei für ihn, dass einige der dort beschriebenen skurrilen Details durchaus in der Praxis vorkämen.

Keine Scheintoten wie in „Six feet under“

Die vielen Scheintoten in der Serie seien allerdings „Mumpitz“, das sei bei ihm noch nie vorgekommen und zu 99,9 Prozent ausgeschlossen, sagt der Bestatter-Meister. Er freut sich aber darüber, dass sein Berufsstand durch die Fernsehserie in den Mittelpunkt des medialen Interesses gehoben wurde. „Wenn ich im Freundeskreis nach meinem Beruf gefragt werde und anfange zu erzählen, dann sind alle immer sehr interessiert und es wird ein langes Gespräch“, schmunzelt der Bestatter.

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Letzter Wunsch: Sektempfang am Grab

Vieles, was mit dem Bestatten der Toten zu tun habe, sei im Laufe der vergangenen Jahre aus dem Schatten getreten, im selben Maße, wie sich auch die Bestattungen deutlich verändert hätten. Sehr individuell sei dies mittlerweile und einmal habe sich ein Verstorbener bereits zu Lebzeiten einen Sektempfang an seinem Grabe gewünscht. Auch diesem letzten Willen habe man entsprochen. Eine individuelle Urne, aus einem Baumstamm gearbeitet und von Allweier selbst geschaffen, ist keine Seltenheit.

Offener Sarg zur Abschiednahme bei 70 Prozent aller Beerdigungen

Würde und Individualität sind die beiden Worte, die Christian Allweier am häufigsten benutzt. Abschiednahmen am offenen Sarg seien mittlerweile bei 70 Prozent aller Beerdigungen der Fall und Abschiednahmen bezeichnet Allweier auch als sein persönliches Steckenpferd. „Die Trauerpsychologie ist das wichtigste Element meiner Arbeit. Dabei möchte ich mit dem Verstorbenen würdevoll umgehen und den Angehörigen den Abschied so angenehm wie möglich machen“, erzählt der Bestatter-Meister.

„Bringe Angehörigen schon mal eine Tasse Tee“

„Kommt ein Angehöriger zum fünften Mal in unseren Abschiedsraum, dann bringe ich ihm auch schon mal eine Tasse Tee.“

Christian Allweier fertigt in der Schreinerei, die zum Betrieb gehört, auch Urnen aus Baumstämmen an.
Christian Allweier fertigt in der Schreinerei, die zum Betrieb gehört, auch Urnen aus Baumstämmen an. | Bild: Christian Allweier

Christian Allweier wuchs in den Beruf hinein: Das Bestattungshaus Allweier folgt dieser Profession bereits seit 138 Jahren. 2008 absolvierte der heute 30-Jährige seine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft im elterlichen Betrieb und machte Anfang 2018 den Bestatter-Meister. Diese Qualifikation ist in Deutschland erst seit zehn Jahren möglich.

Intensive Ausbildung hilft bei Unfällen „zu funktionieren“

Die intensive Ausbildung hilft Allweier auch, wenn er zu Unfällen beispielsweise auf der B 31 gerufen wird. „Hier funktionieren wir dann, nicht abgestumpft, sondern verantwortungsvoll, und stellen sicher, dass der verunfallte Tote so pietätvoll und rasch wie möglich von der Straße kommt“, erklärt Allweier. Psychologische Notfallversorgung, wie bei Unfällen den Einsatzkräften von Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und DRK angeboten, habe er dabei noch nie in Anspruch genommen, sagt Christian Allweier.

Austausch mit Kollegen, um Erlebtes zu verarbeiten

„Wir sind danach ja auch meistens gleich wieder weg“, erklärt er. Allerdings helfe ihm in schweren Fällen schon mal das gute Netzwerk seines Fachverbands und die Möglichkeit, einen Kollegen anzurufen, um sich über das Gesehene und Erlebte auszutauschen. „Ich komme bisher mit solchen Ereignissen gut klar, habe aber auch eine gute Bekannte bei der Seelsorge im Bodenseekreis.“ Der Bestatter ist in seiner Freizeit ein leidenschaftlicher Fotograf. Das Herumstreifen in der Stille des Waldes auf der Suche nach einem Motiv tue ihm gut, erzählt Christian Allweier.

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Gesellschaft holt Tod wieder mehr in die Lebensmitte

Dass die Gesellschaft den Tod wieder mehr in die Lebensmitte hole, hält Allweier für wichtig und richtig. Er sei kein Typ, der Trübsal blase, und das Bestatten der Toten sei eben sein Beruf. Dennoch wisse er wohl um die Besonderheiten dieses Berufes und folge damit auch einer eigenen Berufung. Nach wenigen Tagen im ersten Ausbildungsjahr habe er gewusst, dass er hier an der richtigen Stelle stehe, sagt Allweier. Sein Beruf sei abwechslungsreich und reiche von der klassischen Bestattung bis hin zu Wundverschlüssen, zum Beispiel nach Unfällen.

Totenmaske oder Fingerprint für Hinterbliebene

Auch die Anfertigung einer Totenmaske oder eines Fingerprints des Verstorbenen als Anhänger für die Hinterbliebenen gehören zum Repertoire des Bestatters. „Ich bin aber nicht berufsmäßig immer traurig und auch kein Gruftie-Typ“, lacht Allweier, der seit Jahren als Narrenmutter in der Frickinger Fasnet eine Hauptrolle spielt.

Kürzlich Beisetzung frühgeborener Kinder in Überlingen

Ganz ernst werden Vater Markus Allweier und sein Sohn, als sie zum Abschied von der Beisetzung dreier frühgeborener Kinder kürzlich auf dem Überlinger Friedhof erzählen. „Dekanin Klusmann und Pfarrer Walter traten mit dieser Bitte an uns heran und wir haben ihr gerne entsprochen“, sagt Markus Allweier. Der Bestatter erklärt, dies sei ein Thema, das noch vor kurzer Zeit nicht in dieser Würde für die Betroffenen behandelt worden sei. Auch hier habe sich viel zum Guten geändert. Wie sagte es sein Sohn Christian: „Den Tod wieder mehr in die Lebensmitte der Gesellschaft holen.“