Es gibt Dinge, an die erinnert man sich nicht so gerne. Der Friedensmarsch im Juni 1981 gehört dazu. Die Stadt fühlte sich von Demonstranten belagert und beim Munitionsdepot in Mottschieß waren US-Soldaten in Alarmbereitschaft. Grüne, Jungsozialisten und Jugendgruppen aus dem kirchlichen Bereich wollten gegen die Nachrüstungspläne der NATO demonstrieren und ganz speziell gegen die Lagerung von US-Atomsprengköpfen im Waldgebiet bei Mottschieß. Was heutzutage vielleicht sogar das Interesse der Bevölkerung wecken würde, das war 1981 eine Situation, mit der man nicht so richtig umzugehen wusste. Auch das Rathaus nicht.

2013: Nur wenige Menschen wissen bis heute, wie die Anlage im Wald bei Mottschieß tatsächlich aussieht. Ob dort tatsächlich von den US-Streitkräften Atomsprengköpfe gelagert wurden, ist immer noch ein Geheimnis.
2013: Nur wenige Menschen wissen bis heute, wie die Anlage im Wald bei Mottschieß tatsächlich aussieht. Ob dort tatsächlich von den US-Streitkräften Atomsprengköpfe gelagert wurden, ist immer noch ein Geheimnis. | Bild: Bundeswehr

Bürgermeister Hans Ruck setzte eine Jungsozialistin vor die Tür, die ins Rathaus gekommen war, um die Demonstration anzumelden. Beim zweiten Versuch klappte die Anmeldung dann. Ruck hatte sich an das grundlegende Verfassungsrecht der Demonstrationsfreiheit erinnert und musste auch das „Die-In“ auf dem Marktplatz genehmigen. Dabei stellten eine Vielzahl an Demonstranten aller Altersgruppen die Toten da, die es bei einem Atomkrieg geben würde. Den Pfullendorfern war das alles recht suspekt.

1981: Die Demo auf dem Marktplatz und der Marsch zum Munitionsdepot verliefen absolut friedlich. Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland.
1981: Die Demo auf dem Marktplatz und der Marsch zum Munitionsdepot verliefen absolut friedlich. Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz/Archiv

Plakate verschwanden wie von Geisterhand und Schaufenster wurden mit Spanplatten vor einer möglichen Zerstörung geschützt. Der Bürgermeister rief die Bevölkerung zu Ruhe und Besonnenheit auf und empfahl, die Autos sicher zu verwahren. Nun war Pfullendorf noch nie Berlin und es passierte rein gar nichts. Die Demonstranten lagerten mit ihren roten Fahnen am Stadtsee und die Innenstadt war wie ausgestorben. Die meisten Geschäfte hatten geschlossen und auch die Gaststätten waren dicht. Dafür hatte der SPD-Vorsitzende persönlich gesorgt.

2020: Heinz Kühnlenz ist mittlerweile 81 Jahre alt und verfügt immer noch über ein exzellentes Erinnerungsvermögen. Das gilt auch für den Tag der Demo, den er als Personaloffizier der Kaserne miterlebte.
2020: Heinz Kühnlenz ist mittlerweile 81 Jahre alt und verfügt immer noch über ein exzellentes Erinnerungsvermögen. Das gilt auch für den Tag der Demo, den er als Personaloffizier der Kaserne miterlebte. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Heinz Kühnlenz war damals Oberleutnant in der Kaserne in Pfullendorf und als Personaloffizier bestens informiert. „Es ist absolut nichts passiert“, sagt er. Die amerikanischen Soldaten hätten den inneren Bereich des Munitionsdepots geschützt und die Bundeswehr sei für den äußeren Ring zuständig gewesen. Dazwischen patrouillierten Hundeführer. Aus Sigmaringen waren Feldjäger vor Ort. Fernsehteams filmten das Geschehen. Aber: „Es hat keiner gewusst, ob da tatsächlich Sprengköpfe lagerten“, schmunzelt Kühnlenz. Die US-Soldaten hätten auch ihre Verbündeten im Unklaren gelassen.

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