Beim gestrigen Richtfest machte das neue Familienzentrum "Sonnenschein" im Wohngebiet "Roßlauf" seinem Namen alle Ehre – die Sonne strahlte vom Himmel und auf der Erde die beteiligten Handwerker, Bauherrschaften und vor allem die Kinder und Erzieherinnen des Stadtgartenkindergartens. Sie werden Anfang 2019 in das große, helle, offene und nachhaltig errichtete Gebäude umziehen und besichtigen immer wieder die Baufortschritte an ihrem neuen Heim, wie Leiterin Stefanie Seminara berichtete. Aktuell besuchen 48 Mädchen und Jungen die Einrichtung, die bekanntlich baulich in einem maroden Zustand ist. Dazu kommt eine Hortgruppe mit zehn Kindern.

Mit ihren Kolleginnen und den Kindern sorgten das Stadtkigateam für ein tolles Richtfest, das von Zimmermann Peter von Perbrandt mit dem traditionellen Meisterspruch eröffnet wurde. Gesund, hell, modern und mit natürlichen Baustoffen habe man das Gebäude in Fertigbauweise errichtet, damit die Kinder und Erzieherinnen sich darin wohlfühlen. Viel Lob für die Handwerker gab es von Martina Knorr, die mit ihrem Geschäftsführerkollegen Wolfram Wäscher von der in Warthausen ansässigen Firma Eurokindergarten vom Gemeinderat mit dem Bau beauftragt worden war. Das Duo legt größten Wert auf nachhaltiges, ressourcenschonendes und energieeffizientes Bauen und so wird das Familienzentrum energetisch angehend autark sein. "Wir sind absolut im Zeit- und im Kostenplan", lobte dann Bürgermeister Thomas Kugler die Verantwortlichen. Der zweigeschossige Bau bietet Platz für vier Regelkindergartengruppen mit je 25 Kindern sowie eine Kleinkindergruppe mit einem Dutzend Kindern. "Wir können anbauen und das Angebot um zwei weitere Gruppen erweitern", ergänzte der Rathauschef auf Anfrage des SÜDKURIER, mit Blick auf die Baugebiete "Oberer Bussen", die derzeit erschlossen werden. Dieser Anbau wäre in Richtung Brunnhausen, wobei noch viel, viel Platz für die Außenanlagen bleibt.

Architektin Martina Knorr vom Unternehmen "Eurokindergarten".
Architektin Martina Knorr vom Unternehmen "Eurokindergarten". | Bild: Siegfried Volk

Für die Gestaltung des künftigen Spielgeländes hatten die Kindergartenkinder auf einem Zettel, den sie später an einen gelben Luftballon banden, etliche Wünsche aufgeschrieben – Schaukel, Rutsche, Bäume, Wasser bis hin zu einem Fahrrad. Dann durften auch die Erwachsenen, darunter viele Eltern, die für die Verpflegung sorgten, ihre Wünsche aufschreiben, und auf ein Kommando entschwanden die Sonnenschein-Ballone in den blauen Himmel. Im Anschluss besichtigten etliche Gäste die aufgeräumte Baustelle und ließen sich von Architekten und Handwerkern die Besonderheiten erklären. "Wir hätten mindestens ein Jahr länger benötigt und die Kosten wären auch höher gewesen", antwortete Stadtbaumeister Jörg-Steffen Peter auf die Frage, ob die Fertigbauweise für die Kommune günstiger komme. Weil die Betriebserlaubnis für den Stadtgartenkindergarten aufgrund der maroden Bausubstanz ausläuft, musste der Gemeinderat handeln und hatte ein solches Millionenprojekt erstmals an einen Generalunternehmer vergeben.

Kinder und Verantwortliche vor dem Rohbau.
Kinder und Verantwortliche vor dem Rohbau. | Bild: Siegfried Volk

"Keine Energiekosten für den Kindergartenbetrieb"

Architektin und Eurokindergartengeschäftsführerin Martina Knorr erklärt die energetische Besonderheit des Familienzentrums.

Bei der Energieversorgung des Kindergartens wird keine Energie aus fossiler Verbrennung genutzt?!

Richtig. Den Strom holen wir vom Dach, sprich durch Fotovoltaik. Die Wärmeerzeugung und Kühlung der Räume wird durch den Eisspeicher gesichert.

Eisspeicher? Wie funktioniert das?

Der Eisspeicher ist im Prinzip ein großer Wassertank, in Beton gegossen, der normales Wasser enthält und einen Wärmetauscher. Dabei ist der so genannte Entzugswärmetauscher, wie der Name schon sagt, dafür zuständig dem Wasser die Wärme zu entziehen, während der Regenerationswärmetauscher dafür zuständig ist, dem Wasser die Wärme wieder zuzuführen. Der gesamte Eisspeicher wird im Erdboden versenkt, mit einem Fassungsvermögen von 40 Kubikmeter.

Wie gelangt die Wärme in die Räume?

Es funktioniert wie bei einer Fußbodenheizung. Über Schläuche wird das erwärmte Wasser zugeführt. Und beim Kindergarten haben wir Klimadecken eingezogen, im Prinzip eine Fußbodenheizung, nur eben an der Decke.

Welche Funktion hat jetzt der Eisspeicher?

Der Eisspeicher ist nicht die eigentliche Heizanlage, sondern die Wärmepumpe. Der Speicher ist nur eine mögliche Wärmequelle für die Wärmepumpe. Er ist ein ausgeklügeltes Speichersystem, auf das zurückgegriffen wird, wenn die Solarthermieanlage der Eisheizungsanlage nicht mehr die benötigte Wärme liefern kann. Gerade nachts oder im Winter kann dieser Fall eintreten. Wenn dem Eisspeicher Energie entzogen wird, gefriert das Wasser zu Eis, was als „entladen“ des Speichers betrachtet wird, wenn man mit ihm heizen will. Bei der Vereisung wird durch die Kristallisationswärme so viel Energie freigesetzt, wie man benötigt um Wasser von null auf 80 Grad zu erwärmen.

Wie wird der Speicher aufgeladen?

Als eine Wärmequelle wird die Erdwärme genutzt. In knapp einem Meter Tiefe beträgt diese etwa acht Grad, und liegt somit noch weit über dem Gefrierpunkt. Hier erhält der Speicher einen Teil der benötigten Wärme, um das vereiste Wasser im Eisspeicher wieder aufzutauen. Und in den warmen Sommermonaten kann man den Eisspeicher auch noch zur Kühlung nutzen. In diesem Fall wird dem Speicher schon am Ende der Heizperiode keine Wärme mehr zugeführt. Dadurch lässt man ihn vollständig vereisen. Dieses Eis steht dann als Kältequelle zur Verfügung. Und, anstatt dem Eisspeicher die Wärme zu entziehen, wird diese dem Heizsystem entzogen und dem Energiespeicher zugeführt.

Was bedeutet das für das Raumklima?

Die Wärme genießen die Nutzer hauptsächlich als angenehme Wärmestrahlung, die ohne Luftverwirbelung auskommt und daher keinen Staub in die Atemluft einbringt. Wärmestrahlung und gute Atemluft wirken sich besonders gut auf die Gesundheit der Kinder und Erzieher aus.

Diese Technik verteuert doch den Bau?

Diese Technik ist am Anfang wirklich teurer, aber wenn Sie die Laufzeit des Gebäudes betrachten, und bedenken, dass keine weiteren Energiekosten entstehen, dann rechnet sich das.

Fragen: Siegfried Volk