Die Nominierung des SPD-Bundestagskandidaten für den Wahlkreis 295 Zollernalb-Sigmaringen am vergangenen Samstag fand unter mehrfach unüblichen Bedingungen statt und war zudem richtig spannend. Stella Kirgiane-Efremidou, die sich bereits zum dritten Mal für die Kandidatur bewarb, musste sich trotz ihres Bekanntheitsgrads und ihrer hochengagierten Bewerbungsrede ihrem jungen Herausforderer Robin Mesarosch geschlagen geben.

Veranstaltung wegen Corona in der Bizerba-Arena

Coronabedingt haben die Mitglieder des Wahlkreises Zollernalb-Sigmaringen ihre Nominierungsveranstaltung für den Bundestagskandidaten unter freiem Himmel in der Balinger Bizerba-Arena abgehalten.
Coronabedingt haben die Mitglieder des Wahlkreises Zollernalb-Sigmaringen ihre Nominierungsveranstaltung für den Bundestagskandidaten unter freiem Himmel in der Balinger Bizerba-Arena abgehalten. | Bild: Susanne Grimm

Der 29-jährige Enkel eines aus Ungarn vertriebenen Donauschwabenpaares überzeugte mit seinem mitreißenden Aufritt die 63 stimmberechtigten Mitglieder des Kreisverbandes derart, dass er 42 der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen konnte. Als die Versammlungsleiter, Bernhard Schäfer und Alexander Maute, das Ergebnis der Wahl verkündeten, brandete Jubel auf unter der überdachten Tribüne der Bizerba-Arena in Balingen, dem der Corona-Pandemie geschuldeten ungewöhnlichen Tagungsort.

35 Jahre Erfahrung in der Kommunalpolitik

Stella Kirgiane-Efremidou, die mit mehr als 35 Jahren Erfahrung in der Kommunalpolitik punkten kann, war mit der Überzeugung angetreten, bei der kommenden Bundestagswahl gerade als Frau den ersten Frauenlistenplatz in Südwürttemberg zu erobern, zumal die bisherige SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis nicht mehr für den Bundestag kandidiert. Mit ihrer dritten Kandidatur wollte sie zeigen, „dass es mir wirklich ernst ist!“. Soziale Gerechtigkeit, Umwelt und Klima, Bildung und Perspektiven für die Jugend, all das und noch viel mehr liege ihr am Herzen, sagte die Trägerin des Bundesverdienstordens. Die Bürger ernst nehmen, „nicht nur auf einer Sommertour, wie Thomas Bareiß„.

SPD Mitglieder des Wahlkreises Zollernalb-Sigmaringen geben ihre Stimme ab, natürlich mit Mund-Nasenschutz in Rot.
SPD Mitglieder des Wahlkreises Zollernalb-Sigmaringen geben ihre Stimme ab, natürlich mit Mund-Nasenschutz in Rot. | Bild: Susanne Grimm

Die 55-jährige bescheinigte dem CDU-Wahlkreisabgeordneten Bareiß „wenig bis nichts“ für seinen Wahlkreis erreicht zu haben. Auch die Fürsprecherin von Kirgiane-Efremidou, Susanne Fuchs vom Kreisverband Sigmaringen, konnte der Bewerberin nicht zu einem besseren Wahlergebnis verhelfen. Sie attestierte der Weinheimerin mit griechischen Wurzeln nicht nur hervorragende und nicht schubladenkonforme politische Arbeit, sondern „sie trägt das Herz auch am rechten Fleck – nämlich links!“

Mesarosch überzeugt mit seinen Argumenten

Die abgeschlagene Kandidatin zeigte sich aber als faire Verliererin, gratulierte dem Gewinner und sagte ihm und den Kreisverbänden weiterhin ihre Unterstützung zu. Robin Mesarosch, der junge aufstrebende SPD-Mann überzeugte die anwesende Wählerschaft mit einer ganzen Bandbreite nachvollziehbarer Argumente. Nicht zuletzt mit dem Altersdurchschnitt und der Anzahl der Kreisverbandsmitglieder. „Könnt ihr noch warten?“, rief er keck jenen zu, die nach seinen Aussagen meinten, er könne aufgrund seiner Jugend noch warten.

Ein Ziel ist die Verjüngung der Partei

Als Beispiel nannte er seine Teilnahme an der Hauptversammlung eines Ortsvereins. Hierbei habe ihn die Tatsache erschreckt, dass bei der Verlesung der Verstorbenen die Totenliste länger gewesen sei „als die Lebendigen im Raum“. Er formulierte als oberstes Ziel, junge Mitglieder zu gewinnen, um unter anderem „die starke Arbeit der mittleren und älteren Generation zu bewahren, die mir sehr wertvoll erscheint“. Doch der „fast einschüchternde Respekt vor dieser Arbeit“ sei für ihn echte Motivation. Verjüngen will er die Partei und ist überzeugt, dass er das mit seiner Erfahrung als Kommunikationsberater von Berliner Politikern und Leiter von Landtags- sowie Kreistagswahlkämpfen schaffen kann.

Angriff auf Thomas Bareiß von der CDU

Durch seine Berliner Zeit habe er Erfahrungen, die andere nicht hätten. „Wenn wir unsere Erfahrungen und Fähigkeiten zusammenlegen, können wir so richtig aufdrehen“ und Thomas Bareiß kontra geben, denn „mit einem Weltbild aus den Fünfzigern kann man unsere Region nicht in die Zukunft führen“, feuerte der junge Heißsporn seine Genossen an. Mit den Themen Kindergrundsicherung, (“im Landkreis Sigmaringen gibt es 1235 Kinder die in Armut leben“), Digitalisierung, Verkehr, Hausärzteversorgung (44 Prozent der Hausärzte im Landkreis sind 60 Jahre und älter und das vor dem Hintergrund begrenzter Medizinstudienplätze, aber tausender Studierwilliger“), Pflege oder Klimaschutz (“in Bad Saulgau ist der Grundwasserspiegel in zwei Jahren um zwei Meter gesunken“) riss Mesarosch Bereiche an, die ihm wichtig sind, wobei er es verstand, diese Dinge nachvollziehbar auf kommunale und regionale Ebene herunterzubrechen.

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Auch seine Sprache war dicht an den Menschen: „In der Coronakrise retten uns die Pflegekräfte gerade den Arsch!“. Gedankt werde es ihnen mit niedrigen Löhnen und Applaus vom Balkon. „Das macht mich wütend!“. Dem „Dorfkind aus Langenenslingen und derzeitigem Referenten des Bundesaußenministers“ gelang es so, die Mehrheit der Stimmen zu erhalten.