Die Überlinger Altstadt wird wegen ihrer Atmosphäre und ihres historischen Flairs von Einheimischen und Gästen gleichermaßen geliebt. Diese charakteristischen Wurzeln zu bewahren und die Stadt gleichzeitig durch zeitgemäße Wohnungen und moderne Geschäfte auch unabhängig von der touristischen Saison am Leben zu erhalten, ist eine schwierige Gratwanderung und eine große Herausforderung. Besonders virulent und offensichtlich wurde diese Problematik, als bei der Stadt im August 2018 der Abriss zweier alter Gebäude (Hafenstraße 16 und 18) sowie der Neubau eines Mehrfamilienhauses mit 17 Wohneinheiten samt Tiefgarage und Zufahrt aus der Hafenstraße beantragt wurde.

Eine Bauvoranfrage zur Aufstockung des Café Walker bzw. zum Ausbau des Dachgeschosses mit Anhebung der Traufkante um rund 2,5 Meter beschäftigt den Gemeinderat.
Eine Bauvoranfrage zur Aufstockung des Café Walker bzw. zum Ausbau des Dachgeschosses mit Anhebung der Traufkante um rund 2,5 Meter beschäftigt den Gemeinderat. | Bild: Hanspeter Walter

Nicht nur die Anlieger und Bewohner der nur teilweise sanierten geschichtsträchtigen Gebäude waren im Dezember 2018 aufgeschreckt. „Das Bauvorhaben greift in einen gewachsenen und historisch sehr wertvollen Siedlungsbestand ein“, musste die Stadt feststellen: „Die örtlich festgesetzten Gestaltungsvorschriften der Altstadtsatzung haben keinen Einfluss auf das Maß der baulichen Nutzung ein. Hier regeln allein die Kriterien des Paragraphen 34 des Baugesetzbuches das Einfügen von Bauvorhaben innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile. Es ist beabsichtigt, für das Plangebiet einen Bebauungsplan aufzustellen, der vor allem das Maß der baulichen Nutzung regeln soll.“

Dies war umso mehr erforderlich, als die Stadt in den zurückliegenden Jahrzehnten ganz bewusst darauf verzichtet hatte, einen denkmalrechtlichen Ensembleschutz zu beantragen, wie er bei anderen historischen Stadtkernen oft besteht. Der Abrissbagger war schon bestellt, als die Verwaltung die Notbremse zog. Mit dem Hinweis darauf, dass die Stadt keine sanierungsrechtliche Genehmigung zum Abriss erteilt habe.

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Mit dem Erlass einer Veränderungssperre sollte die anstehende Bauleitplanung gesichert und verhindert werden, dass während des Planungsprozesses vollendete Tatsachen geschaffen werden, „indem bauliche Anlagen errichtet oder die Grundstücke in einer Weise verändert werden, die den Festsetzungen des künftigen Bebauungsplanes widersprechen“. Der vorliegende Bauantrag stehe den angedachten Zielen der Bauleitplanung entgegen.

Inzwischen wurde ein Entwurf für künftige Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Grundstücke zwischen Hofstatt/Landungsplatz und Mantelhafen mehrfach beraten und im Januar von Stadtplaner Thomas Kölschbach der Öffentlichkeit vorgestellt. Bewusst verzichtet wird hier auf die Ausweisung definierter Baufenster vor dem Hintergrund der meist nicht einsehbaren Innenhöfe der Quartiere. Die Festsetzungen beschränken sich meist auf die maximalen Firsthöhen der Gebäude und deren Traufhöhen. Gerade deren Unterschiede mache den Charakter der Altstadtbebauung aus, argumentiert Thomas Kölschbach. Festgelegt werden sollen auch die Fluchten der Gebäude und die absoluten Grenzen.

Einzelne Anregungen und Wünsche zum jüngsten Entwurf standen jetzt zur Beratung und Entscheidung an. Wobei nicht immer der aktuelle Bestand den möglichen Grenzen gegenübergestellt war, was eine Bewertung an manchen Stellen erschwerte. Das eine oder andere Gebäude entsprach schon nicht mehr den vermeintlich aktuellen Dimensionen.

Für Diskussionen sorgte auch eine nach der öffentlichen Präsentation eingegangene Bauanfrage zur Aufstockung des Café Walker mit einer Erhöhung der Traufe um mehr als zwei Meter, über die in den Gremien noch nicht beraten worden war. In Unkenntnis einer Beurteilung durch die Denkmalpflege folgte die Mehrheit schließlich einem Antrag von LBU/Grüne, den Entwurf noch einmal zu beraten.

Eine Abstimmung über einzelne Punkte, um den Entwurf voranzubringen, wollte weder Thomas Kölschbach noch OB Jan Zeitler vornehmen. Auch wenn dem Stadtplaner der Aufschub nicht ganz recht war. „Mir sitzen hier die Investoren im Nacken“, sagte Kölschbach.