Der Volkswirtschaftler Professor Dr. Hans Christoph Binswanger ist am Donnerstag in St. Gallen gestorben. Sein langjähriger Weggefährte Oswald Burger schreibt ihm einen Nachruf:

Hans Christoph Binswanger war als Kind des Schriftstellers Robert Binswanger und der Malerin Margarete Goetz am 19. Juni 1929 in Zürich geboren worden. Robert Binswanger stammte aus einer Psychoanalytikerfamilie, die das Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen führte, Margarete war die Schwester des Schriftstellers Bruno Goetz aus dem Baltikum. 1923 bauten sie das „Haus am Regenbogen“ auf der Überlinger Rehmenhalde (Mozartstraße), das zur Keimzelle eines legendären Künstlerkreises auf dem so genannten Überlinger „Hungerhügel“ wurde. In dieser künstlerisch anregenden Umgebung wuchsen Hans Christoph und seine Schwester Rotraut auf.

Hans Christoph Binswanger studierte Volkswirtschaftslehre in Zürich und Kiel, promovierte 1956, seine Habilitation erfolgte 1967 an der Handelshochschule (heute Universität) St. Gallen. Von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrte er als ordentlicher Professor Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Seine Arbeitsschwerpunkte waren die Umwelt- und Ressourcenökonomie, die Geldtheorie, die Geschichte der Wirtschaftstheorie und die europäische Integration. Er gilt als einer der profiliertesten Geld- und Wachstumskritiker und forderte eine ökologische Steuerreform, als dies noch nicht modisch war. Neben vielen Publikationen und Beratungstätigkeiten war er auch ein sehr erfolgreicher Lehrer, er war beispielsweise der Doktorvater von Josef Ackermann. Einer seiner Söhne ist der Volkswirtschaftler Mathias Binswanger

Hans Christoph Binswanger überschritt als Autor und Vortragender aber auch immer wieder die Grenzen seiner Disziplin. So legte er mit „Geld und Magie“ eine „ökonomische Deutung von Goethes Faust“ vor (1985, Neuauflage 2005, auch auf Japanisch und Koreanisch übersetzt).

Als Kenner der modernen Literatur wurde er 1997 in das Preisgericht für die Vergabe des Bodenseeliteraturpreises der Stadt Überlingen berufen, dem er bis 2013 angehörte. Die jüngeren Mitglieder des Preisgerichts überraschte er stets mit originellen Vorschlägen und klaren Urteilen.

Immer wieder kehrte er in das Haus Regenbogen in Überlingen zurück, konsequent nutzte er stets nur öffentliche Verkehrsmittel. Als er am 25. Oktober 2012 im Überlinger Museumssaal über „Wege zu einer nachhaltigen Wirtschaft – Die Rolle der Geldschöpfung“ sprechen sollte, stieß er auf dem St. Galler Busbahnhof mit einem Bus zusammen, und dieser sei stärker als er gewesen, teilte er mit. Er konnte aber seinen Vortrag elektronisch herüber schicken und dieser wurde verlesen. Am 13. Mai 2013 sprach er über sein Lieblingsthema „Geld und Magie“ im Überlinger Kursaal. Und noch vor eineinhalb Jahren, am 8. August 2016, war er in der „Buchlandung“ mit Texten aus seinem Buch „Die Wirklichkeit als Herausforderung / Grenzgänge eines Ökonomen“ zu hören. Nun hat Hans Christoph Binswanger die letzte Grenze überschritten, er starb am 18. Januar 2018 in St. Gallen im Alter von 88 Jahren.

Der Autor dieses Textes, Oswald Burger, Mitglied in der Jury des Bodenseeliteraturpreises, ist langjähriger Weggefährte Binswangers.