Fünf Mal bereits, seit 2008 im zweijährigen Turnus, fanden die Jüdischen Kulturtage statt. Ein sechstes Mal wird es sie nicht geben, zumindest nicht in diesem Herbst, vielleicht 2018 wieder. Aus finanziellen Gründen, so die Veranstalter, mussten sie die bereits weit gediehene Planung absagen. Denn ihnen seien wichtige Sponsoren abgesprungen, wie die Organisatoren Thomas Hirthe und Oswald Burger mitteilen.

Dagegen teilte der Verein KulturkisteÜberlingen in Person von Marco Knüppel mit, dass es die "6. Jüdischen Kulturtage" in Überlingen geben werde. Er beansprucht diesen Titel für sich, nachdem die Kulturkiste in den vergangenen Jahren immer wieder mit einem eigenen Programm die Kulturtage ergänzte. Die Kulturtage standen in den vergangenen Jahren unter der Trägerschaft vom Verein "Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen" (kurz: Stollenverein) und hatten organisatorisch nichts mit dem Angebot der Kulturkiste zu tun. Gleichwohl beantragte Knüppel bei der Kur- und Touristik GmbH in Überlingen nun die Übernahme etwaiger Zuschüsse, die von der KuT an den Stollenverein geflossen sind. Wie KuT-Geschäftsführer Jürgen Jankowiak sagte, habe es für den Stollenverein Zuschüsse zum Kulturprogramm gegeben, er sehe aber keine Veranlassung dazu, das Programm der Kulturkiste nun entsprechend finanziell zu fördern. Im aktuellen Veranstaltungsheft der KuT wurde eine von der Kulturkiste bezahlte Anzeige abgedruckt, in der von den "6. Jüdischen Kulturtagen" die Rede ist. Die Verantwortung für diese Anzeige trage die Kulturkiste, betonte Jankowiak. Im offiziellen Programm ist nur von "Jüdischen Kulturtagen" die Rede, ohne den Zusatz, der eine Fortsetzung der vom Stollenverein organisierten Kulturtage suggerieren würde.

Kulturkisten-Programm

Der Verein „KulturKisteÜberlingen“ (www.kulturkiste-ueberlingen.eu) wurde 2011 gegründet. Er organisiert Autorenlesungen, Konzerte, Kleinkunst. Start ihrer JüdischenKulturtage ist am Donnerstag, 19. Oktober mit dem Film "Rabbi Wolff". Im Programm bis 22. Oktober werden Filme und Texte zu jüdischen Lebenswelten gezeigt. Unter anderem am Freitag, 20. Oktober ein Konzert mit Revital Herzog. Samstag, 21. Oktober: Dokumentarfilm „Knowledge istheBeginning“. Sonntag, 22. Oktober: Jüdisches Leben in Konstanz. Alle Veranstaltungen im Kulturbahnhof Nussdorf, Eintritt frei.

Hintergrund:

Die Jüdischen KulturtageÜberlingen sind aus einer Reihe von Veranstaltungen hervorgegangen, die alljährlich am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur stattfanden. Am Beginn stand die Idee, Werner Haberlands Vermächtnis lebendig werden zu lassen, dass in Überlingen Begegnungen mit der jüdischen Kultur möglich sein sollten. Der verfolgte und ins schweizer Exil gegangene jüdische Philanthrop und Pädagoge hatte den Erlös aus dem Verkauf seines Anwesens in Überlingen für den Neubau der Überlinger Jugendherberge Anfang der siebziger Jahre gestiftet. Die Jugendherberge erhielt denn auch den Namen "Martin-Buber-Jugendherberge". Das Organisationsteam der Jüdischen Kulturtage bestand zunächst aus Karin Walz, Thomas Hirthe und Oswald Burger. Die ersten "Jüdischen KulturtageÜberlingen" fanden 2008 statt. 2011 übernahm der Verein "Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen e.V." die finanzielle Abwicklung und die Trägerschaft. Karin Walz schied aus beruflichen Gründen aus dem Organisationsteam aus, wie Oswald Burger mitteilt. Die Jüdischen KulturtageÜberlingen 2011, 2013 und 2015 organisierten Tomas Hirthe und Oswald Burger, unterstützt von einem großen Helferkreis und finanziell getragen von großherzigem Sponsoring zahlreicher Unterstützer.

Die Planungen für die sechsten Jüdischen KulturtageÜberlingen 2017 begannen vor zwei Jahren, teilen Burger und Hirthe weiter mit. Ein halbes Jahr vor der für den Oktober geplanten Veranstaltungsreihe habe sich abgezeichnet, dass wichtige Sponsoren abgesprungen waren und das ohnehin schmale Budget nicht für die Veranstaltungsreihe ausreichen würde. Es solle wie bisher "auf hohem qualitativem Niveau" stattfinden. Deshalb sagten Hirthe und Burger für dieses Mal das Projekt ab. Hirthe und Burger: ""Natürlich gibt es Überlegungen für eine Fortsetzung. Das Interesse an jüdischer Kultur ist ungebrochen, Ideen gibt es viele und die Kontakte mit jüdischen Musikern, Malern, Schriftstellern und Wissenschaftlern bleiben bestehen."

Jüdische Kulturwochen in Konstanz und Meersburg:

Im vergangenen Sommer fanden vom 18. Juni bis 27. Juli erstmals die seeübergreifenden JüdischenKulturwochen in Konstanz und Meersburg statt, unter der Federführung der Synagogengemeinde Konstanz und des Kulturvereins Meersburg. Zum Einzugsbereich der Synagogengemeinde gehören die Landkreise Konstanz und Bodenseekreis. Bei der nächsten Auflage dieser Kulturwochen, vom 22. April bis 21. Juni 2018, wollen die Veranstalter auch Überlingen einbeziehen. „Dort sind ein bis zwei Veranstaltungen vorgesehen“, sagte Peter Stiefel, Vorsitzender der Synagogengemeinde. Man würde die Reihe aber auch gerne auf andere Orte im Einzugsbereich der der Synagogengemeinde ausdehnen, etwa auf Singen oder Radolfzell. „Mal sehen, wie sich das Ganze entwickelt“, so Stiefel. Keinesfalls sei angedacht, die JüdischenKulturtage in Überlingen „zu übernehmen“. Im Gegenteil, da man davon ausgegangen sei, dass Letztere im Herbst 2017 wieder stattfinden würden, habe man sich bei der Premiere der Kulturwochen auf Meersburg und Konstanz beschränkt und sei außerdem darauf bedacht gewesen, eine Terminkollision zu vermeiden. Über eine etwaige künftige Kooperation mit den Veranstaltern der JüdischenKulturtageÜberlingen würde man sich freuen, versicherten sowohl Stiefel als auch Michael Dörr, Vorsitzender des Kulturvereins Meersburg. Dörr ist von Beruf Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden.

Ergänzung vom 28. Dezember 2018: Marco Knüppel legt Wert auf die Feststellung, dass für das Veranstaltungsheft der KuT (heute ÜMT) nie eine Anzeigenseite in Auftrag gegeben worden sei und bis Ende Dezember keine Rechnung beim Verein Kulturkiste e. V. eingegangen sei.

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