Bodenseekreis – Wer teilnahm, bekam einen Gutschein über 125 Gramm Fleischwaren, 100 Gramm Backwaren, einen Brühwürfel oder auch mal ein Paar Schuhe – Schätze im Nachkriegsdeutschland. Sie sollten Jugendlichen die Kurse des neu gegründeten Jugendbildungswerks Überlingen schmackhaft machen. Bezahlen mussten Teilnehmer zwischen 14 und 25 Jahren nichts, für Erwachsene kosteten Kurse und Veranstaltungen 5 Reichsmark. Das erste Programm passte auf eine Seite. Elektrobasteln, Strohflechten und Blockflötenorchester standen darauf, kunstgeschichtliche Führungen und die Möglichkeit, den Führerschein zu erwerben.

"Interessant, ist dass sie schon Englisch- und Französisch-Kurse auf unterschiedlichen Niveaus angeboten haben, sagt Kreisarchivarin Eveline Dargel. Sie hat das erste Programm im Stadtarchiv von Überlingen entdeckt und sich auf die Reise durch 70 Jahre Aus- und Weiterbildung begeben. "Die Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen, sagt sie. "Die großen gesellschaftlichen Strömungen drücken sich in den Programmen aus. Die VHS hat reagiert oder auch den einen oder anderen Trend gesetzt. Den Anfang machten am Bodensee die Franzosen. Ziel war es, Bildung und Demokratisierung auch Jugendlichen zu ermöglichen, die mit 14 die Schule verlassen hatten. "Das war gar nicht so einfach, viele mussten zu Hause oder auf den Feldern mitarbeiten, sagt Dargel. "Es gab auch eine Anti-Haltung, sich zu engagieren. "Die Menschen waren verschreckt, sie wollten Normalität. Die Kurse haben ihnen auch geholfen, in ein normales Leben zu finden, durch Hobbies zum Beispiel, ergänzt Annelie Müller-Franken, Leiterin der VHS Bodensee.

In den 50er Jahren wurden die Programme umfangreicher, es gab Schreibmaschinenkurse, Malen und "Deutsch für Umsiedler". Berufliche Bildung war in den 60er Jahren gefragt: Lehrgänge für Elektronik und Betriebswirtschaft sowie Ausbildungen zur Stenotypistin oder Sekretärin. Erste Bildungsreisen führten in die Schweiz, nach Österreich oder England. "1966 gab es die ersten Männer-Kochkurse, eingeleitet mit der Frage: Warum sollte es nicht auch für Männer erlaubt sein, einmal in den Kochtopf zu schauen", sagt Dargel.

In den 70er Jahren sind Kurse zur Persönlichkeitsfindung angesagt, zu Selbstfindung, Gruppendynamik und zum neuen Scheidungsrecht. "Hilfe, mein Kind wird erwachsen!", "Macht weibliche Emanzipation wirklich frei?", "Mit 50 noch fit" heißen Kurse. "Die Leute werden mobiler und haben mehr Geld, sagt Dargel: Die VHS bietet Skikurse und Drachenfliegen an. Kreativität steht in den 80ern hoch im Kurs: Theater, Salzteig, Makramee und Batik. Auch der Gesundheitsbereich mit Themen wie bewusste Ernährung, Yoga und Bewegung boomt. Die ersten Programmiersprachen wie Pascal werden unterrichtet.

Stand anfangs die Bildung der Jugend im Vordergrund, veränderte sich das Angebot hin zum Ideal des lebenslangen Lernens. "Schon die ersten Programme zeigen die Bandbreite: Bei uns gibt es nicht nur ein Bildungsthema, sondern das ganze Paket", sagt Müller-Franken. Heute hat das Programm 120 Seiten und stellt sich neuen Herausforderungen: Auf den demografischen Wandel reagiert es mit Computer- und Gymnastikkurse für Senioren. "Im Bereich Integration bieten wir sowohl Sprachkurse und politische Bildung für Migranten an als auch Fortbildungen für ehrenamtliche Helfer." Ebenfalls für eine spezielle Zielgruppe entwickelt wurde das Training "Laufen auf High Heels". "Die jungen Frauen tragen so etwas, dann sollen sie es richtig machen und wissen, worauf sie etwa beim Treppensteigen achten müssen", sagt Müller-Franken.

Volkshochschule

Die Volkshochschule Bodenseekreis ging aus den Jugendbildungswerken Überlingen, Markdorf und Meersburg hervor, die 1947 gegründet wurden. Grundlage waren Bestimmungen des Potsdamer Abkommens, das nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Neuordnung Deutschlands auch die Reedukation der Deutschen festlegte. Die französische Militärregierung ordnete im Südwesten an, Jugendbildungswerke zu schaffen. Ziel war Bildung und Demokratisierung, inhaltliche Gestaltung und Finanzierung übernahmen deutsche Behörden. Auch in Friedrichshafen, Tettnang und Meckenbeuren entstanden Bildungswerke. 1951 gründete das Jugend- und Volksbildungswerk Überlingen in Pfullendorf, 1954 in Heiligenberg, Immenstaad, Salem und Uhldingen Außenstellen.

Diese Struktur übernahm der 1973 entstandene Bodenseekreis und führte die bestehenden Einrichtungen zusammen, ab 1975 unter dem Namen VHS Bodenseekreis. Nur Friedrichshafen behielt seine städtische VHS. Heute bietet die VHS Bodenseekreis in 21 Außenstellen über 2000 Veranstaltungen im Jahr an, zu Bereichen wie Gesundheit, Kultur, Sprachen und berufliche Bildung. 13 Mitarbeiter der Zentrale im Landratsamt koordinieren Programm und Finanzen, 19 Ehrenamtliche leiten die Außenstellen. Im Jahr 2016 nahmen 23 523 Menschen an den Veranstaltungen teil.