Frau Bentele, wie hat sich die Situation behinderter Menschen in Ihrer Amtszeit verbessert?

Wir haben jetzt eine Schlichtungsstelle, für die ich sehr gekämpft habe, die behinderte Menschen oder Verbände anrufen können, wenn sie sich von Bundesbehörden diskriminiert fühlen. Wir haben ein neues Bundesteilhabegesetz, wo man schauen muss, was sich verbessert. Unter anderem werden Menschen, die Eingliederungshilfe erhalten, mehr von ihrem Vermögen behalten dürfen. Das waren vorher 2600 Euro, sie dürfen ab 2020 bis zu 52 290 Euro behalten. Aber wir haben immer noch viele Menschen mit Behinderungen, die arbeitssuchend sind, da sind wir noch längst nicht am Ende der Fahnenstange.

Gibt es Punkte im Teilhabegesetz, bei denen Ihr Engagement zu erkennen ist?

Zum Beispiel, dass es Assistenz geben kann für Menschen mit Behinderungen, die sich ehrenamtlich engagieren. In meinen Augen ist es wichtig, zu zeigen: Menschen mit Behinderungen sind nicht nur diejenigen, für die sich andere engagieren, sondern sie engagieren sich auch selbst. Eine weitere Sache ist der Bereich Bildung. Mir war wichtig, dass Menschen, die studieren und Assistenz brauchen, diese nicht nur für den Bachelor-Abschluss bekommen, sondern auch für den Master.

Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?

Es ist noch immer schwierig für Menschen mit Behinderungen, ihren Wohnort frei zu wählen. Wir haben eine Beschränkung, dass es für sie zumutbar und angemessen sein kann, mit anderen zusammenzuleben. Es gibt Menschen, die wollen das nicht. Dafür muss es Regelungen geben. Jedem Menschen, der sagt, ich möchte allein leben oder mit meinem Partner, meiner Partnerin, soll das ermöglicht werden und nicht aus Kostengründen abgelehnt werden können.

Wie sähe für Sie eine inklusive Gesellschaft aus?

Erst mal sähe die so aus, dass Menschen mit und ohne Behinderungen weniger Vorbehalte hätten. Das ist auch in der Inklusion so: Es sind nicht nur Menschen ohne Behinderungen, die Vorbehalte haben, Menschen mit Behinderungen haben die genauso. In einer Gesellschaft, die ich mir vorstelle, wäre es für viel mehr Arbeitgeber möglich, Menschen mit Behinderungen eine berufliche Perspektive zu geben.

Wie kann man Barrieren im Kopf überwinden?

Ein Schlüssel liegt in der Bildung. Wenn wir Kinder und Jugendliche mit Behinderungen gemeinsam mit anderen unterrichten, ist das eine gute Möglichkeit, sich kennenzulernen und gegenseitig zu erleben. Wichtig ist auch, dass es Berührungspunkte in allen Bereichen gibt, in der Freizeit, im kulturellen Bereich, im ehrenamtlichen Engagement, in der politischen Arbeit. Überall dort müssten Menschen mit und ohne Behinderungen mehr zusammen machen, um sich kennenlernen und schätzen zu können.

Sie waren auf Schulen für Sehbehinderte und dann auf der ganz normalen Uni in München. Worin lag für Sie der größte Unterschied?

In der Schule, in der ich war, gab es perfekte Bedingungen für Menschen, die nicht sehen. Jedes Material war gut aufbereitet, jeder wusste, wie man mit Blinden gut umgeht. An der Uni war das für alle neu. Da war viel mehr Erklärungsbedarf und ich musste mich um vieles selber kümmern. Diese Schule war ein Schutzraum. Deswegen ist es problematisch, wenn Kinder nicht gemeinsam unterrichtet werden. Nachher läuft es doch anders.

Ist andererseits die besondere Förderung grundsätzlich schlecht?

Natürlich wollen wir, dass Menschen in ihren Fähigkeiten kompetent gefördert werden. Ein Blinder muss die technischen Dinge lernen, Blindenschrift, mit Computern umzugehen und so weiter. Aber das muss auch in einem inklusiven System gegeben sein. Ein inklusives System kann und muss das leisten, wenn es funktionieren möchte.

Wie kann Inklusion gelingen?

Indem wir Schule anders denken, indem wir mehr Lehrerinnen und Lehrer für alle Kinder beschäftigen, davon profitieren auch Kinder ohne Behinderung. Indem wir Klassen kleiner machen und außer Frontalunterricht andere Möglichkeiten nutzen. Das würde bedeuten, dass wir Unterricht anders gestalten. Dass wir nicht sagen, wir wollen Inklusion im jetzigen Schulsystem irgendwie hinkriegen.

Sie haben gegen große Hindernisse mehr erreicht als viele andere in Ihrem Alter, was würden Sie als Ihren größten Erfolg bewerten?

Das ist schwierig. Ich bin Sportlerin, meine sportlichen Erfolge habe ich mir wirklich erarbeitet, gemeinsam mit meinem Begleitläufer. In der Politik sind an jedem Erfolg viele Menschen beteiligt. Wenn ich mich entscheiden müsste, sind für mich die sportlichen immer noch die persönlich emotionalsten Erfolge.

Was würden Sie Eltern von behinderten Kindern raten?

Traut euren Kindern viel zu und lasst eure Kinder ihre Grenzen selbst entdecken! Selbst Grenzen entdecken lassen finde ich eine wichtige Voraussetzung, damit sich Kinder auch später mutig etwas zutrauen.

Was würden Sie Kindern oder Jugendlichen mit auf den Weg geben?

Steht dazu und traut Euch, offensiv damit umzugehen, dass ihr eine Behinderung habt. Fragt nach Hilfe, nehmt Hilfe an. Es gibt Dinge, die man nicht kann. Bei mir zum Beispiel: Meine Eltern wohnen auf einem Dorf, da kann ich bis heute nicht hinfahren ohne Auto. Da tue ich mich leichter, wenn ich mich organisiere und meine Freunde mich holen oder meine Familie mich fährt.

Welche Pläne haben Sie ab Herbst?

Ich könnte mir gut vorstellen, Behindertenbeauftragte zu bleiben. Doch das hängt vom Wahlergebnis ab. Insofern hoffe ich auf ein gutes Ergebnis für die SPD!

Gibt es andere Politikbereiche, in denen Sie sich engagieren würden?

Absolut, mich interessieren noch viele andere Themen: Bildungspolitik, Umweltpolitik, oder, als Kind vom Bauernhof, Landwirtschaftspolitik.

Fragen: Corinna Raupach

Zur Person

Verena Bentele ist eine der erfolgreichsten Wintersportlerinnen der Welt. Als Biathletin und Skilangläuferin errang sie zwölf Mal olympisches Gold, fünf Medaillen allein bei den Paralympischen Winterspielen in Vancouver 2010. Viermal war sie Weltmeisterin. Bentele wurde 1982 im Tettnanger Teilort Wellmutsweiler geboren. Sie ist von Geburt an blind. 2011 schloss sie ihr Germanistik-Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit "sehr gut" ab und etablierte sich als Referentin im Personalwesen. Für ihr sportliches und soziales Engagement erhielt sie zahlreiche Ehrungen, unter anderem den Bambi, den Laureus World Sports Award und die Ehrenbürgerwürde der Stadt Tettnang. Seit 2014 ist sie Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.

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