Herr von Meißner, das Land will stillgelegte Bahnstrecken reaktivieren. Die Strecke Pfullendorf-Altshausen wird bislang für den Freizeit- und sporadisch für den Güterverkehr genutzt. Die Strecke von Pfullendorf nach Schwackenreute ist nicht mehr intakt. Bei der Ablachtalbahn verhält sich das ganz anders. Kennen Sie die Strecke?

Das Schicksal der Ablachtalbahn bewegt mich und viele Bahnkollegen. Einerseits ist der westliche Abschnitt aus Mitteln des Konjunkturprogramms erst 2008 grundlegend saniert worden und der östliche Abschnitt von Mengen bis Sauldorf steht für den schweren Stahlzugverkehr betriebstüchtig zur Verfügung. Und andererseits kam völlig überraschend die vom jetzigen Bahnstreckenbetreiber verfügte Sperrung zwischen Sauldorf und Stockach wegen Schäden durch Biber. Hier lohnt es sich sicher, sehr genau hinzuschauen, wie grundlegend wirklich die Biberschäden sind, und ob nicht eine friedliche Koexistenz der streng geschützten Biber mit dem Bahnbetrieb möglich ist. So wie auch bei der Strecke der Schwäbischen Albbahn zwischen Münsingen und Engstingen. Insgesamt würde ich aus eigener Anschauung und aus Gesprächen mit Fachleuten, die schon mit der Strecke zu tun hatten, der Ablachtalbahn einen zufriedenstellenden Zustand attestieren.

Frank von Meißner
Frank von Meißner | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

In Meßkirch und Stockach hofft man auf eine Wiederaufnahme des Betriebs auf der Strecke zwischen Stockach und Mengen. Sie sind Bahnfachmann. Gibt es Chancen?

Für eine erfolgreiche Wiederinbetriebnahme zählen zwei Faktoren: erstens der technische Zustand der Strecke, der eben durchaus solide und kein Hinderungsgrund für eine Reaktivierung ist. Und zweitens das Verkehrspotenzial. Das ist bei der Ablachtalbahn unzweifelhaft in hohem Maße vorhanden. Die Strecke ist nicht nur interessant für den lokalen Güterverkehr, zum Beispiel für Holzzüge ab Schwackenreute. Sie könnte auch für den Durchgangsgüterverkehr zwischen dem Raum Ulm/Oberschwaben und dem Raum Bodensee/Schweiz wieder eine wichtige Funktion übernehmen. Aktuell quälen sich beispielsweise wegen einer Streckensperrung der Gäubahn bei Tuttlingen die Umleiter-Güterzüge über die eingleisige, stark befahrene Bodenseegürtelbahn mitten durch die Bodenseegemeinden. Da wäre die Ablachtalbahn als Direktverbindung viel attraktiver. Das haben mir Verantwortliche mehrerer Eisenbahnverkehrsunternehmen so bestätigt.

Sehr spannend wäre die Strecke auch für einen Freizeitverkehr zwischen Sigmaringen/Mengen und dem Bodenseeraum. So wäre der Weg aus dem Raum Tübingen, nach Fertigstellung von Stuttgart 21 sogar aus dem Großraum Stuttgart, an den Bodensee am schnellsten über die Ablachtalbahn. Umgekehrt könnten auch Ausflügler aus dem Bodenseeraum in die touristisch noch nicht so stark entwickelte Region zwischen Sauldorf, Meßkirch und Krauchenwies gelockt werden, die neben viel unberührter Natur ja auch einige touristische Perlen, wie den Campus Galli, aufzubieten hat. Damit könnte die Ablachtalbahn, gerade auch in der Kombination mit Fahrrad oder E-Bike, den Tourismus und den Freizeitsektor in der Region stärken. Und schließlich wäre eine Verlängerung der Seehäsle-Strecke über Stockach hinaus, zumindest mal für den Schüler- und Pendlerverkehr, mittelfristig eine interessante Perspektive. Insgesamt hat also die Ablachtalbahn vielversprechende Potenziale sowohl für den Personen- als auch für den Güterverkehr.

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Was sind positive Beispiele für eine solche Reaktivierung?

Positive Beispiele von Streckenreaktivierungen gibt es viele. Auch in direkter Nachbarschaft. Die Reaktivierung der Seehäsle-Strecke von Radolfzell nach Stockach im Jahr 1997 ist eine Erfolgsgeschichte, was Fahrgastzahlen (knapp eine Million Fahrgäste pro Jahr) und die wirtschaftliche Entwicklung der Anliegergemeinden anbelangt, für die der Bahnanschluss ein wichtiger Standortfaktor ist. Aber auch in einer eher dünn besiedelten Region erlebt eine einst stillgelegte Eisenbahnstrecke zurzeit eine echte Renaissance: Damit meine ich die sogenannte Räuberbahn zwischen Pfullendorf und Altshausen, die 2009 mit zunächst sehr einfachen Mitteln von den Kommunen reaktiviert und seither Zug um Zug aufgewertet wurde. Hier hat sich ein sehr erfreulicher, stark zunehmender Freizeit- und Touristikverkehr an Sonntagen in der Sommersaison entwickelt. Auch Güterzüge nutzen nun diese kommunale Eisenbahn regelmäßig. Die Pfullendorfer Bahn zeigt, wie eine Eisenbahn auch den Tourismus beleben kann: Wir rechnen in dieser Saison mit rund 5000 Fahrgästen, von denen ein Großteil ohne die Bahn nicht den Weg in die Region gefunden hätte.

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Es müssen größere Investitionen vor allem für gesicherte Bahnübergänge getätigt werden. In welcher Größenordnung muss man denken?

Bei der Ablachtalbahn ist es sinnvoll, ähnlich wie bei der benachbarten Pfullendorfer Räuberbahn, die Strecke nach und nach, in Abhängigkeit vom Verkehrsaufkommen aufzuwerten. Vorrangig sind dabei die Bahnübergänge, deren Schrankenanlagen an den größeren Straßenkreuzungen allein schon wegen der Sicherheit, aber auch um den Verkehrsfluss zu erhalten, wieder in Betrieb gehen sollten. Je nach Zustand der Technik reden wir dort schon über fünf- bis sechsstellige Beträge pro Bahnübergang. Für diese Investitionen gibt es aber auch entsprechende Zuschüsse. Bahnsteige für den Personenverkehr lassen sich, je nach Örtlichkeit und Standard, schon ab einem unteren fünfstelligen Betrag realisieren, wie wir bei der Räuberbahn in Hoßkirch unlängst bewiesen haben. Wichtig: Nicht alles muss auf einmal angegangen werden und die Standards müssen mit Augenmaß gesetzt werden. Wir müssen mit der Ablachtalbahn nicht gleich auf den Standard einer S-Bahn-Strecke kommen.

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Bürgermeister Arne Zwick hat auch eine Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Krauchenwies und Sigmaringen in die Diskussion eingebracht. So könnte Meßkirch unter Einbeziehung der Ablachtalbahn eine direkte Bahnverbindung in die Kreisstadt bekommen. Verkehrsminister Winfried Hermann lehnt diese Überlegungen nicht ab und verweist auf den möglichen Schülerverkehr nach Sigmaringen. Was denken Sie?

Bei der Reaktivierung von Bahnen sollte ruhig etwas großräumiger gedacht werden. Hinsichtlich der Verkehrsströme wäre eine Querspange Sigmaringen – Meßkirch sowohl für den lokalen ÖPNV als auch für den überregionalen Verkehr in der Achse zwischen Stuttgart/Tübingen und Bodensee natürlich ideal. Daher halte ich es für richtig und wichtig, diesen Lückenschluss anzuschauen.

Sollte die Ablachtalbahn wieder für den öffentlichen Personennahverkehr reaktiviert werden, dann stellt sich die Frage, wer sie betreiben soll. Was für Möglichkeiten gibt es da?

Für einen erfolgreichen Betrieb der Ablachtalbahn ist entscheidend, dass erstens alle Akteure vor Ort sich zusammen mit ihrem Sachverstand einbringen: Kommunen, Touristiker, Gewerbe, ÖPNV-Verkehrsverbünde. Das könnte auch über eine Interessengemeinschaft geschehen, die Verkehrs-, Infrastruktur- und Marketingkonzepte entwickelt. So wie beim jüngst prämierten Räuberbahn-Konzept der Pfullendorfer Eisenbahn. Zweitens brauchen wir ein schlankes, schlagkräftiges Team für den Betrieb der Eisenbahninfrastruktur, das mit einem Blick für das Machbare und mit innovativen Ansätzen die Strecke auf- und ausbaut und betreibt, um die Investitions- und Betriebskosten der Strecke in einem vernünftigen Rahmen zu halten. Für die Räuberbahn wurde bei der Stadt Pfullendorf ein solches Team seit 2009 aufgebaut und die Stadt fungiert selber als Eisenbahninfrastruktur-Betreiber. Drittens bedarf es der finanziellen Unterstützung durch das Land in Form von Zugverkehrs-Bestellungen und durch Instandhaltungskostenzuschüsse. Beides hat das Verkehrsministerium bereits in Aussicht gestellt.

Sie kennen ja die Region ganz gut. Hat der ÖPNV hier Nachholbedarf? Könnte die Ablachtalbahn da hilfreich sein?

Schienenverkehrstechnisch ist die Region derzeit ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zwar haben sich die Busverbindungen, auch mit dem Regiobus 500 zwischen Sigmaringen und Überlingen, in jüngster Zeit verbessert. Aber ein Bus wird, insbesondere im Freizeitverkehr, nie die gleiche Akzeptanz finden wie ein vernünftiges Zugangebot. Die seit 2018 steil ansteigende Nachfragekurve auf der Räuberbahn mit vielen Fahrgästen auch aus den Anliegerkommunen zeigt, dass ein echtes Verkehrsbedürfnis in der Region da ist.

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Was ist Ihr bevorzugtes Verkehrsmittel?

Meine Familie und ich haben weder privat noch beruflich ein Auto. Für mich ist es ein Privileg, mich zu meinen dienstlichen Terminen chauffieren zu lassen und die Reisezeit mit produktiver Arbeit im Zug – oder notfalls im Bus – nutzen zu können. Angesichts meiner Arbeitslast für mich nicht ganz unwichtig. Da ich regelmäßig in Pfullendorf zu tun habe, bin ich auch treuer Nutzer der Regiobuslinie 500 und freue mich zu beobachten, wie auch diese Busse von Jahr zu Jahr besser ausgelastet sind. Auch das ist übrigens ein Beweis dafür, dass die Menschen auf den ÖPNV umsteigen, wenn Fahrzeuge, Fahrzeiten, Takt und Tarif attraktiv sind.

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Sie sind ein großer Bahnfan. War das schon immer so und haben Sie eine Modelleisenbahn?

Bei mir fing es tatsächlich mit einer Modelleisenbahn an. Inzwischen ist die Eisenbahn nicht mehr mein Hobby, sondern Beruf und Berufung. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass ein gutes Eisenbahn- und ÖPNV-System ein wichtiger Beitrag zur Lösung der Umweltprobleme ist. Das gilt erst recht, seitdem der Klimaschutz als wichtige Zukunftsaufgabe in nahezu allen Kreisen der Politik und Bevölkerung anerkannt ist. Im Übrigen ist ein gutes ÖPNV-Angebot mit einem attraktiven Schienenverkehr als Basis auch zutiefst sozial, da es allen Menschen hochwertige Mobilität ermöglicht, ohne erst einmal viel Geld in die Anschaffung und dann in den Unterhalt eines Autos stecken zu müssen. Geld, das nicht jeder aufbringen kann. Daher glaube ich, dass wir vor einer Renaissance des Schienenverkehrs stehen.

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