Wenn Regisseur Gernot Grünewald seine Schauspieler maskiert, um eine Adaption von Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ zu inszenieren, stellt er sich damit in eine lange Theatertradition. Die Maske als Werkzeug, geeignet das Publikum aus der Realität heraus hinein in die Fiktion zu ziehen. Nur scheinbar geht dadurch der Mimen Mimik verloren: Die Maske ist das Mittel, das im Gesicht gefangene Minenspiel auf den ganzen Körper und das Bühnenbild auszudehnen.

Dieses Kunststück gelingt dem Regisseur und seinem fünfköpfigen Ensemble vom Landestheater Tübingen. Mithilfe der Masken, gefertigt von Judith Mähler, wird dem Publikum der Weg in Dostojewskis Welt gewiesen, die von Armut, Härte, Herrschaft und Tod geprägt ist. Der kluge Einsatz von Schatten und Klavier, von hölzerner und digitaler Kameratechnik und nicht zuletzt von Staub, ausgespuckt vom ausgepeitschten Bühnenboden aus Kiesel, perfektioniert diese Illusion eines illusionslosen Lebensweltpotraits und erzeugt eben jenen Sog, den es braucht, um in der fiebernden Hybris des Studenten und Mörders Raskolnikow zu versinken. In die schlimmsten schönsten Untiefen wird das Publikum von einem Nebencharakter gerissen: Swidrigajlows Martyrium, gespielt von Daniel Tille, ist der Höhepunkt des Abends.

Es sollte aber nicht verschwiegen werden, dass dem Publikum im Kursaal an diesem Abend ein etwas unkonzentriertes Ensemble gegenüberstand. Ob es an den Startschwierigkeiten mit dem Bühnenbild lag, am Alpenföhn oder an der schieren Textmasse? Einerlei.

Stichwort Textmasse: Grünewald hat einen dicken Roman zusammengekürzt, was ihm als Kompagnon den prosaischen Erzähler einbrachte. Im Stück symbolisiert durch die Demaskierung der Schauspieler, die ihre Rolle ablegen, um zum Kommentar überzugehen. Eine weitere Traditionslinie, kaum hundert Jahre alt. So weit so gut.

Aber: Die Distanzierung vom Bühnengeschehen darf nicht unbegründet erfolgen, da sie den natürlichen Bann eines in sich geschlossenen Stückes zerschlägt. Das politische respektive epische Theater hat als Rechtfertigungsgrund die Entfaltung des kritischen Potenzials des Publikums durchexzerziert. Nur will der Regisseur überhaupt die kritische Distanz? Will er nicht statt des bloßen Zeigens die Identifikation, die Illusion, die Erforschung der Identität des scheiternden Raskolnikow? Die demaskierten Kommentatoren schleppen das in der Prosa unvermeidbare Füllmaterial aus dem Buch heraus mit auf die Bühne, welches dort doch um so viel einfacher hätte ersetzt werden können durch – ein Schauspiel!

Bis zuletzt bleiben Zweifel, ob der Regisseur sich nicht schlicht als Bühnenromancier begreift. Daher gleitet die Durchbrechung des Theaterzaubers in Grünewalds "Schuld und Sühne" ohne Not ab in eine Art Barock des epischen Theaters: Dieser Ballast ist nicht kritisch, sondern eher mühsam.