Es gibt kaum eine Kirche im Umkreis von 50 Kilometern, die der Glasmaler und Glaskünstler Andreas Dierig nicht von innen kennt. Der 55-Jährige kennt die Fenster, das Licht und die Bedeutung der Motive. Doch seine transparent leuchtenden Spuren hat der Überlinger schon weltweit hinterlassen. Unter den zahlreichen besonderen Projekten fällt Dierig schnell die Mitgestaltung eines Parks in Portland in Oregon ein, den Herbert Dreiseitl mit seinem Büro geplant hat. Eine Besonderheit war auch die Rekonstruktion der Chorfenster im Melanchthon-Haus in Bretten, bei dem Dierig sein ganzes glasmalerisches Können unter Beweis stellen konnte.

Selbst auf den Weltmeeren schwimmt farbige Glaskunst aus dem Atelier im Überlinger Guggenbühl. Auf der riesigen Motorjacht "Eclipse" (168 Meter) von Roman Abramowitsch ebenso wie auf der "Assam" (180 Meter) ein gläserner Aufzug, mit der sich Chalifa bin Zayid Al Nahyan aus Abu Dhabi 2013 an die Spitze der Rangliste der Superjachten gesetzt hatte. Zuletzt war es die größte Segeljacht "A" des russischen Milliardärs Andrej Melnitschenko, die der Franzose Philippe Starck entworfen hat und deren drei Carbonmasten mit 100 Metern doppelt so hoch sind wie die Masten beim Windjammer "Gorch Fock". Hier gestaltete Dierig goldene Glaswände zwischen den Badezimmern auf der Jacht.

So spektakulär die Auftraggeber sind, so stressig ist für ihn die Arbeit. Meist gibt es bei derlei Aufträgen einen Chefdesigner, einen Oberdesigner und einen Unterdesigner. "Als ein Chefdesigner mal hier im Atelier und in der Werkstatt stand, kam ich schon ins Schwitzen", erinnert sich Dierig. "Die Anspannung war enorm belastend und kräftezehrend", sagt er und begründet damit auch seine neue Weichenstellung. Er hat das Ateliergebäude seines Vaters schweren Herzens verkauft, doch die Vernunft hat gesiegt. Das Gebäude, für dessen Baugenehmigung Nikolaus Dierig nach dem Grundstückskauf fast fünf Jahre gekämpft hatte, ist optisch zwar sehr beeindruckend, unter heutigen Gesichtspunkten aber alles andere als energetisch rentabel. "Ich brauche hier allein 4000 Liter Heizöl pro Jahr, um das Atelier zu heizen", erklärt Andreas Dierig, "und dennoch friert man, wenn es wirklich kalt ist."

Um seine künftigen Aufträge zu bearbeiten, braucht er weniger Raum. So ist es dem Glaskünstler ein persönliches Anliegen, den Auftrag für die Restaurierung der Chorfenster des Überlinger Münsters zu bekommen. In den letzten Zügen liegen die farbigen Glasbänder für die Kirche St. Verena in Volkertshausen, bei der sich allein die Genehmigung durch das erzbischöfliche Bauamt drei Jahre hingezogen hatte, ehe Dierig den Auftrag bekam, seine eigenen Entwürfe zu realisieren. Just zu einem Zeitpunkt, als er fast nicht mehr damit gerechnet hatte und seine Zukunft neu zu strukturieren begann. Dazu wird künftig auch eine Beratertätigkeit gehören, die auf seiner außergewöhnlichen Expertise aufbaut. So begleitet der Überlinger derzeit zum Beispiel die Entstehung eines "Tempels für den Weltfrieden", den die Schweizer Initiative "Pan Terra" aus Walzenhausen bei St. Margrethen im Norden Indiens unweit des Himalajas realisiert.

Möglich war die kreative Ausführung durch eine von Dierig selbst entwickelte Verschmelzungstechnik (Fusingtechnik). Anders als bei in Blei gefassten Verglasungen oder nachträglich verklebten Elementen, fließen hier die verschiedenfarbigen geschmolzenen Gläser bei hohen Temperaturen quasi ineinander. Damit die Komposition abkühlt, ohne Schaden zu nehmen und zu springen, bedarf es farbiger Gläser, die exakt denselben Ausdehnungskoeffizienten haben. "In dieser Technik war ich Anfang der 1990er Jahre ein echter Pionier", sagt Andreas Dierig. Er war 1990 in die Firma des Vaters eingestiegen und übernahm 1996 die Verantwortung, ehe Nikolaus Dierig zwei Jahre später nach schwerer Krankheit starb.

Auf dieser Fusingtechnik basieren auch die zahlreichen rein künstlerischen Arbeiten, auf die Andreas Dierig künftig einen noch größeren Schwerpunkt seines Schaffens setzen will. Die kreative Ader des 55-jährigen Überlingers ist groß. Schon in seiner Jugendzeit hatte er bei Barbara Michel-Jägerhuber zeichnen und malen gelernt. Bei den verschiedenen Ausstellungen der vergangenen Jahre konnte er diese Qualitäten schon mehrfach unter Beweis stellen und erntete dafür große Anerkennung. Unter anderem 2011 im Grand Palais von Paris und 2012 bei einer großen Ausstellung in der städtischen Galerie Fauler Pelz in Überlingen. Im Vorjahr gestaltet er eine Werkschau mit seinen Glasobjekten in der Owinger Rathausgalerie. Andreas Dierig ist auch Vorsitzender der Fachgruppe Glasveredler im Bundesinnungsverband des Glaserhandwerks.

SÜDKURIER-Leser haben die Möglichkeit, im März in den Atelierräumen im Guggenbühl 30 hochwertige Glaskunst zu erwerben, sowohl historische Bleiverglasungen als auch moderne Glasobjekte und farbige Glasrestbestände. Der genaue Termin wird im SÜDKURIER bekannt gegeben.

Bewegte Firmengeschichte

Begonnen hatte die Geschichte der Glaswerkstatt Dierig eigentlich in Westfalen durch den gebürtigen Überlinger Albert Häberle – genauer in Hagen-Haspe am Rande des Ruhrgebiets. Häberles Bruder hatte die Glaserei in der Wiestorstraße betrieben. Doch gründete Albert Häberle 1903 in Hagen seine eigene Firma, wie Andreas Dierig recherchierte. Die Gründe dafür sind allerdings auch Dierig nicht bekannt. "Doch Albert Häberle gehörte damals schon zu den Großen in Deutschland und realisierte riesige Kirchenprojekte, darunter auch die Nikolaikirche in Hamburg."

1921 kehrte Häberle in seine Geburtsstadt nach Überlingen zurück und wohnte im heutigen Haus St. Johann. In seinem Wohnzimmer gestaltete er damals schon kleinere Glasmalerarbeiten. Von hier aus betrieb er auch seine Firma bis ins Jahr 1942 in Hagen weiter, wo er einen Werkstattleiter seines Vertrauens hatte. Als Hagen bombardiert wurde, packte Albert Häberle seine ganze Werkstatt samt des riesigen Glaslagers in 16 große Stückgut-Waggons, brachte alles an den Bodensee und lagerte das ganze Inventar zunächst im St.-Johann-Turm ein.

Nach dem Krieg profitierte Häberle vom Kontakt zu Künstlern am Bodensee, wie Hans Breinlinger, Maximilian Bators und Otto Dix.

Am Rand des St.-Johann-Grabens, am heutigen Mantelsteig, schuf Albert Häberle nach dem Krieg in einer Baracke eine Werkstatt mit Atelier, die allerdings nicht direkt anfahrbar war. Hier begann Häberle um 1949 wieder mit der Produktion und suchte drei Jahre später einen Werkstattmeister. Der aus Schlesien stammende Nikolaus Dierig hatte in Braunschweig die Ausbildung zum Kunstglaser gemacht und war auf das Stellenangebot von Albert Häberle gestoßen. Ab 1952 arbeitete Nikolaus Dierig für Häberle, der 1959 starb. Zwei Jahre dauerte es, bis Dierig sich mit den Nachfahren auf die Übernahme der Werkstatt verständigt hatte. Ab 1961 firmierte der Betrieb am Mantelsteig unter dem Namen Glaskunstwerkstätte Nikolaus Dierig.

Vier Jahre später erwarb Nikolaus Dierig ein Grundstück am Guggenbühl, auf dem erst 1972 in einem Gebäude auf zwei Ebenen der Betrieb aufgenommen werden konnte. Ab Ende der 1970er Jahre arbeitete die Firma mit Alno in Pfullendorf zusammen, beschäftigte später 17 Mitarbeiter und produzierte pro Woche bis zu 600 Verglasungen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Sohn Andreas Dierig in Tirol seine vierjährige Ausbildung in der Glasmalerei absolviert, sich im französischen Chartres höhere Weihen geholt. Über Stationen in North Carolina in den USA und Stuttgart kehrte er in die Heimat am Bodensee zurück. 1996 übernahm Andreas Dierig den Betrieb von Vater Nikolaus, der 1998 nach schwerer Krankheit früh starb.