Im Ersten Weltkrieg brachte ein kleiner Doppeldecker aus Friedrichshafen die Welt zum Staunen: Das „Wölfchen“, ein Seeflugzeug vom Typ FF 33 E. „Es war das erste Flugzeug, das erfolgreich von einem Kriegsschiff aus operierte“, erklärt Elmar Wilczek. Er ist Honorarprofessor für Seeflugwesen an der Fachhochschule Aachen und hat die Geschichte des Wölfchens recherchiert.

Auch bei Seegang vier noch im Einsatz

Das Seeflugzeug, das aus dem Flugzeugbau Friedrichshafen stammte, sei besonders hochseefähig gewesen, weil es sogar noch bei Seegang vier eingesetzt werden konnte, so Wilczek. Entwickelt habe es derselbe Ingenieur, der dem Grafen Zeppelin das erste Luftschiff gebaut hatte: Theodor Kober. Eingesetzt wurde Wölfchen auf dem Hilfskreuzer „Wolf“.

„Die Mission war gefährlich, es galt, unerkannt die Seeblockade der Entente-Mächte zu brechen“, erzählt Wilczek. 1916 hatten die Engländer die Nordsee abgeriegelt. Deutschland sollte keine Rohstoffe mehr erhalten und die deutsche Bevölkerung dadurch ausgehungert werden. „Man musste handeln und Blockadebrecher einsetzen.“ Einer dieser Blockadebrecher war der Hilfskreuzer SMS (Seiner Majestät Schiff) Wolf. Bei diesem Hilfskreuzer handelte es sich eigentlich um den umgebauten Frachter „Wachtfels“ der Bremer Reederei Hansa. Mit dieser Tarnung, ein paar Kanonen, 458 Minen und dem Wölfchen an Bord, lief der Wolf am 30. November 1916 aus.

Ohne Schleudern noch Fangnetze

„Von einem heutigen Flugzeugträger war der Hilfskreuzer Wolf natürlich weit entfernt. Da es damals auch noch keinen Radar an Bord gab, war Wölfchen sozusagen als Auge des Kreuzers im Einsatz“, erklärt Wilczek. Wölfchen wurde an einem Ladebaum ausgesetzt und musste aus eigener Kraft starten und wieder selbstständig anwassern, es gab weder Schleudern noch Fangnetze. „Das kleine Flugzeug, das größtenteils aus Holz gebaut war, hielt sogar zwei Meter hohen Wellen stand“, so Wilczek. Wölfchen habe damals bis auf 2000 Meter steigen und so für die Mannschaft an Bord hinter den Horizont blicken können.

Elmar Wilczek ist Experte auf dem Gebiet Seeflugwesen. Er hat die Geschichte des „Wölfchens“ recherchiert und im Rahmen von „925 Jahre Immenstaad“ für den Heimatverein zu einem Vortrag zusammengefasst.
Elmar Wilczek ist Experte auf dem Gebiet Seeflugwesen. Er hat die Geschichte des „Wölfchens“ recherchiert und im Rahmen von „925 Jahre Immenstaad“ für den Heimatverein zu einem Vortrag zusammengefasst. | Bild: Andrea Fritz

„Nur einmal hat das Wölfchen beim Anwassern in schwerer See einen Kopfstand gemacht, wobei der Propeller zu Bruch gegangen ist“, so Wilczek. Die Mannschaft musste daraufhin aus Planken, Tee- und Zigarrenkisten einen neuen Propeller basteln. Ein andermal hat ein Funkenflug 160 kleine Löcher in die Stoffbespannung der Tragflächen gebrannt. „Diese musste dann kurzerhand mit feinster Seide ersetzt werden, die von einer Prise stammte.“

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Wolf und Wölfchen waren insgesamt von November 1916 bis Februar 1918 unerkannt im Atlantik, Pazifik und im Indischen Ozean unterwegs. „Dabei hat das Wölfchen 120 000 Kilometer zurückgelegt und einmal sogar eigenständig ein Schiff aufgebracht, indem es ihm kleine Handbomben vor den Bug schleuderte“, erzählt Wilczek. In 451 Tagen auf See wurden so 14 Handelsschiffe mit zusammen 40 000 Bruttoregistertonnen (BRT) Ladung aufgebracht und 467 Kriegsgefangene und Passagiere der aufgebrachten Schiffe an Bord genommen. 13 weitere Schiffe mit etwa 70 000 BRT Ladung wurden durch Minen vor den Häfen versenkt.

Von Kriegsschiffen gejagt

„Nicht zu vernachlässigen ist, dass durch den Einsatz von Wolf und Wölfchen feindliche Seestreitkräfte gebunden wurden“, sagt Wilczek. Allein im Indischen Ozean sei der Hilfskreuzer von 55 Kriegsschiffen gejagt worden. Bei ihrer Rückkehr nach Kiel, am 13. März 1918, wurden Wolf und das vorausfliegende Wölfchen mit großem Jubel empfangen. Wölfchen sollte in der „Ruhmeshalle des Deutschen Volkes“ ausgestellt werden. Stattdessen landete es nach dem Ersten Weltkrieg in einer Kriegsbeute-Ausstellung der Entente. „Seither ward es nicht mehr gesehen“, so Wilczek.