Wer heute nach Immenstaad kommt, kann nicht übersehen, dass sich das Dorf an vielen Stellen verändert. An der Hauptstraße – und nicht nur dort – weichen alte Häuser größeren Neubauten, Baulücken werden geschlossen. In Neubaugebieten verwirklichen viele ihren Traum vom Häusle. Noch weit stärker als heute veränderte sich Immenstaad aber in den 1960er und 1970er Jahren.

In dieser Zeit des massiven Strukturwandels ergriff der 2014 verstorbene Dieter Hallmanns die Initiative, einen der ersten Heimatvereine in der Region zu gründen. "Viele Gründungsmitglieder waren Zugezogene, auch Dieter Hallmanns", erinnert sich Ehrenmitglied Heide Budde, eine der Einheimischen unter den 46 Gründungsmitgliedern, die am 25. Mai 1976 im Gasthaus "Schiff" zusammenkamen. Die meisten waren noch recht jung, zwischen 30 und 40 Jahren, weiß der heutige Vorsitzende des Heimatvereins, Reinhard König. Er vermutet: "Die Zugezogenen scheinen einen anderen Blickwinkel dafür gehabt zu haben, was im Ort geschah. Sie haben die alten Dinge vielleicht mehr wertgeschätzt als viele Einheimische, für die vieles einfach selbstverständlich war und nicht viel wert." Auf Hallmanns traf das sicher zu. Er war als Dornier-Mitarbeiter an den See gekommen und hatte eine gebürtige Immenstaaderin geheiratet. Utta Hallmanns erinnert sich noch gut daran, was der Auslöser für seine Initiative zur Vereinsgründung war: "Mein Mann mochte alles Alte und die Traditionen. Eines Tages fand er auf einer Müllkippe in Fischbach zufällig ein paar hübsche Porzellanpüppchen. Die stammten offenbar aus Immenstaad und er fragte sich: 'Wie kann man so etwas nur wegwerfen?'". Daraus sei die Idee erwachsen: "Da müsste man doch etwas machen, um solche Sachen zu erhalten". Hallmanns suchte Gleichgesinnte – und fand sie.

Doch was ist eigentlich in den 1960ern und 1970ern in Immenstaad passiert? Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung vermittelt eine Idee davon: 1962 hatte das Dorf noch knapp 2000 Einwohner, 1982 waren es bereits 5600. Die meisten Neu-Immenstaader waren Zuzügler und kamen wegen der vielen attraktiven Arbeitsplätze, die in der wachsenden Industrie in der Region Friedrichshafen entstanden waren. Auch viele bis dahin in Landwirtschaft und Handwerk beschäftigte Einheimische zog es damals in die Industrie. So schwand einerseits die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe drastisch, während auf der anderen Seite der Bedarf nach Wohnraum gewaltig anstieg. Das einstige Bauerndorf wurde zur modernen Seegemeinde. In den 1970ern wurden die Hochhäuser am Spiegelberg gebaut und ein altes Bauernhaus nach dem anderen abgerissen und durch ein meist größeres Wohnhaus ersetzt. Das meiste Inventar landete auf dem Müll. "Das Alte... galt nur noch wenig, wenn überhaupt noch etwas", schrieb Wolfgang Trogus, im Vereinsvorstand und engagierter Heimatforscher, dazu rückblickend 2016, im 40. Jubiläumsjahr des Vereins. Trogus war es übrigens auch, der herausfand, dass Immenstaad im Jahr 1094 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Immenstaad hat 1994 seinen 900sten Geburtstag groß gefeiert.

Besitzer von Abbruchhäusern riefen oft kurz vor dem Abriss bei Dieter Hallmanns an, erinnert sich Dieter Budde: "Wir haben dann nach Erhaltenswertem geschaut". Ziel war, viele dieser Dinge später in einem Heimatmuseum zu zeigen. Bis das Museum 1988 im Haus Montfort in Kippenhausen (siehe Erklärtext) eröffnet wurde, war es allerdings noch ein weiter Weg.

In seinen 41 Jahren hat Verein viel publiziert, zum Beispiel die von 1978 bis 2003 jährlich erschienenen Heimatblätter mit vielen Geschichten und Bildern aus dem alten Immenstaad. Auch Vorträge, Ausstellungen und Veranstaltungen wurden organisiert. "Wir sind heute noch breiter aufgestellt", erklärt Reinhard König. Immer schnell ausverkauft sind die Themenabende, außerdem hat der Verein Musik und Kunst im Blick. Die jährliche Jazznight und auch das schon legendäre "Fescht am See" gehören fest zum Programm des Vereins, der versucht zu bewahren, was der Wandel verändert.

Die Serie

Immenstaad hat sich vom Bauerndorf zur attraktiven Seegemeinde mit hoher Wohnqualität und großer Anziehungskraft für Touristen entwickelt. Der SÜDKURIER zeigt in seiner wöchentlich erscheinenden Serie "Immenstaad im Wandel", wie sich der Ort samt seiner Bewohner in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Jeweils mittwochs gibt es an dieser Stelle eine neue Folge Heimatgeschichte mit bekannten und weniger bekannten Menschen aus Immenstaad. Wenn Sie auch ein Stück Immenstaader Geschichte kennen, von dem Sie uns berichten möchten, mailen Sie uns an friedrichshafen.redaktion@suedkurier.de. (sab)
 

Das Heimatmuseum in Kippenhausen

  • Das Haus Monfort: Seit der Gründung 1976 hegte der Verein den Wunsch, in einem Heimatmuseum Einheimischen und Gästen Erinnerungen ans alte Immenstaad zu zeigen. Immer wieder wurden alte Häuser im Dorfkern dafür in Betracht gezogen, aber daraus wurde nie etwas. Die Lösung fand sich in Kippenhausen. Die Gemeinde kaufte das Haus Montfort und sanierte es. Im Dachgeschoss wurde 1988 das Museum eröffnet.
  • Das gibt es zu sehen: Eine Wohnstube und eine Küche, wie sie vor mehr als 100 Jahren in Immenstaader Häusern zu finden waren, dazu die antike Einrichtung einer Eisenwarenhandlung, altes Handwerkszeug und noch sehr vieles mehr. Sogar die Porzellanpüppchen, die den Anstoß zur Vereinsgründung gaben, sind dort zu bewundern.
  • Die Öffnungszeiten: Das Museum startet nach der Winterpause am Samstag, 25. März, in die Saison, die am Sonntag, 5. November, endet. Geöffnet ist samstags, sonntags und an Feiertagen von 12 bis 14 Uhr und von 18 bis 20 Uhr. (gik)