Wer kennt sie noch – die kleinen Milchkannen, die man frühmorgens vor die eigene Haustür stellte, um sie dann von „Milchkutschern“ befüllen zu lassen? Helmut Rohrer kann sich noch gut an diese Zeit erinnern. Als Bub war es seine Aufgabe, samstags – natürlich vor der Schule – seinen Vater Christian bei dessen täglicher Tour zu begleiten. Er war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg im Riedlehof bei der Firma Albert Stöffler angestellt. „Vater stand um 4 Uhr auf, fütterte und versorgte die drei Pferde und war dann am Vormittag mit dem Milchwagen durch Altstadt, Olgastraße, Eckenerstraße und Paulinenstraße unterwegs – zu seinen Kunden zählte unter anderem auch Hugo Eckener und seine Familie“, kommt Helmut Rohrer ins Plaudern. „Nachmittags arbeite er auf der Landwirtschaft des Riedlehofs.“

Noch im Januar 1945 wurde der Vater zur Wehrmacht einberufen, die Familie war nach den vorangegangenen Luftangriffen auf Friedrichshafen zwischenzeitlich nach Orlach im Landkreis Schwäbisch Hall evakuiert worden. „Nachdem mein Vater aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückkam, fuhren wir mit Sack und Pack mit einem Pferdewagen in acht Tagen von Orlach zurück nach Friedrichshafen“, weiß Helmut Rohrer noch genau.

Sein Vater konnte von seinem ehemaligen Arbeitgeber einen Milchwagen kaufen und sich selbstständig machen. Vor dem Haus in der Beethovenstraße wurde eine große Wellblechgarage für den Milchwagen aufgestellt und im hinteren Teil ein Stall für das Arbeitspferd gemauert. Auf beiden Seiten der Garage wurden Schuppen angebaut für Heu und Pferdewägele. In der „Schätzlesruh“ wurde von Paul Waggershauser eine Wiese gepachtet. „Auch im Schlosspark durften wir das Gras abmähen“, erinnert sich Helmut Rohrer.

Die Milchverkaufstour begann um 6 Uhr. „Ich holte die Milchkännle an den Haustüren ab und brachte sie gefüllt wieder zurück. Bezahlt wurde wöchentlich oder monatlich oder das Geld lag in der Milchkanne.“. Zunächst musste man natürlich die Milch in großen 40-Liter-Kannen beim Riedlehof aufladen. In der ersten Zeit nach dem Krieg gab es für den privaten Bedarf ohnehin nur Magermilch auf sogenannte Lebensmittelkarten – kleinste Menge war ein Achtelliter. Als erste Stationen waren das Pfarrhaus mit Frau Braun und Maler Rau dran, danach ging es weiter zum Buchhorner Hof, ins Paulinenstift in Richtung Olgastraße und Schmidstraße bis Seemoos und Windhag.

1950 gab Christian Rohrer schließlich den ambulanten Milchhandel auf, eröffnete in der Werastraße im Haus der Bäckerei Kloos ein eigenes Milchgeschäft und zeitgleich eine kleine Filiale in der Niederholzstraße 11. Einige Kunden, wie etwa das Gustav-Werner-Stift, St. Elisabeth oder auch das Haus Württemberg im Häfler Schloss, wurden weiterhin am frühen Morgen beliefert. Im Alter von 15 Jahren begann Helmut 1951 nach Abschluss der Schule eine Lehre im Einzelhandel bei der Firma Arthur Fehl, verkaufte in den beiden ersten Lehrjahren allerdings weiterhin nebenher morgens Milch im elterlichen Geschäft in Windhag.

Wirtschaftlich ging es im Hause Rohrer weiter bergauf. 1963 konnte Vater Rohrer ein bereits zuvor gemietetes Anwesen in der Niederholzstraße 18 erwerben und dort einen eigenen Milchladen bauen. Sohn Helmut wurde Fililalleiter und 1969 – nachdem der Vater das Geschäft in der Werastraße altershalber aufgab – auch Firmenchef. Weitere Investitionen, Erweiterung des Lebensmittelprogramms, die Umstellung auf Selbstbedienung und Supermarktbetrieb folgten in den 1970ern, auch später gab es weitere Modernisierungsmaßnahmen.

„Am 28. Februar 2001 hatten wir das letzte Mal geöffnet. Bei Kaffee und Kuchen gab es einen wehmütigen Abschied für die Kundschaft, aber auch für uns. Teilweise flossen Tränen. Viele kamen mit Blumen und kleinen Geschenken“, erzählt Helmut Rohrer. Der eigentliche Grund der Schließung sei das Erreichen des Rentenalters gewesen – aber auch die Tatsache, dass die Umsätze seit 1996 kontinuierlich zurückgegangen seien. „Wir blicken auf eine gute Zeit zurück und sind glücklich, dass wir in all den Jahren nie ernsthaft krank waren.“

Die Geschichte der Firma Rohrer

1950 eröffnete Christian Rohrer sein Milchgeschäft in der Werastraße und gleichzeitig eine Niederlassung in der Niederholzstraße 11. 1963 wurde ein Anwesen in der Niederholzstraße 18 gekauft, ein Jahr später ein Milchladen gebaut. Das Geschäft in der Werastraße gab Christian Rohrer 1969 altershalber auf, Helmut Rohrer übernahm die Firma. 1971 erfolgte die Umstellung auf Selbstbedienung und eine Erweiterung des Lebensmittelprogrammes. 1980 wurden die Geschäftsräume modernisiert, ebenso 1995. Am 28. Februar 2001 war das Einzelhandelsgeschäft von Helmut Rohrer zum letzten Mal geöffnet. (ght)