Die SPD ist die älteste Partei in der ehemaligen Reichsstadt. Sie hat die Kaiserzeit, Weimarer Republik und das Drittes Reich überlebt, ist heute noch existent. Langgediente Fahrensmänner finden sich unter den Genossen. Wie beispielsweise der 72-jährige Ortsvereinsvorsitzende Hans Halder, der erst vor einem Jahr in die Partei eingetreten ist, aber seither als Aktivposten gilt. In monatlicher Regelmäßigkeit organisiert er Mitgliedertreffen, zu der neben den Pfullendorfern auch Mitglieder aus Illmensee und Herdwangen-Schönach kommen können, die keinen eigenen Ortsverein besitzen.

Zu den älteren Pfullendorfer Genossen zählt auch Hans Ruppenthal, der 78-Jährige Saarbrücker, der bei Alno einst die Buchhaltung leitete und immer noch die Parteikasse führt. Oder die in Ruschweiler lebende "Rote Bärbel", Bärbel Ehni. Die rüstige 84-Jährige war einstige Stimmenkönigin bei den Kommunalwahlen in Illmensee, wo sie auf der Liste aller unabhängigen Bürger (Laub) kandidierte. Die Esslingerin unterrichtete ab 1984 als Volksschullehrerin in Krauchenwies, war lange Chorleiterin der Pfullendorfer Christuskirche. Begeistert erzählt sie davon, wie sich die SPD früher in Pfullendorf über eine gestandene Arbeiterschaft von Alno und Geberit und über die Bundeswehrsoldaten formierte.

Am langen Tisch in einem Privathaus haben sich die SPD-Mitglieder in einer kleineren Abordnung eingefunden. Schuld daran trägt nicht nur das frostigkalte Winterwetter, einige Genossen plagen Erkältungskrankheiten, die sie lieber in den eigenen vier Wänden kurieren. "Wir sind überproportional gewachsen", stellt Hans Halder in der Runde fest, nämlich um 20 Prozent, und überreicht zwei anwesenden von insgesamt vier gewonnenen Neuzugängen das Parteibuch. Die eine ist eingetreten, weil sie für, die andere, weil sie gegen die Große Koalition ist. Bei der Diskussion zur Mitgliederbefragung empfinden sich sowohl Befürworter als auch Gegner auf der richtigen Seite. Beim Streit, wer sich hier besser in den Koalitionsverhandlungen durchgesetzt hat, kommen Gegenargumente kaum an. Das Gespaltensein über diese Frage ist auch in der Provinz deutlich spürbar. Die einen fühlen sich wegen des SPD-Führungspersonals und deren Querelen vor dem Kopf gestoßen, kritisieren deren Motivation als bloße Absicherung eigener Karrierewünsche. Die für die GroKo einstehenden Genossen, offenbar hier in der Minderzahl, bewerten das ausgehandelte Koalitionspapier als weitreichende Erfüllung sozialdemokratischer Grundforderungen. Und sie befürchten, dass die geschundene Partei bei einer Neuwahl eventuell noch mehr Federn lassen müsste. Das Ergebnis des Mitgliederentscheids will die SPD am 4. März bekannt geben.

"Wenn die Groko an uns scheitert, können wir unsere Kandidatur wohl zu den Kommunalwahlen vergessen", mutmaßt Hans Halder. Denn gerade in Pfullendorf hofft die örtliche SPD ein neues Profil gewinnen zu können. Geplant ist zur Kommunalwahl 2019 eine Parteiliste mit 22 Kandidaten, paritätisch mit Frauen und Männern besetzt. Aufgenommen werden sollen auch Parteilose. Andreas Steffan, der die Homepage der SPD auf Vordermann gebracht hat, klopft mögliche Interessenten ab. Thematisch beschäftigen sie sich mit der Innenstadt, es fehle an Flair und Lebenslust. Ideen werden diskutiert, wie eine Flaniermeile entstehen könnte, was sie beinhalten müsste – etwa Erlebnisgastronomie, die in anderen Kleinstädten zur Wiederbelebung verhalf.

 

Sozialdemokraten gibt es seit 1863

155 Jahre liegt es zurück, als sich Sozialdemokraten der ersten Stunde im badischen Städtle Pfullendorf organisiert haben.

 

Vor 55 Jahren, also 1963, hielten die SPD-Genossen Rückschau auf ihr 100-jähriges Bestehen in Pfullendorf. Glückwünsche übermittelte ihnen Stadtrat Josef Netzel, vom "Pfullendorfer Block", in dem die SPD über viele Jahre als kommunalpolitisches Bündnis intergriert war.

Ihr Vorsitzender Franz Penz würdigte den wirtschaftlichen Kurs, der Pfullendorf aus dem Dornröschenschlaf erweckt hätte – mit dem Krankenhausneubau, Freischwimmbad, Schwimm- und Turnhalle sowie einem neuen Schlachthaus als neueste Errungenschaften. Die seit 1959 bestehende Garnison habe Leben in die Kleinstadt gebracht. Mit dem Handel und Wandel vollzöge sich eine rasant ansteigende Einwohnerzahl.

Ins Blickfeld aber rückte das damals älteste SPD.Ortsvereinsmitglied: Dem 94-jährigen Schuhmachermeister und Landwirt Peter Rothmund überreichten die Pfullendorfer Genossen feierlich das goldene Parteiabzeichen. Trotz des hohen Alters beteiligte sich der rüstige Rentner weiter an den Versammlungen, gerne eine gute Zigarre rauchend und sein Viertele schlotzend, wie der SÜDKURIER 1963 berichtete. Rothmund war 1906 aus Steigen bei Heiligenberg nach Pfullendorf gekommen, zuerst in der Engelsgasse, dann erwarb er in der Webergasse 5 sein landwirtschaftliches Anwesen. Verheiratet war er seit 1893 mit Frau Friederike, geborene Baum, die ihm 13 Kinder schenkte, elf kamen ins Erwachsenenalter. Für Rothmund, der 1907 Mitbegründer des Radfahrvereins "Solidarität" war, spielte das Rad eine große Rolle.

In diesem Haus in der Webergasse, damals landwirtschaftlich genutzt, lebte das langjährige SPD-Mitglied Peter Rothmund mit seiner vielköpfigen Familie. <sup></sup>Bilder: Jürgen Witt
In diesem Haus in der Webergasse, damals landwirtschaftlich genutzt, lebte das langjährige SPD-Mitglied Peter Rothmund mit seiner vielköpfigen Familie. | Bild: Jürgen Witt

16 Vorsitzende führen den Pfullendorfer SPD-Ortsverein nach dem Zweiten Weltkrieg: Hans Riegger (1946 bis 1952), Franz Penz (1953 bis 1957, 1959/60, 1962 bis 1965 und 1967/68), Lorenz Vollmar jr. (1957 bis 1959), Paul Kerle (1960/61, 1968 bis 1972 und 1978 bis 1986), Karl Fahlbusch (1965 bis 1967), Hans Dathe (1972 bis 1975), Anton Siegle (1976/77), Bernd-Roland Buck (1977/78), Hartmut Reckeweg (1986 bis 1988), Bernhard Walk (1988 bis 1992), Gustav Flach (1992 bis 1996), Dieter Neumann (1996 bis 1999), Edeltraud Mewes (1999 bis 2002), Karl Abt (2002 bis 2014), Carsten Kirchmaier (2015 bis 2017), Hans Halder (seit 2017).

Jürgen Witt