Den Schulabschluss in der Tasche und nicht wissen, wie es danach weitergeht? Das passiert den Schülern der Sechslindenschule im Normalfall nicht, denn ab der fünften Klasse werden sie konsequent darauf vorbereitet, wie es nach der Schule weitergeht.

Die Schüler der Sechslindenschule David, Tizian, Sebastian und Nico (von links) betrachten Drehteile, wie sie in der Metallverarbeitung gefertigt werden.
Die Schüler der Sechslindenschule David, Tizian, Sebastian und Nico (von links) betrachten Drehteile, wie sie in der Metallverarbeitung gefertigt werden. | Bild: Kirsten Johanson

Berufsorientierung ist an der Sechslindenschule ein wesentlicher Bestandteil des Schullebens. Von Kompetenztraining über Betriebsbesichtigungen bis in zum Erstellen von Bewerbungsunterlagen werden die Schüler fit gemacht. Es gibt sogar drei vollzeitbeschäftigte Berufeinstiegsbegleiterinnen, die bei der BBQ Berufliche Bildung angestellt sind und an der Schule ein Büro haben. "Keine andere Schule macht so viel Berufswegeplanung wie wir", sagt Nadine Royer. "Das meiste findet in der achten Klasse statt", erzählt die Lehrerin. Die Schüler lernen nicht nur den Berufsberater der Agentur für Arbeit, Stefan Feuerstein, kennen, sie absolvieren ihr erstes Berufspraktikum, nehmen am Girls & Boys Days teil, besuchen die Ausbildungsmesse und üben in Bewerberseminaren, wie sie sich überzeugend präsentieren. "Wir üben immer wieder, wie man ein Bewerbungsscheiben verfasst, wie man sich am Telefon verhält. Wir reden über Auftreten und Kleidung beim Vorstellungsgespräch. Unsere Schüler wissen, worauf es ankommt."

Andrea Deberling, Berufsbegleiterin an der Sechslindenschule: "Von den Azubis zu hören, wie sie ihre Ausbildung erleben, ist eine tolle Sache und extrem wichtig."
Andrea Deberling, Berufsbegleiterin an der Sechslindenschule: "Von den Azubis zu hören, wie sie ihre Ausbildung erleben, ist eine tolle Sache und extrem wichtig." | Bild: Kirsten Johanson

Für die beiden achten Klassen hieß es am Donnerstag – und auch Freitag noch – "Azubi meets Schule": Lehrlinge und Ausbildungsleiter kamen in den Unterricht und stellten ihre Betriebe und die Ausbildung vor und gaben den rund 40 Schülern Tipps für Bewerbungsgespräche. "Die Veranstaltung Azubi meets Schule finde ich extrem wichtig", sagt Berufsbegleiterin Andrea Deberling. "Die Hemmschwelle ist eine andere, wenn ein Chef vor den Schülern steht. Die Azubis sind dagegen nicht viel älter wie die Schüler und von ihnen zu hören, wie sie ihre Ausbildung erleben und welche Erfahrungen sie gemacht haben, ist eine super Sache."

Die Firmen Hennig, Geberit, Kramer und Pfullendorfer Torsysteme schickten ihre Lehrlinge ebenso wie Neukauf, Maler Jacob, Backhaus Mahl, Berggasthof Höchsten, Sparkasse, Spitalpflege, Stadtverwaltung und Gärtnerei Drechsler. Unter den Azubis waren einige ehemalige Schüler.

Nadine Laicher, 20, Azubi Fachlageristin bei Geberit: "Nicht so viel Angst vor der Zukunft haben und sich auf seine Fähigkeiten verlassen."
Nadine Laicher, 20, Azubi Fachlageristin bei Geberit: "Nicht so viel Angst vor der Zukunft haben und sich auf seine Fähigkeiten verlassen." | Bild: Kirsten Johanson

Zum Beispiel Nadine Laicher, die 2016 nach dem Hauptschulabschluss eine Ausbildung bei Geberit angefangen hat. Sie ist im ersten Lehrjahr zur Fachlageristin und möchte Fachkraft für Lagerlogistik werden. Die 20-jährige hat während der Schulzeit ein Praktikum bei einem Fotografen gemacht und in den Ferien beim Werkstättle und in der Gastronomie gejobbt. "Praktika helfen, sich zu orientieren und eine Entscheidung zu treffen", sagt sie gegenüber dem SÜDKURIER. Ihr Tipp für die Schüler: "Nicht so viel Angst vor der Zukunft haben und sich auf seine Fähigkeiten verlassen!"

Johnny Klotz, 24, Azubi Industriemechaniker bei Hennig: "Beim Bewerbungsgespräch Interesse zeigen, Fragen stellen und zu seinen Schwächen stehen."
Johnny Klotz, 24, Azubi Industriemechaniker bei Hennig: "Beim Bewerbungsgespräch Interesse zeigen, Fragen stellen und zu seinen Schwächen stehen." | Bild: Kirsten Johanson

Johnny Klotz, der 2011 die Sechslindenschule mit der Mittleren Reife beendet hat, macht heute über die Bundeswehr eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei der Firma Hennig. Hineingeschnuppert hat er auch in die Berufe Altenpfleger und Fitnesstrainer. "Es ist sinnvoll, sich Einblicke in möglichst viele verschiedene Berufe zu verschaffen und sich dann das auszusuchen, was einem am meisten liegt", bestätigt Deberling. Fürs Bewerbungsgespräch rät Klotz: "Interesse zeigen, Fragen stellen und auch zu seinen Schwächen stehen." Ob er bei seinen bisherigen Bewerbungsgesprächen nervös gewesen sei? "Eine gewisse Nervosität ist normal, man sollte das Gespräch auf jeden Fall ernst nehmen und gut vorbereitet sein."

Schüler der Sechslindenschule sind bei Ausbildern gefragt

Die Lehrerin Nadine Royer ist seit rund fünf Jahren für die Berufswegbegleitung an der Haupt-/Werkrealschule zuständig. "Wer eine Lehrstelle will", so ihre Erfahrung, "bekommt auch eine Lehrstelle." Denn Azubis im handwerklich-technischen, sozialen und kaufmännischen Bereich sind gesuchte Leute. Nach der neunten Klasse würden die wenigsten von der Schule abgehen: 90 Prozent hängen ein zehntes Schuljahr an und machen den Hauptschul- oder Realschulabschluss. Manche entscheiden sich auch für die zweijährige Berufsfachschule.

Nadine Royer, Lehrerin Sechslindenschule.
Nadine Royer, Lehrerin Sechslindenschule. | Bild: Kirsten Johanson

Royer betont, dass man auch mit einem Hauptschulabschluss auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gute Chancen habe. So erstrebenswert gute Schulnoten sind, Royer stellt fest, dass Arbeitgeber immer mehr auf Werte wie Respekt und Pünktlichkeit achten. "Unsere Schüler sind gefragt", freut sie sich. Die Hälfte der Azubis bei den Firmen Kramer und Geberit im technischen Bereich – Fertigungsmechaniker sowie Maschinen- und Anlagenführer – kommen von der Sechslindenschule. "Wir erhalten positive Rückmeldungen der Ausbildungsleiter, zu denen wir schon während der Schulzeit einen engen Kontakt pflegen." Zwei, drei Schüler machen laut Royer jedes Jahr in der Spitalpflege oder im Altenheim "Grüne Burg" eine Ausbildung in der Altenpflege. Mädchen tendieren auch zu Verkäuferin oder Kauffrau im Einzelhandel. Ein großer Bereich, in dem es viele Jobs gebe, sei die Gastronomie-Branche. Doch hier seien die 15-jährigen noch zu jung und aufgrund des Arbeitszeitgesetzes für Arbeitgeber nicht so attraktiv. Die meisten äußern die Absicht, zur Ausbildung in Pfullendorf zu bleiben, das sei auch Wunsch der Eltern – vor allem, wenn ihre Kinder noch jünger sind.