Kreisarchivar und Historiker Edwin Ernst Weber setzte sich in einem denkwürdigen Vortrag mit den Schwierigkeiten des Erinnerns auseinander. Explizit war dieser auf den Umgang mit dem Unrecht der nationalsozialistischen Tyrannei auf das regionale und lokale Umfeld gemünzt.

Wie überall stehe am Ende von Kriegen, Bürgerkriegen, Revolutionen und Umstürzen in aller Regel das vertraglich besiegelte Vergessen der in den Auseinandersetzungen verübten Untaten, Gräuel und Verbrechen, sagte Weber; so auch im Zusammenhang mit dem Zivilisationsbruch der Nazis und seiner unerhörten Verbrechen und Abgründen. Dort begegne einem stets das Verlangen nach einem Schlussstrich und die Forderung, es endlich gut sein zu lassen. "Das Monströse des Geschehenen und die in der Weltgeschichte singuläre Dimension der Untaten und des Völkermordes verbieten indessen jedes Vergessen", betonte der Historiker in der ehemaligen Krankenhauskapelle im Landratsamt. Allein aus Respekt vor den Opfern und aus der Verantwortung der Nachkommen der Täter.

In Deutschland habe sich nach einer Phase der kollektiven Verdrängung seit Ende der 1950er Jahre eine unendlich mühsame, aber letztlich erfolgreiche Auseinandersetzung und eine durchaus bemerkenswerte Erinnerungskultur entwickelt. Sie sei zu einem elementaren Bestandteil des gesellschaftlichen und demokratischen Selbstverständnisses des Landes und für den Großteil seiner Bevölkerung geworden.

Nach Webers Ansicht dürfte es sowohl an der Überschaubarkeit der kleinstädtischen und dörflichen Handlungsräume als auch in der biografischen Betroffenheit der Kinder- und Enkelgeneration gelegen haben, dass die historiografische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit vor Ort im heutigen Landkreis Sigmaringen erst in den 1980er und 1990er Jahren eingesetzt habe. Dies würden auch die in den Nachkriegsjahrzehnten erschienenen Ortschroniken und Heimatbücher belegen, die das Dritte Reich nahezu durchgehend ausgeblendet hätten.

Historiker Edwin Ernst Weber (rechts). Bild: SK-Archiv
Historiker Edwin Ernst Weber (rechts). | Bild: Isabell Michelberger

So hätte das Gedenkjahr "50 Jahre nach Kriegsende 1945" den Anstoß zu einer breit angelegten Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, mit dem Zweitem Weltkrieg und der Besatzungszeit geführt. Der 1995 von Weber selbst herausgegebene Sammelband "Von der Diktatur zur Besatzung" mit Fallstudien zu Sigmaringen, Saulgau, Pfullendorf, Meßkirch, Mengen, Gammertingen, Stetten a.k.M., Ostrach und Wald sei der bislang einzige Bestseller zum heiklen Thema gewesen, mit drei restlos vergriffenen Auflagen.

Im Landkreis Sigmaringen seien bis 2014 insgesamt 15 Denkorte in das oberschwäbische Erinnerungsnetzwerk aufgenommen worden. Es besteht eine Gedenkstätte für die Opfer des Konzentrationslagers Heuberg bei Stetten a.k.M. Hinzu kam das Denkmal auf dem Russenfriedhof des Truppenübungsplatzes Heuberg. In Sigmaringen sind Stolpersteine für die von NS-Schergen vertriebene jüdische Familie Frank gelegt worden. Ein künstlerisch gestalteter Gedenkstein erinnert vor dem Landratsamt seit 2005 an die 90 ermordeten Psychiatriepatienten. Weitere Gedenksteine entstanden in Illmensee-Ruschweiler, wo der polnische Zwangsarbeiter Mirtek Grabowski ermordet wurde. Bei Bad Saulgau-Haid steht ein Denkmal für den von einem SS-Offizier ermordeten US-Piloten und für die 43 Opfer des KZ-Außenlagers in Saulgau. In Pfullendorf ist an der Mordstätte von 1941 ein Stolperstein für den polnischen Zwangsarbeiter Jan Kobus verlegt worden, eine Gedenkstele für ihn befindet sich auf dem alten Friedhof. Das Engagement der Reservistenkameradschaft Oberer Linzgau habe das Grab der Agnes von Haeften auf dem stillen Friedhof von Großschönach gerettet, der Mutter des am Aufstand vom 20. Juli 1944 beteiligten Werner von Haeften, den die Nazis hingerichtet hatten. In der Gemeinde Herdwangen-Schönach wird auch des verfolgten früheren Bürgermeisters und aufrechten Demokraten Otto Osterwald gedacht.

Zwölf Orte erinnern an Widerstandkämpfer im Kreisgebiet: So beispielsweise an Sophie Scholl in Krauchenwies, an den Zentrums-Politiker Reinhold Frank in Bachhaupten oder an Joseph Ruf in Hochberg.

"Auch mehr als 70 Jahre nach dem Untergang der NS-Gewaltherrschaft bleibt die Auseinandersetzung mit ihrem schlimmen Erbe eine bleibende Aufgabe für unsere Gesellschaft", resümiert Weber. Bewältigen ließe sich diese Vergangenheit nicht. Die einzige Möglichkeit des Umgangs würde darin bestehen, sich immer wieder mit ihr zu konfrontieren – durch Erinnerung.

Zur Person

Edwin Ernst Weber wurde 1958 in Rottweil geboren. Er ist Historiker und Archivar, als Kulturreferent und Archivdirektor beim Landkreis Sigmaringen tätig, er leitet den Stabsbereich. Weber hat Geschichte, Politikwissenschaft und Volkskunde in Freiburg und Berlin studiert. Er promovierte mit einer Expertise zum bäuerlichen Widerstand in Rottweil im 17./18. Jahrhundert. (jüw)