Zum ersten Mal übt eine Frau ein Ehrenamt in Inzigkofen aus, das seit 150 Jahren zu den Besonderheiten des Dorfs gehört, sich aber meist unter Ausschluss einer breiten Öffentlichkeit vollzieht.

Amtsübergabe nach 22 Jahren

In dieser Woche löste Doris Futterer den Lehrerpensionär Erich Fiederer im Amt als Dorfchronist ab. Die Physiotherapeutin ist damit seit 1868 die erste Frau. Im Rahmen einer kleinen Feierstunde im Ratssaal erfolgte die Amtsübergabe. Erich Fiederer wurde von der Gemeinde mit einem Eintrag ins Ehrenbuch für seine 22-jährige Tätigkeit geehrt.

Mit einem Blumenstrauß, einem Federkiel und einem Tintenfässchen begrüßte Bernd Gombold Doris Futterer (links) offiziell als neue Dorfchronistin.
Mit einem Blumenstrauß, einem Federkiel und einem Tintenfässchen begrüßte Bernd Gombold Doris Futterer (links) offiziell als neue Dorfchronistin. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Wer sich fragte, was an einer Dorfchronik so interessant sein soll, wurde von Edwin Ernst Weber eines Besseren belehrt. Weber engagiert sich auf lokaler Ebene als Vorsitzender des Bildungswerks. Beruflich ist der Inzigkofer als Kreisarchivar und Autor zahlreicher Bücher zur Historie im Kreis und in den Kreisgemeinden erster Ansprechpartner. Der Historiker hielt nun keinen Vortrag über den Sinn von Ortschroniken. Zusammen mit Doris Futterer las er aus den ältesten Bänden.

Arbeit an Chronik begann 1868

In ganz Preußen und damit auch in Hohenzollern waren die Kommunen Mitte des 19. Jahrhunderts aufgefordert, Dorfchroniken anzulegen. Vor diesem Hintergrund erhielt 1868 der Lehrer Joseph Hartmann die Aufgabe, ein solches Dorftagebuch für Inzigkofen anzulegen. Wie Weber berichtete, war der Pädagoge damals bereits einige Jahre in der Gemeinde. Seine Notizen beginnen daher schon früher.

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Er erlebte noch die letzten Nonnen, die im 1802 säkularisierten Kloster ihren Lebensabend verbringen durften. Außerdem schilderte Hartmann recht plastisch den Dorfalltag und die Sitten und Gebräuche, von denen sich einige bis auf den heutigen Tag erhalten haben.

Kälteeinbruch im Dezember 1878

Er sammelte auch Wetterdaten und berichtet, dass der Dezember 1878 extrem kalt war. An mehreren Tagen sei das Thermometer auf unter 20 Grad gesunken. Fiedel Gäßler, ebenfalls Lehrer, der die Chronik von 1880 bis 1914 führte, schildert eindrücklich die Schrecken und die berächtlichen Schäden an zahlreichen Gebäuden im Dorf, die das starke Erdbeben von 1911 verursacht hatte.

Auf großes Interesse stießen die in zwei Vitrinen ausgestellten bisherigen sechs Bände der Inzigkofer Ortschronik.
Auf großes Interesse stießen die in zwei Vitrinen ausgestellten bisherigen sechs Bände der Inzigkofer Ortschronik. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Die erste Phase der Inzigkofer Dorfchronik endet mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Erst 1927 fand sich mit Pfarrer Friedrich Eisele ein neuer Schreiber, der allerdings bereits 1928 ins Altersheim nach Gammertingen übersiedelte.

Weiterführung der Chronik im Jahr 1944

Erst gegen Ende der Nazi-Diktatur begann Lehrer Heinrich Ronge 1944 mit der Weiterführung der Ortschronik. Sehr detailliert beschreibt der Lehrer das Einrücken der französischen Truppen am 22. April 1945. Während einige deutsche Soldaten an diesem Tag den Kampf gegen die Franzosen wegen Aussichtslosigkeit einstellten, musste ein Wehrmachtsangehöriger den längst aussichtslos gewordenen Widerstand mit dem Leben bezahlen.

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Mitleidlos mit Verweis auf die Rassengesetzgebung schildert der gebürtige Schlesier das Schicksal einer Frau aus Inzigkofen, die wegen einer sexuellen Beziehung zu einem polnischen Zwangsarbeiter ins KZ eingeliefert wurde. 1956 übergab Ronge die Chronik an den Eisenbahnbeamten Max Beck. Er registrierte das Dorfgeschehen bis zu seinem Tod 40 Jahre lang. Für sein bürgerschaftliches Engagement wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Heute erinnert ein Straßenname an Max Beck. Sein Nachfolger Erich Fiederer trat 1998 das Ehrenamt an.

Mehr Veranstaltungen, mehr Aktionen, mehr Feste

Inzwischen hatte sich fast alles im Dorf geändert. Die Gemeinde war größer geworden, hatte ihren bäuerlichen Charakter verloren und das Leben verlief in anderen Bahnen. Mehr Veranstaltungen, mehr Aktionen, mehr Feste. Während von 1868 bis 1998 nur drei Bände der Ortschronik vorhanden sind, schaffte es Fiederer, in seinen 22 Jahren weitere drei Bände zu erarbeiten. Gleichzeitig hatten sich auch die technischen Möglichkeiten erweitert, wie der Kreisarchivar erläuterte.

Erich Fiederer gibt Amt ab

Statt der handschriftlichen Einträge oder der später maschinengeschriebenen Seiten, nutzte der pensionierte Lehrer jetzt einen Computer mit all seinen technischen Möglichkeiten. Wesentliche kommunalpolitische Entwicklungen in seiner Chronistenzeit waren die Gebiets- und Gemeindereform, der Bau der Mehrzweckhalle Anfang der 70er Jahre oder der Kauf des Klosterareals 2002 durch die Gemeinde vom Fürstenhaus Hohenzollern. Mit 87 Jahren zog sich Fiederer mit Verweis auf sein hohes Alter von dieser Aufgabe zurück. Der Rathauschef würdigte den ehemaligen Schulleiter als "Zeitzeugen und objektiven Berichterstatter der Dorfgeschichte".

Besonderer Schatz der Zeitgeschichte

Bernd Gombold wertete die Chronik als "besonderen Schatz der Zeitgeschichte" und zeigte sich erfreut, dass mit Doris Futterer ein reibungsloser Übergang in der Fortführung der Dorfchronik gewährleistet sei.