Im kommenden Jahr gibt es die Dorfgemeinschaft Lautenbach seit 50 Jahren. Das halbe Jahrhundert brachte einige Herausforderungen mit sich, aber die derzeitige Corona-Krise dürfte wohl die schwierigste Situation sein, die das Team gemeinsam mit den Bewohnern schultern muss. Vorstand Reinhard Küst und Meik Fischer, Leiter der Fachstelle Sozialtherapie und Pandemiebeauftragter für Lautenbach, zeigen sich im Gespräch mit dem SÜDKURIER froh, dankbar und auch ein bisschen gerührt darüber, wie gut die Bewohner bislang die notwendigen Veränderungen und Maßnahmen mitgetragen haben. „Ich habe hohen Respekt davor, wie schnell sich alle auf eine für sie komplett neue Welt einstellen konnten“, resümiert Meik Fischer.

Tagesstruktur änderte sich durch Corona drastisch

In der Dorfgemeinschaft Lautenbach und an ihren verschiedenen Standort leben derzeit 170 Bewohner mit Assistenzbedarf in integrativen Hausgemeinschaften. „Zu Beginn der Pandemie wurden etwa 15 bis 20 Prozent der Bewohner von ihren Verwandten nach Hause geholt“, schildert Fischer. „Es herrschte eine hohe Unsicherheit und viele wollten zunächst abwarten, wie es weitergehen würde“, ergänzt er.

Ein Kraftakt für alle Beteiligten

Zunächst seien alle Werkstätten geschlossen worden, beschreibt Reinhard Küst die Reaktion der Einrichtung in der ersten Phase der Krise. „Das war sehr schwierig für alle, dass sich innerhalb von nur einem Tag die Tagesstruktur derart verändert hat. Es war ein Kraftakt, den ich so nicht mehr erleben möchte“, berichtet Meik Fischer. „Es hat uns Nerven gekostet“, bestätigt auch Reinhard Küst

Vorstand Reinhard Küst (links) und Meik Fischer, Leiter der Fachstelle Sozialtherapie und Pandemiebeauftragter der Dorfgemeinschaft, berichten, wie die Menschen in Lautenbach die Corona-Krise meistern.
Vorstand Reinhard Küst (links) und Meik Fischer, Leiter der Fachstelle Sozialtherapie und Pandemiebeauftragter der Dorfgemeinschaft, berichten, wie die Menschen in Lautenbach die Corona-Krise meistern. | Bild: Stefanie Lorenz

Um die Werkstätten unter Corona-Bedingungen wieder betreiben zu können, wurde schließlich festgelegt, dass die Bewohner einer Hausgemeinschaft jeweils zusammen in einem Bereich arbeiten, sich also keine Gruppen bei der Arbeit vermischen. Das bedeutet natürlich, dass viele nicht mehr in ihrem angestammten Arbeitsbereich tätig sein können. So wie Sophie Geier, die eigentlich in der Küche arbeitet, jetzt aber in der Gärtnerei Äpfel vom Baum erntet – zusammen mit den anderen Frauen und Männern ihrer Wohngruppe.

Bewohner informieren sich über Pandemie

Oder wie Kai Hennig, der sich eigentlich in der Betonwerkstatt einbringt, derzeit jedoch in der Buchbinderei sein Tagwerk leistet. „Die Corona-Zahlen steigen wieder“, erzählt der junge Mann, der sich genauso wie viele seiner Mitbewohner sehr für die Pandemie interessiert und sich über neueste Entwicklungen informiert. Die Dorfgemeinschaft ist keine „Insel der Seligen“, auch den Mitarbeitern ist es wichtig, dass der Dialog über die Pandemie geführt wird und alle auf dem aktuellen Stand sind, wie Meik Fischer berichtet.

Kai Hennig arbeitet für die Buchbinderei, obwohl eigentlich die Betonwerkstatt sein Arbeitsplatz ist.
Kai Hennig arbeitet für die Buchbinderei, obwohl eigentlich die Betonwerkstatt sein Arbeitsplatz ist. | Bild: Stefanie Lorenz

Für alle Bewohner erträgliche Kompromisse finden

Kai Hennig erzählt dem SÜDKURIER, dass ihm das neue Arbeitsfeld Freude bereite. Reinhard Küst räumt ein, dass dies natürlich nicht bei allen Bewohnern so sei. „Manche finden es toll, andere doof“, sagt er. Man bemühe sich, für alle erträgliche Kompromisse zu finden. „Der soziale Dienst versucht, die Situation so zu gestalten, dass keiner leiden muss“, betont Küst. Bei ihrer Arbeit würden sich die Menschen als bestimmte Handwerker erleben und damit identifizieren. Es sei schwierig, ihnen diese Identität durch eine neue Aufgabe wegzunehmen. „Für manche Menschen ist das erdrückend“, schildert Mike Fischer. „Es gilt aber, zwischen der Sicherheit in der Gesamtsituation und der verbrieften Freiheit eines Menschen abzuwägen“, merkt er an. Positiv empfinden Küst und Fischer die Unterstützung durch die Behörden. Bei den Mitarbeitern der Heimaufsicht und des Gesundheitsamtes sei man stets auf offene Ohren gestoßen.

Sophie Geier ist eigentlich in der Küche tätig. Mit ihrer Wohngruppe arbeitet sie aber derzeit in der Gärtnerei.
Sophie Geier ist eigentlich in der Küche tätig. Mit ihrer Wohngruppe arbeitet sie aber derzeit in der Gärtnerei. | Bild: Stefanie Lorenz

Neben der Arbeit in den Werkstätten gibt es natürlich auch noch die Gestaltung der Freizeit der Bewohner, die unter Corona-Bedingungen geregelt werden muss. „Wir haben alle unsere Angebote durchgescannt und geklärt, was noch möglich ist“, sagt Reinhard Küst. Sich wie früher einfach locker in den Pausen und nach der Arbeit im Café der Einrichtung treffen, war in dieser Form nicht mehr möglich. „Früher wurde hier gespielt, gelacht und Kuchen gegessen“, erinnert Küst mit Blick auf die vielen leeren Plätze im Café. Dafür haben die Bewohner jetzt das Spazierengehen verstärkt für sich entdeckt. Überall auf dem schönen Gelände sind kleine Gruppen unterwegs, die gemeinsam die Herbstsonne genießen. Mike Fischer betont, wie dankbar er dafür ist, dass die Einrichtung am ländlichen Ort in Herdwangen-Schönach den unmittelbaren Zugang zur Natur ermöglicht.

Kontakt mit Angehörigen war stets möglich

Wichtig war es dem Team auch, dass die Bewohner sich während der Pandemie weiter mit ihren Angehörigen treffen konnten, wenn dies gewünscht war. Zunächst sei dies nicht in den Gebäuden möglich gewesen, man habe aber immer Lösungen gefunden, bei denen die Corona-Bedingungen eingehalten werden konnten, so Mike Fischer. Derzeit sind pro Bewohner zwei Besucher am Tag erlaubt; man achte darauf, dass nicht mehrere Gäste gleichzeitig die Wohngruppe besuchen.

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Die Corona-Krise hat für die Dorfgemeinschaft auch wirtschaftliche Folgen mit sich gebracht. Zum einen konnte und kann in den Werkstätten nicht so produziert werden wie üblich. Zum anderen fallen zusätzliche Kosten an, etwa für die Einrichtung einer Isolierstation sowie zusätzliche Personalkosten, um nötige Doppelstrukturen aufrecht zu erhalten, wie Reinhard Küst berichtet.

Im Laden gibt es erntefrisches Obst und Gemüse

Trotz der Einbußen, blickt Lautenbach nach vorne und geht in der Vermarktung neue Wege. Am heutigen Montag öffnet der neue Laden um 9 Uhr seine Türen (weitere Informationen im Artikel rechts). Dort finden die Kunden zukünftig ein erheblich erweitertes Angebot inklusive erntefrischem Lautenbacher Demeter-Gemüse und Obst, Käse und Wurstwaren sowie ein reichhaltiges Sortiment an Lebensmitteln, Naturkosmetik und Milchprodukten.

Neuer Laden öffnet am heutigen Montag

Heute öffnet der neue Laden in Lautenbach um 9  Uhr seine Türen. Nach einer längeren Umbauphase wurde im Kontorgebäude der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach ein neues Domizil für den bisherigen Naturkostladen Querbeet gefunden. Im neuen Umfeld, das den Namen „Centro Laden & Café“ trägt, finden die Kunden zukünftig ein erheblich erweitertes Angebot inklusive Lautenbacher Demeter-Gemüse und Obst, Käse und Wurstwaren sowie ein Sortiment an Lebensmitteln, Naturkosmetik und Milchprodukten. Die Produkte der Lautenbacher Werkstätten sowie der Werksverkauf von Kinderspielfahrzeugen werden ebenso im Laden zu finden sein sowie Produkte von befreundeten Werkstätten, zum Beispiel Bienenwachskerzen der Camphill Einrichtung Hermannsberg. Die Öffnungszeiten wurden erweitert und die Kunden können auch am Samstagvormittag von 8 bis 12 Uhr einkaufen.

Wie Vorstand Klaus Hilsenbeck dem SÜDKURIER schildert, wurde bereits im Herbst 2017 die Versorgung mit einem Mittagessen für die Mitarbeiter mit Assistenzbedarf von den Wohngruppen auf teil-zentral Küchen, welche von der Werkstatt für behinderte Menschen betrieben werden, umgestellt. In diesem Zuge habe man in Lautenbach das Projekt „WfbM in der Dorfmitte“ gestartet, das die Modernisierung von 60 Arbeitsplätze für Menschen mit Assistenzbedarf betrifft und vier Arbeitsangebote umfasst: die Tonwerkstatt, die Betonwerkstatt, eine neue größere Küche sowie den Vertrieb mit Versand, Café und Laden. „Daraufhin ist der Gedanke der Zusammenlegung vom Lädele und unserem Naturkostladen Querbeet entstanden“, schildert Hilsenbeck.

Dazu habe man in einer zweijährigen Bauzeit vom Baugesuch im Juni 2018 bis zur heutigen Eröffnung den Laden auf einer Fläche im Kontor von 198 Quadratmetern zusammengelegt. Neben-, Lager und Umkleideräume ergänzen das Raumangebot sowie ein zentrales Kühlhaus für die Nachtanlieferung mit Naturkostprodukten. Die künstlerische Gestaltung der Räume hätten Fedor und Dieter Zimmermann von der Kunsthalle in Kleinschönach übernommen.

Das Konzept sei vom KVJS Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden Württemberg durch 20 Prozent Landesmittel unterstützt worden. Ferner hat nach Angaben von Klaus Hilsenbeck eine private Stiftung den Aufzug zur Herstellung der Barrierefreiheit im Kontor finanziert. Der größte Teil der Finanzierung der Bausumme von rund 600 000 Euro seien über Darlehen und Eigenmittel erfolgt. Im Gegensatz zum Laden sei das Café aus Gründen der Corona-Krise bis auf Weiteres noch nicht geöffnet, erläutert Klaus Hilsenbeck abschließend.

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