Konflikte gehören nicht zu den schönen Seiten des Lebens. Sie sind herausfordernd und führen oft an Grenzen. Aber sie sind notwendig. Durch sie erfolgen Klärungen, werden Kompromisse möglich oder es wird deutlich, wie es weitergehen kann. Wenn es gut läuft, öffnen Konflikte sogar den Weg zu neuen Möglichkeiten und steigern das persönliche Vertrauen. Wenn es also schon nicht geht, Konflikten aus dem Weg zu gehen, ist es wichtig, darüber nachzudenken, wie man streitet: Wie können Auseinandersetzungen so geführt werden, dass es auf gute Weise weitergehen kann? Über eine solche „faire Streitkultur“ spricht der seit zwei Jahrzehnten als Gemeindeberater freiberuflich tätige Diakon und Sozialpädagoge Johannes Stockmayer an vielen Orten landauf landab. Beim Auftakt seiner Reihe zum Thema Sozialkompetenz, an der auf Einladung des Tabor Schulungszentrums Verantwortliche des De‘ignis-Wohnheims „Haus Tabor“ (Engelswies) teilnahmen, ging es diesmal um die Gestaltung von Beziehungen, um Überwindungskraft für ein gutes Miteinander und um konkrete Tipps für den Alltag, ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Kirchenleben.

„Je sicherer ich mir selbst bin, desto sicherer kann ich auch anderen begegnen“, meinte der über „Zoom“ aus seinem Büro zugeschaltete Referent aus dem Landkreis Reutlingen. Eigene Unsicherheiten würden Beziehungen behindern und gar die Bindungsfähigkeit in unserer Gesellschaft insgesamt erschweren sowie das Klima rauer werden lassen: „Verletzungen hindern uns daran, uns anderen zuzuwenden. Wenn die Angst mich hindert, mich auf den Anderen hinzubewegen, steigt die Aggression in mir.“

Spannungen aushalten und sich Situationen offen stellen

Vor einem Wutausbruch aber helfe es, innezuhalten und zu überlegen, welche Ursachen den Gefühlen zugrunde lägen und wie man damit umgehen könne, so der erfahrene Berater. Für starke Beziehungen komme es darauf an, Spannungen miteinander auszuhalten und sich Situationen offen zu stellen. Für Negativspiralen in zwischenmenschlichen Beziehungen charakteristisch sei oft eine nachlassende Kommunikation. Dies wiederum führe zu verzerrten Wahrnehmungen und erhöhe Spannungen untereinander. Die Folge: „Die Beziehung ist von Misstrauen geprägt. Das Miteinander leidet oder wird ganz aus den Augen verloren.“

Dieser Teufelskreis bringe Menschen und Beziehungen auseinander, so der Protestant, der seinen eigenen spirituellen Kompass gemeinsam mit fachlicher Expertise als Ratgeber einbringt. Sein Tipp an die etwa 30 Zuschauer von Zuhause: „Dein Herz ist der Ort mit dem du diesen Kreislauf aushebeln kannst. Dort findest du Stille und in der Stille findest du Gott.“ Ein solches Bewusstsein könne helfen, eigene Einstellungen zu überdenken, eine neue Sicht zu gewinnen und offen zu sein für das eigene Innere: „Wenn wir hören, wie Gott uns wertschätzt, kann sich unser Misstrauen verändern und Vertrauen auch Anderen gegenüber entstehen.“

Vertrauen immer wieder neu einüben

Wichtig sei, dass Menschen Ziele für ihr Leben und für das Miteinander als Gruppe hätten, und dass sie lernten, andere Menschen mit allen Ecken und Kanten anzunehmen sowie Vertrauen immer wieder neu einzuüben. Um eine zerrüttete Beziehung wiederherzustellen und Probleme zu lösen, komme es auf den ernsthaften Willen an, tatsächlich an der Beziehung zu arbeiten. Nötig sei es auch, offen für die Perspektive des Gegenübers zu sein und folgende Schritte vorzunehmen: eine sachliche Problemanalyse ohne persönliche Vorwürfe, gemeinsame Überlegungen für positive Veränderungen, das Treffen von Entscheidungen füreinander im Einklang miteinander sowie deren tatsächliche Umsetzung und anschließende Auswertung.

Das könnte Sie auch interessieren

Letztlich komme es für beide Seiten darauf an, sich selbst zu reflektieren, wertschätzend zu sein und zu kooperieren sowie Kompromisse darüber zu finden, ob und wie man ein Problem entschärfen könne. In Beziehungen sei eine gute Balance wichtig, sodass niemand immer nachgebe und sich umgekehrt niemand immer durchsetze. Offenheit für etwas Neues, statt an eigenen Einstellungen als unverrückbar zu klammern sowie echte Reue und Vergebung könnten dabei Wunder bewirken. Vergebung sei gar „der Schlüssel zu echter sozialer Kompetenz und zu einem neuen Miteinander“, bei dem niemand zu kurz komme. Zentral sei die Erkenntnis: „Wenn es dir gutgeht, geht es mir auch gut.“ So wie schon im Matthäusevangelium, bekannt als Goldene Regel, geschrieben steht: „Alles nun, was ihr wollt, dass die Leute euch tun sollen, das tut auch ihr ihnen ebenso.“ Letztlich gehe es, wie Stockmayer abschließend bemerkt, aber auch nicht ohne Einsicht, gemeinsame Regeln und Werte und wo nötig auch Konsequenzen, damit ein Zusammenleben funktionieren könne.

Neuanfänge wagen und sich von Bitterkeiten lösen

Der Vorsitzende des Schulungszentrums und Leiter des in Engelswies beheimateten Wohnheims für psychisch kranke Menschen, Winfried Hahn (Inzigkofen), zeigte sich gemeinsam mit seiner Frau Ulrike von den Ausführungen des Referenten beeindruckt. Durch die Beziehung zu Gott könne ein Mensch Neuanfänge wagen und sich von Bitterkeiten aller Art lösen, er könne eine neue Identität bekommen, fügte der überkonfessionell arbeitende Pastor hinzu.