Etwas versteckt beim Landratsamt in Konstanz befindet sich eine unscheinbare Glastür. An ihr klebt ein Zettel mit der Aufschrift: Selbsthilfekontaktstelle. Obwohl sie aus Glas ist, ist von außen kaum etwas vom Innern erkennbar. Nach dem Eintreten findet man sich in einem kleinen beleuchteten Büroraum wieder, in dem an einem ovalen Tisch bereits zwei Frauen und ein Mann sitzen. Eine weitere Frau betritt den Raum, es folgen freundschaftliche Begrüßungen. Mit ihr ist die heutige Runde vollständig, mehr als vier Mitglieder kommen nicht. Die Sitzung der Selbsthilfegruppe Angst und Panik beginnt.

Mitglieder bevorzugen Anonymität

Die Gruppe ist kleiner als sonst, normalerweise finden sich mehr Menschen ein. Vielleicht ist es die Scham, vor einem Außenstehenden zu reden. Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe bevorzugen die Anonymität. Viele von ihnen haben sich auch im privaten Umfeld nicht geoutet, weil das Thema Angststörung in der Gesellschaft tabu ist. Die Stimmung in dem kleinen Raum ist anfangs spürbar verhalten, alle Beteiligen wirken gehemmt.

Dann wird – wie immer, wenn jemand neu dabei ist – mit dem sogenannten Blitzlicht begonnen. Jeder in der Runde stellt sich mit seinem Namen vor und erzählt, welche Ängste ihn beschäftigen und womit alles anfing.

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"Die Entfernung spielt keine Rolle"

Werner (Name geändert) ist seit drei Jahren Mitglied der Gruppe. Für sie nimmt er jedes Mal einen weiten Weg auf sich, kommt extra aus dem Schwarzwald nach Konstanz. „Die Entfernung spielt keine Rolle, wenn es von den Leuten her passt“, sagt er. Verlust- und Existenzängste plagen ihn. Sie bauschen sich auf, gehen über das normale Maß an Sorgen hinaus. Größere Ansammlungen von Menschen meidet er so gut er kann. Im Supermarkt zu Stoßzeiten einkaufen – für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. Er spricht nüchtern über sein Leiden und die damit verbundenen Einschränkungen im Alltag, rutscht dabei auf dem Stuhl hin und her.

 

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Erzählungen gehen direkt ins Mark

Nachdem er geendet hat, spricht die Frau zu seiner Rechten. Rein vom Äußerlichen würde man ihr eine Verletzlichkeit nicht anmerken. Sie hat sehr kurze blonde Haare, wirkt wie jemand, der fest im Leben steht, der Kontra geben kann und den so schnell nichts erschüttert. Beim Blitzlicht öffnet sie sich, zeigt, was von außen nicht sichtbar ist. Auch sie plagen Ängste: „Ein bisschen was von allem“, wie sie selbst sagt. Sie nennt es Angst vor der Angst. Ihr schlimmstes Erlebnis war, als bei ihr der Verdacht auf einen Herzinfarkt aufkam. Dass ihr das Sprechen über diese Zeit Mühe bereitet. merkt man ihr deutlich an. Sie wirkt angespannt, legt beim Reden immer wieder Pausen ein. Ihre Erzählung geht, wie bei den anderen, direkt ins Mark.

Vorstellungsrunde gibt Einblick ins Seelenleben

Die Vorstellungsrunde zeigt den Menschen hinter der Fassade, gibt Einblick in dessen Seelenleben. Unbekannte Menschen präsentieren einen kurzen, ungeschönten Einblick in ihr Innerstes.

Sie erzählt weiter. Dass sie sich ebenfalls in größeren Mengen unwohl fühle, dass sie vor kurzem im Privaten eine schwere Zeit durchmachte. Dass sie alles verloren hat. Zurzeit lebt sie auf einem Campingplatz, hat sich alles neu aufbauen müssen. Ins Detail geht sie dabei nicht. Die anderen Mitglieder scheinen ihre Geschichte aber zu kennen. Sie nicken bestätigend, wohl, weil sie die Hintergründe schon einmal gehört haben. Weil jeder nur so viel preisgibt, wie er auch preisgeben will, wird nicht weiter nachgefragt, das Gesagte so hingenommen.

Das gegenseitige Öffnen lockert den Umgang

Nach der Vorstellungsrunde hat sich die Atmosphäre in dem kleinen Raum spürbar verändert, die Stimmung ist weniger angespannt – trotz oder gerade wegen der emotionalen Geschichten. Das gegenseitige Öffnen hilft, den ursprünglich verhaltenen Umgang zu lockern. Das ist das Ziel, das die Gruppe verfolgt, um Neulingen den Einstieg zu ermöglichen. Auch, wenn das erneute Wiederkauen für diejenigen, die sich durch die Gruppe regelmäßig sehen, lästig sein kann, finden es alle gerade für Neue als Einstieg wichtig. „Die können dann sehen, dass es anderen auch so geht“, heißt es aus der Gruppe. Auch die anderen Mitglieder erzählen von ihren Ängsten, wie viele alltägliche Dinge für sie zur Mutprobe werden. Das Fahren mit dem Auto auf der Autobahn, ein Kinobesuch oder sogar das Überqueren der Straße. Je nach Ausmaß der Erkrankung wird das Leben immer eingeschränkter.

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Mehr über das Positive reden

Doch die Gruppe will künftig nicht mehr nur über ihre Ängste sprechen. „Statt über das Negative wollen wir nun über das Positive reden, da wir uns im Alltag schon genug mit der Angst beschäftigen“, erklärt die Selbsthilfegruppenleiterin Ilona Klose. Nur über Sorgen zu sprechen, erklärt sie, lasse die Mitglieder manchmal negativer von der Sitzung nach Hause kommen. So erzählt Werner davon, wie er im Beruf aufgrund eines Krankheitsfalls einspringen musste und – trotz "einer Heidenangst" – alles bewältigte. „Es baut auf, wenn man weiß, dass man funktioniert, wenn es darauf ankommt“, sagt er und lächelt.

Die Sorgen sind immer da

Gleichzeitig liegt ihm wieder etwas wie ein Stein im Magen. Bei seinem Auto steht die TÜV-Überprüfung an, aus beruflicher Sicht ist er darauf angewiesen. Nun befürchtet er, dass das Auto nicht abgenommen wird und er auf einmal ohne dasteht. Und dadurch auch beruflich Probleme bekommt. Eine Spirale, die bei ihm Angst hervorruft. Das löse bei ihm gleich "Lawinen" aus, erklärt er der Gruppe, die aufmerksam zuhört und vereinzelt mit dem Kopf nickt.

Aus dem Bericht über das Positive wurde nun auch eine Geschichte über das Negative. Doch das ist normal, lässt sich manchmal gar nicht vermeiden. Kurz vor dem Ende seiner Erzählung beschreibt er, wie sich wohl viele Menschen mit einer Angststörung fühlen müssen: „Es sind unnötige Gedanken, aber sie sind da.“ Beruhigt wird er sowieso erst sein, wenn die Sache mit dem Auto vom Tisch ist, endet er.

Tipps sollen niemals belehrend wirken

Dann redet Elke (Name geändert), erzählt von dem Problem, etwas Positives bei sich zu finden. Geleistete Dinge könne sie nicht anerkennen. „Ich erkenne sie bei anderen an, aber nicht bei mir“, sagt sie. Mit ihrem leicht gräulichen, schulterlangen Haar wirkt sie freundlich, aber auch verletzlich. Als Tipp bekommt sie aus der Gruppe, den Fokus zu verstellen, auch die kleineren Dinge wahrzunehmen. Solche Tipps, so besagen es die Gruppenregeln, sollen niemals belehrend wirken. Das tun sie auch nicht. Vielmehr entwickelt sich in der Gruppe ein Austausch, und mit fortschreitender Zeit hebt sich die Stimmung deutlich an.

Die Panik mit Humor nehmen

Die dann folgenden Minuten zeigen, warum die Selbsthilfegruppe so wichtig für die Betroffenen ist. Elke – mittlerweile ohne anfängliche Hemmung – berichtet lebhaft von einer Situation beim Einkaufen. Die Panik kroch beim Anstehen an der Kasse wie so oft in ihr hoch. „Einfach mal lachen“ lautet ein Ratschlag für solche Situationen, den sie ausprobiert hat. „Ich habe laut gelacht und mir ging es dadurch auch besser, doch die Frau vor mir dachte, dass ich sie auslache. Das war mir dann wieder unangenehm“, erzählt sie gut gelaunt.

Verständnis durch gemeinsames Leiden

Durch die Geschichte animiert entwickelt sich zwischen den Gruppenmitgliedern ein lebhaftes Gespräch, bei dem jeder ähnliche Erfahrungen teilt. In diesem Moment verwandeln sich die Ängste von einem lästigen Leiden zu einer Gemeinsamkeit, über die man auch mal lachen kann. Das ist der Teil der Selbsthilfegruppe, der die Menschen immer wieder hierher zurückbringt – an den Tisch, an dem alle mitreden können, ohne vorher nachfragen zu müssen, wie sich ein Leben mit Angst wohl anfühle.

Kontakt halten durch eigene Whatsapp-Gruppe

Dass es jedoch nicht immer so gut gelaunt wie am heutigen Abend endet, weil zum Beispiel eine Krise besprochen wurde, erklären die Mitglieder nach der Sitzung. Aber auch dafür ist die Gruppe da, um einander aufzufangen. Deshalb hat man eigens eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Anfangs diente sie vor allem zum Austausch von Informationen.

Mittlerweile kann sich jeder jederzeit melden, sollte er gerade eine schwere Zeit durchmachen und Hilfe brauchen, um die Zeit zur nächsten Sitzung oder der nächsten Therapiestunde zu überbrücken. Außerdem können so alle in Kontakt bleiben – bis sie wieder gemeinsam an dem ovalen Tisch hinter der unscheinbaren Glastür sitzen.

Drei Fragen an Selbsthilfen-Gruppenleiterin Illona Klose

Illona Klose lebt seit 2006 in Konstanz. Seit drei Jahren leitet sie dort die Selbsthilfegruppe mit dem Thema Angst, führt dabei das telefonische Erstgespräch mit neuen Teilnehmern.

  • Frau Klose, was bewegt die Menschen dazu, ihre Selbsthilfegruppe aufzusuchen?

Die Selbsthilfegruppe ist eine Gemeinschaft von Betroffenen, in denen die Menschen merken, dass sie mit ihren Problemen und alltäglichen Sorgen nicht alleine sind. Wenn jemand unter Panik leidet, denkt er oft, dass er aus dem Rahmen fällt oder das etwas mit ihm nicht stimmt. Wenn er aber in die Gruppe kommt, sieht er, dass er eben nicht der Einzige mit diesem Leiden ist. Außerdem weiß man dann auch, dass der Gegenüber einen versteht wenn man ihm erzählt, dass man Panik hat. Schließlich haben hier alle dasselbe oder ähnliches erlebt.

  • Können Außenstehende sich schlechter in einen Betroffen hineinversetzen?

Wer nicht direkt betroffen ist, kann es noch so gut meinen, doch er kann es sich nicht vorstellen, wie es ist, unter Angststörungen zu leiden. Auch ist das Thema Angst und Panik noch nicht gesellschaftsfähig, man stößt oftmals auf wenig Verständnis. Viele Betroffene outen sich deswegen gar nicht oder nur gegenüber dem Partner oder sehr engen Freunden. Das liegt oft an den Reaktionen des Umfelds. Was man teilweise zu hören bekommt, wenn man Menschen von seiner Panik erzählt, sind Ratschläge wie: „Du musst es nur versuchen“ oder „So schlimm kann es nicht sein“. Das Leiden wird nicht als Erkrankung, sondern oft als Schwäche angesehen.

  • Ist der Besuch einer Gruppe ein Therapieersatz oder eher eine Ergänzung?

Die meisten, die in die Selbsthilfegruppen kommen, sind bereits in Therapie oder haben eine hinter sich. Die Gruppe kann auch eine solche nicht ersetzen, das kommunizieren wir aber auch immer. Wir sind medizinisch gar nicht ausgebildet, um eine Diagnose zu stellen. Was ich machen kann, ist eine Hilfestellung geben und den Leuten sagen, wo sie sich therapeutische Unterstützung suchen können. Die Gruppe selbst bietet den Menschen das Zwischenmenschliche, was vielen Betroffenen fehlt. Wenn es einem nicht mehr möglich ist, aufgrund der Erkrankungen an gesellschaftliche Aktivitäten teilzunehmen, brechen einem die sozialen Kontakte weg. Dadurch besteht die Gefahr zu vereinsamen. Wenn die Betroffenen dann den Weg in die Gruppe finden, treffen sie auf Menschen, die ihre Situation verstehen und nachempfinden können. Sie erleben einen Ort, an dem sie Kontakte knüpfen und an dem sich Freundschaften bilden können. Aus diesem Grund würde ich mir für die Zukunft wünschen, dass die Selbsthilfegruppen mehr Unterstützung durch Kliniken und Ärzte bekommen, zum Beispiel indem Flyer auf den Stationen ausgelegt werden.