Freitagabend in einem angesagten Restaurant in Konstanz. Freunde treffen sich, Arbeitskollegen stoßen auf das Wochenende an und dann wären da noch die Pärchen an den Zweier-Tischen: Dating-Zeit. Es wird getuschelt und durchgängig gelächelt. Mittendrin sind noch zwei Plätze frei, reserviert auf meinen Namen – zwangsläufig. Denn den Namen der mit mir verabredeten Frau kenne ich nicht. Sie will anonym bleiben. Über eine Selbsthilfegruppe kam der Kontakt zu der im Landkreis Konstanz lebenden Frau zustande.

Ein Gespräch mit Überraschungen

Ich bin bewusst einige Minuten früher dran, als verabredet. In meinem Kopf herrschte eine Vorstellung, die mich eine zurückhaltende Person erwarten ließ. Das Gegenteil ist der Fall. Das Klackern der Schuhe kündigt meine Verabredung bereits an, bevor ich sie überhaupt sehe.

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"Hi, ich bin's", stellt sie sich vor. Es folgt ein sanfter Händedruck. Die 43-Jährige ist tiefenentspannt und plaudert sofort los. Es wirkt, als könne sie es kaum erwarten, sich endlich alles von der Seele zu reden.

Ich war der Auffassung, ein Mensch mit Bindungsangst käme gar nicht erst dazu, eine Beziehung zu führen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Meine Gesprächspartnerin hatte „schon viele Beziehungen“. So viele, dass ihr das Aufzählen nicht mehr gelingt. Jedenfalls waren es sechs ernsthafte. Die längste dauerte vier Jahre.

Diskrepanz zwischen Außenwirkung und Gefühlen

Sie lässt sich generell sehr schnell auf Menschen ein, ist kommunikativ, gesellig, aufmerksam und anpassungsfähig, sagt sie. Ich glaube es ihr. Ihre Außenwirkung ist selbstbewusst und stark. Doch das Innere schaut anders aus. „Ich grüble oft wochenlang darüber, wenn ich zum Beispiel einmal in einem Gespräch ins Fettnäpfchen getreten bin oder etwas Dummes von mir gegeben habe. Meine Grübeleien drehen sich dann meistens darum, ob mein Ansehen gesunken ist.“ In einer Paarbeziehung gibt es bei ihr zwei gegensätzliche Dynamiken. Sie spricht von Klammeraffe und Roadrunner.

Ist sie in einen Mann verliebt und dieser zieht sich zurück, fixiert sie ihn. Zeigt der Mann jedoch übergroßes Interesse, sucht täglich Kontakt, schwindet das Interesse. „Ist das nicht typisch?“, fragt sie mich. Ich bejahe. Aber was ist bei ihr anders, als bei den anderen?

Bereits in ihrer ersten Beziehung ahnte die damals 17-Jährige, dass etwas nicht normal ist. „Ich war emotional extrem abhängig von dem Mann, der mich in psychischer Hinsicht mit den Füßen getreten hat.“ Trotzdem hielt es drei Jahre. „Ich litt und lief ihm nach, verzieh, tolerierte alles, fühlte mich aber permanent schlecht dabei. Ich befürchtete, dass mit mir etwas nicht stimmt, schob es aber schlussendlich auf den bösen Mann.“

In den Vater ihrer Kinder war sie "nicht so sehr verliebt"

Kurz darauf lernte sie den Vater ihrer beiden Kinder kennen. „In den wiederum war ich nicht so sehr verliebt“, sagt sie schulterzuckend. Die Begründung verblüfft: „Weil er sehr zuverlässig, sehr unterstützend, sehr nähebedürftig mir gegenüber war.“ Sie genoss zwar die Ruhe, war aber nicht so glücklich wie gedacht.

Dennoch zog sie mit ihm zusammen, weil der gemeinsame Sohn schon unterwegs war. „Ich hielt das Zusammenleben gar nicht aus“, erinnert sie sich, und redet sich in Rage: „Seine reine Anwesenheit nervte mich. Schatz hin, Schatz her, nervte mich auch. Er verhielt sich in meinen Augen total unnormal schleimerisch mir gegenüber – ich wollte alleine sein!“ Der Moment, in dem ihr bewusst wurde, dass sie für eine Beziehung wohl ungeeignet ist. Mittlerweile ist das 17 Jahre her.

Nach vier Monaten Beziehungsversuch wurde es zu viel

Im Sommer 2017 unternahm sie den „weiß nicht wievielten Versuch“, eine Beziehung zu führen. Der Mann war nett, sie anfangs verliebt und tat alles, um ihm zu gefallen und von sich zu überzeugen. „Als er mir dann täglich Whatsapp-Nachrichten schickte, mich öfter als am Wochenende sehen wollte, wurde es mir mal wieder zu viel.“ Sie verfiel in ihr „bekanntes Muster“ und wertete ihn gedanklich ab. Das Verliebtsein verflog.

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Ihr eigenes Verhalten beschäftigte sie. Sie tippte in einer Internet-Suchmaschine einfach mal Stichworte ein, die ihre Reaktionen beschreiben und stieß das erste Mal überhaupt in ihrem Leben auf den Begriff „Bindungsangst“. Sie entschloss sich für eine Therapie, die sie nun seit Februar macht. „Ich habe die Hoffnung, dass ich mein Selbstbewusstsein stärken kann. Falls sich mal wieder eine ernsthafte Beziehung anbahnt, will ich alles besser kommunizieren und von vornherein besser auf meine Grenzen und Bedürfnisse achten.“

"Ich stehe gewissermaßen auf der Bremse"

Ein Zusammenleben schließt sie kategorisch aus und spielt dabei mit offenen Karten. „Mein Wissen über die Bindungsangst schränkt mich gewissermaßen ein, da viele mögliche Entwicklungen von vornherein ausgeklammert werden, ich also nicht 100 Prozent offen dafür bin." Ansonsten achtet sie sehr darauf, sich nicht mehr zu verrennen, „also meine Gefühle alle zuzulassen und sie ganz für mich alleine zu spüren“. Sie möchte ehrlich sich selbst gegenüber sein, aber sich nicht von ihren Gefühlen verleiten lassen: Langsam und bedacht an Kontakte herangehen, nichts vorantreiben. „Ich stehe gewissermaßen auf der Bremse, nehme mir ganz viel Zeit für Entscheidungen und sage zu nichts Ja, wenn ich fühle, dass es mich überfordert.“

Zwei Ursachen kommen für eine Bindungsangst infrage

Petra Stelzer ist Individualpsychologische Beraterin und Coach mit Praxis in Immenstaad. Sie berät auch Menschen, die unter Bindungsangst leiden. So eine Bindungsangst könne zweierlei Ursachen haben. Einerseits durch Verletzungen, die man in vorherigen Beziehungen erlitten habt. Andererseits durch eine Prägung in der Kindheit, die eine Partnerschaft stets mit etwas Negativem verknüpft. „Häufig erlebe ich Klienten, die glauben, ihnen fehle eigentlich nichts“, sagt Stelzer. Solche die von sich behaupten, sie möchten Single sein und auch bleiben. Wirklich abkaufen kann sie es ihnen nicht. Schließlich hätten alle Menschen ein Bedürfnis nach Bindung.

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Bleiben immer mehr Menschen Single?

Daneben gebe es „unbewusste Singles“, wie Stelzer sie nennt, die oft ewig keine Beziehung haben. Laut der Individualpsychologin kann die Ursache dafür ein Nähe-Distanz-Problem sein. „Die Phase der Verliebtheit, etwa drei Monate, sind kein Problem, es wird geklammert und anschließend geflohen“, so Stelzer.

Klammeraffe und Roadrunner – davon Betroffene hätten Schwierigkeiten, fünf Minuten lang die Hände des anderen zu halten. Oder langsamen Schrittes mit Augenkontakt aufeinander zuzugehen. „Irgendwann sagen sie dann ‚Stopp‘ und es geht nicht weiter.“ Es überkäme sie das Gefühl, diesen Raum zu benötigen. „Dann wird es ganz schwierig eine Beziehung zu führen, denn all das spielt sich unterbewusst ab.“

Zwei Menschen in einer Partnerschaft gehen in verschiedene Richtungen. (Szene nachgestellt)
Zwei Menschen in einer Partnerschaft gehen in verschiedene Richtungen. (Szene nachgestellt) | Bild: Heuser, Christoph

In spezieller Altersgruppe steigt Bereitschaft zur Beratung
 

„Die jungen Menschen werden heute zur Eigenständigkeit und Selbstverwirklichung erzogen. Nicht nur zu Hause, auch gesamtgesellschaftlich.“ Und weiter: „Jeder möchte seinen eigenen Zielen nachgehen und diese erreichen. Dabei sind manche nicht mehr bereit, davon Abstriche zu machen zugunsten der Rücksichtnahme auf einen anderen Menschen.“

Generell will Stelzer noch eines betonen: „Beziehung bedeutet Arbeit. Und viele wollen diese nicht mehr auf sich nehmen.“ Wie im Coaching steht sie auf und malt mit schwarzem Filzstift zwei Ringe auf das weiße Blatt, das im Flipchart eingespannt ist. „Die Balance muss stimmen.“ Die beiden Kreise überschneiden sich etwa zur Hälfte, den überschneidenden Bereich markiert Stelzer durch diagonale Linien. Der verbleibende Bereich der beiden Ringe bleibt weiß. „Jeder muss auch ein Stück sich selbst bewahren“, weiß Stelzer.

Bindungsangst ist der Teil der Persönlichkeit

Und sie hat eine Empfehlung für alle, die noch suchen. „Macht einfach das, was euch Spaß macht. Wenn ihr dabei jemanden trefft, habt ihr schon mal ein gemeinsames Interesse.“ Als klassisches Beispiel nennt Stelzer Hundehalter, die sich beim „Gassi gehen“ begegnen. Aber am wichtigsten findet sie, dass man lernt sich selbst zu akzeptieren, zu lieben und so anzunehmen.

Das sagt auch die betroffene Mutter. Die Selbstliebe müsse so weit gedeihen, dass man in der Lage ist, sich nicht selbst zu verurteilen und negativ zu denken. Druck rausnehmen und nicht allzu streng mit sich sein. Ein Bewusstsein für sich und seine Themen entwickeln, aber nicht abwarten, dass übermorgen alles gut und erledigt ist. „Die Bindungsangst wird wohl nie ganz weggehen, es ist Teil der Persönlichkeit." Man könne nur lernen, damit umzugehen.

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