"Mit meiner Angst lebe ich schon sehr lange. Ich bin mittlerweile 44 Jahre alt. Soweit ich mich erinnern kann, hat das etwa im Alter von zwölf Jahren angefangen. Die ersten Symptome traten vorwiegend in der Schule auf, wenn ich vor der Klasse aufstehen und referieren musste. Aber auch in vielen Situationen, in denen ich mit Menschen reden musste.

Ich kann mich nicht mehr genau an alles erinnern, aber ich weiß noch, dass ich irgendwann kaum noch gesprochen habe. Diese Situationen, aus denen ich nicht einfach flüchten konnte, waren sehr schwer für mich. Auch mit Freundschaften war es in meiner Zeit als Jugendliche schwierig, denn ich mochte es nicht, wenn man als Clique etwas zusammen gemacht hat. Gesellschaftsspiele, bei denen ich etwas Aktives machen musste – das ging gar nicht. Da habe ich nie mitmachen wollen.

Das könnte Sie auch interessieren

Dann kam die Diagnose: Soziale Angststörung

Lange Zeit stellte ich mir die Frage: Was davon ist jetzt wirklich krank? Wo muss ich sagen, es ist eine Angststörung mit einer Diagnose? Und welche Verhaltensweisen habe ich, weil ich ein eher zurückhaltender Typ bin? Da war ich mir auch lange selbst nicht sicher, was ich wie einstufen muss.

2014 bekam ich die Diagnose Soziale Phobie gestellt. Diese Angststörung kann alles umfassen – alle Situationen, wo man irgendwie mit anderen Menschen zu tun hat oder etwas machen muss. Ich hatte besonders Probleme in Situationen in einer großen Gruppe und Bewertungssituationen. In solchen Momenten bekomme ich Angstsymptome. Ich bekomme schweißnasse Hände, einen Kloß im Hals und ich zittere innerlich. Ich habe das Gefühl: Ich will hier weg. Ich will einfach nur raus aus der Situation. Das kann in allen möglichen Situationen sein.

In den vergangenen Wochen erlebte ich das, als ich telefonieren musste. Ich wusste, ich muss jetzt da anrufen. Dann merkte ich schon, ich werde irgendwie nervös, der Kopf ist leer, die Hände schwitzen, ich habe einen Kloß im Hals. Zu Beginn meiner Therapie hatte ich auch Angst davor, in ein Geschäft zu gehen und dort nach etwas zu fragen. Ich wollte das lieber vermeiden.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Alltag wurde immer grauer

Gewisse Dinge muss ich ja nicht machen. Ich muss nicht ins Kino, auf Geburtstagsfeiern, wo viele Leute sind, wo ich viele Smalltalk-Situationen habe. Ich habe mir das Leben damit eingerichtet und alles vermieden, wo es irgendwie zu Problemen kommen konnte – soweit das möglich war.

Aber mit dem Vermeiden wurde mein Leben natürlich immer enger. Der Alltag wurde grauer. Man kann zwar so leben, aber ich habe irgendwann gedacht, ich will eigentlich nicht so leben. Ich bin sehr eingeschränkt. Und viel Schönes, was es noch gäbe, geht mir einfach verloren.

Jede Situation eine Herausforderung

Zu Beginn meiner Therapie wurden mir Bögen mit Fragen zu bestimmten Situationen vorgelegt. Das waren Fragen wie: Wie hoch ist die Angst, wenn Sie sich im Café an einen Tisch mit einer fremden Person setzen und ein Gespräch anfangen? Es gab eine ganze Liste mit Situationen, wo ich beurteilen musste, bei welchem Wert zwischen null und 100 die Angst liegt. Als ich die Liste am Anfang bekommen habe, habe ich alles zwischen 80 und 100 eingestuft.

Während meiner zweijährigen Therapie habe ich gelernt, mit meiner Angst umzugehen. Ich habe erkannt, dass die Angst etwas Normales ist. Ich lebe mit ihr, aber sie muss nicht meinen Alltag einschränken. Vor allem das Erleben und Üben der Situationen war für mich hilfreich. Ich gehe in diese Situation, dann merke ich, die Angstsymptome steigen an. Aber gleichzeitig spüre ich, dass ich das trotzdem machen kann. Je mehr ich im Alltag geübt habe, Leute auf der Straße anzusprechen, desto besser hat es funktioniert.

So kann ich heute viele Situationen leichter meistern. Dennoch gibt es andere Situationen, mit denen ich mich noch nicht auseinandergesetzt habe. Bei denen ist die Angst immer noch recht hoch. Mit der Angst ist es auch so, wenn ich vorher zu lange überlege, werden die körperlichen Angstsymptome immer stärker und können mich blockieren. Dann geht nichts mehr. Deswegen ist es für mich wichtig, mich zügig der Situation zu stellen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mit der Angst kommt auch die Einsamkeit

Die Diagnose Angststörung hat mir schon geholfen. Für mich hatte das Ding damit einen Namen. Ich selber brauchte aber einige Zeit, bis ich die Diagnose annehmen konnte. Die Angst zu akzeptieren ist total wichtig. Ich muss mir auch nichts vormachen. Auch wenn ich gerne gesagt hätte, dass es ja nicht so schlimm ist. Aber eigentlich, wenn ich ehrlich zu mir selber war, dann musste ich sagen: Die Angst ist in meinem Leben eine Tatsache.

Ich war nie total allein, das nicht. Aber ich habe mein Leben mit der Sozialen Phobie so empfunden, als wenn ich in einem Haus sitze. Ich habe die Türen und Fensterläden verschlossen und die Rollläden runter gezogen. Ich komme aus dem Haus nicht raus und der andere kommt nicht zu mir herein. Ich fühlte mich einsam und die Situation war für mein Umfeld auch total schwierig. Heute freue ich mich darüber, dass ich nun mehr Freiheit habe und Beziehungen besser leben kann.

Heute lebe ich alleine. Ich denke schon, dass die soziale Angststörung ihren Teil dazu beigetragen hat, dass ich alleine lebe. Es ist okay für mich und ich denke nicht ständig darüber nach, dass ich gerne eine Familie hätte. Aber ohne die Angststörung wäre es vielleicht anders gelaufen.

Ein täglicher Kampf

Heute weiß ich, dass ich die bin, die mein Leben gestalten kann und nicht die Angst alles bestimmen muss. Das zu lernen war für mich wichtig. Ich kann die Situationen meistern. Ich bin fähig dazu, ich habe die Kompetenzen. Ich habe gelernt, mich zu ermutigen und mir positiv zuzureden. So versuche ich in diesem ganzen Unterwegssein mit der Angst erst mal positiv und unbedarft an neue Dinge heran zu gehen und nicht gleich zu denken, was alles passieren könnte. Es kann ja auch gut laufen.

Die Angst ist nur ein kleiner Bereich meines Lebens und ich will mich nicht nur auf sie konzentrieren. Daneben gibt es noch viel anderes. Zu Beginn meiner Therapie habe ich mir vorgestellt, dass ich mit meiner Depression und meiner Angst in einer WG wohne. Die Frage war, ob sie aus der WG ausziehen könnten. Ich war mir nicht sicher, ob sie das können. Bis jetzt sind sie nicht ausgezogen.

"Ich wünsche mir, dass ich einfach ich sein kann"

Aber mein Ziel ist, dass ich immer mehr bestimme, was da läuft. Ich weiß nicht, ob ich mal den Zustand erleben werde, dass die Angst ganz verschwindet. Aber ich will der Angst nicht so einen großen Stellenwert in meinem Leben geben. Ich will mein Leben leben mit all dem, was das Leben bereit hält. Und wenn ich der Angst ab und zu begegne, versuche ich das Beste daraus zu machen.

Ich wünsche mir, dass ich einfach ich sein kann. Und alles was das Leben bunter macht, nehme ich gerne mit und will weiter daran arbeiten, meinen Alltag mit der Angst gut zu bewältigen."