Schon vom Parkplatz aus sind die Schreie der Besucher deutlich zu hören. Die Achterbahn Silver Star ist die größte im Europapark. Sie ist sehr beliebt. Für mich ist sie ein absoluter Albtraum. Ich höre das Rattern der Wagen auf den Schienen, die grellen Schreie der Leute. Mein Herz pocht laut. Die Achterbahn ist riesig und ich dagegen nur ein Winzling – vollkommen machtlos.

Bild: Florian Nick

Die Silver Star ist selbst für erfahrene Achterbahnfahrer ein absoluter Kick. Ich habe beschlossen, klein anzufangen. Selbst das macht mich nervös. Ich werde stiller, mit jedem Schritt. Denn mit jedem Schritt komme ich meiner Angst näher.

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Hinter dem Eingang sieht alles noch recht idyllisch aus. Von Achterbahnen ist zurzeit keine Spur.

Bild: Wetschera, Wiebke

Doch in mir ist das Chaos bereits ausgebrochen. Mein Herz schlägt schneller. Es wird langsam ernst. Meine Wahl für die erste und einzige Achterbahnfahrt fällt auf die Pegasus-Achterbahn. Eine Achterbahn für die ganze Familie.

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Die Minuten vor der Fahrt sind die schlimmsten für mich. Das Gefühl in meinem Magen wird immer unangenehmer. Er kneift sich zusammen. Am liebsten würde ich einfach umdrehen und gehen. Es fühlt sich an wie ein Albtraum, aus dem ich einfach nur erwachen will. Mein Kopf denkt längst an nichts anderes mehr.

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Es ist der Moment, in dem die Bügel heruntergeklappt werden, in dem ich Panik bekomme. Es ist auch die Sekunde, vor der ich mich am meisten fürchte. Denn danach gibt es kein Zurück mehr. Sobald die Bügel fest sitzen geht es los und ich kann nichts mehr dagegen tun. Ich kann nichts anderes machen, als die Füße ganz fest in den Boden des Wagens zu drücken. Atem anhalten, Augen zu, all das bringt nichts.

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"Wie andere dieses Gefühl genießen können, ist mir bis heute ein Rätsel"

Woher die Angst vor dem Achterbahnfahren kommt, weiß ich nicht genau. Auch wann sie angefangen hat, kann ich nicht sagen. Vermutlich war sie immer schon da. Von meiner Mutter habe ich ziemlich viele Ängste als Kind mitbekommen. Geblieben ist die Angst vor dem Achterbahnfahren, vor einer schnellen Fahrt ohne Kontrolle. Vor dem Nervenkitzel in meinem Bauch. Wie andere dieses Gefühl genießen können, ist mir bis heute ein Rätsel.

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Aber heute ist der Tag, an dem ich meine Angst überwinde. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in einer Achterbahn sitzen muss, dann steigen mir sofort Tränen in die Augen. Ich habe keine Angst davor, dass bei der Fahrt etwas schief geht, die Achterbahn abstürzt. Ich habe einfach Angst vor dem Gefühl der Schwerelosigkeit, vor dem Anblick des Abgrunds vor mir. Mit voller Geschwindigkeit rast der Wagen dem Abgrund entgegen. Ich kann nichts machen, nur hilflos und völlig verängstigt dabei zusehen. Gleichzeitig will ich mich der Angst stellen. Ich will das Unbehagen ignorieren. Kneifen ist nicht meins. Also gehe ich mutigen Schrittes voran.

Video: Wiebke Wetschera

Ich höre, wie ein Vater mit seinem Sohn spricht. Offenbar hat dieser auch Angst. "Wenn du sagst: Das hier ist mir zu schnell", sagt der Vater. "Dann fallen die anderen Sachen auch raus." Der Junge steht schweigend daneben. Er blickt verängstigt unter seiner Schirmmütze hervor. Ich kann ihn sehr gut verstehen. Jeder Blick auf die fahrende Bahn macht mich noch nervöser.

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Die wenigen Minuten Wartezeit sind für mich der blanke Horror. Mein Herz schlägt schnell, meine Hände sind mittlerweile schweißnass. Ob das wirklich so eine gute Idee war, frage ich mich. Doch dann fährt die Bahn schon ein. Keine Zeit mehr für Gedanken.

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Ich atme tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Ganz langsam, doch mein Atem zittert. Ich versuche die Panik nicht aufkommen zu lassen. Denn wenn ich erstmal panisch werde, geht nichts mehr. Also einatmen, ausatmen. Die Bügel klappen zu.

Video: Wiebke Wetschera

Jetzt ist es soweit. Die Bügel sind zu. Es gibt kein Entkommen mehr. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Mein Atem wird schnell und unkontrolliert. Ich will hier raus. Doch das geht nicht. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Klar denken kann ich allerdings nicht. Ich fühle mich wie eine leere Hülle. Eine Hülle, die in einer Achterbahn sitzt.

Bild: Wetschera, Wiebke

Als der Wagen sich langsam in Bewegung setzt, spielen meine Gefühle verrückt. Ich habe Angst, will hier raus, will einfach, dass es vorbei ist. Die Achterbahn rattert den ersten Hügel hinauf. Danach geht es hinab, geht es mir durch den Kopf. Als wir oben sind, halte ich die Luft an.

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Dann geht es bergab. Das eklige Gefühl ergreift sofort meinen ganzen Körper. Ich stemme meine Füße auf den Boden des Wagens. Doch trotzdem verliere ich den Boden unter den Füßen. Ich kneife intuitiv die Augen zusammen. Ich will meiner Angst nicht ins Auge blicken.

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Dann schreie ich nur noch drauf los. Ich schreie vor Angst. Schreie wegen des unangenehmen Gefühls in meinem Magen, schreie, weil ich die Kontrolle verloren habe. Ich schreie, weil ich will, dass die Fahrt vorbei ist. Und ich schreie, weil ich sonst nichts tun kann.

Video: Wiebke Wetschera

Irgendwann fallen mir einige Worte wieder ein. Nachdem wir die ersten Kurven passiert haben, schreie ich "Oh mein Gott" und "Hilfe! Hilfe! Hilfe!". Dann muss ich plötzlich lachen.

Bild: Wetschera, Wiebke

Wieso ich lachen muss? Ich habe keine Ahnung. Spaß habe ich in diesem Moment jedenfalls nicht. Wahrscheinlich bin ich einfach so verzweifelt, dass ich darüber lachen muss.

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Nach einer Minute und 50 Sekunden ist die Fahrt vorbei. Es hat sich angefühlt wie eine Ewigkeit. Kaum steht die Bahn, fällt die ganze Anspannung von mir ab. Ich bin einfach nur froh, dass ich es geschafft habe. Dieses Mal lache ich nicht aus Verzweiflung. Sondern aus Freude darüber, dass ich meine Angst besiegen konnte.

Bild: Wetschera, Wiebke

Mir ist bewusst, dass ich mit einer Achterbahnfahrt nicht meine Angst überwunden habe. Auch künftig werde ich nicht mit jeder großen Achterbahn der Welt fahren. Die Silver Star ist für mich noch in weiter Ferne. Aber ich bin meiner Angst gegenübergetreten. Ich habe gezeigt, dass ich keine Angst vor meiner Angst habe. Und wenn ich mich zusammenreiße, dann kann ich sie besiegen – zumindest für einen kurzen Moment. Wenn das mal kein Grund zum Jubeln ist.

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Drei Fragen an Fahrgeschäfte-Entwickler Patrick Marx

Patrick Marx arbeitet seit drei Jahren im Europapark. Er ist als Projektleiter für neue Attraktionen zuständig. Der 28-Jährige entwickelt neue Ideen für Achterbahnen und setzt diese dann gemeinsam mit seinem Team um. Als Entwickler ist er einer der ersten, der die Bahnen fahren darf. Das sei jedes Mal ein wichtiger Moment, sagt er.

  • Was ist Ihre Lieblingsachterbahn im Europapark?

"Ich fahre gerne die Blue Fire. Sie ist schnell und intensiv. Zum Frühstück gemütlich eine Runde damit zu fahren ist das Beste, was man machen kann. Mich fasziniert es, dass eine technische Maschine ein emotionales Erlebnis beim Besucher bewirken kann."

  • Was muss eine gute Achterbahn können?

"Es gibt keinen Leitfaden. Wir überlegen uns zu Beginn, welche Elemente die Bahn haben soll, was spannend ist. Sie darf auch nicht zu wild und internsiv sein. Manche lieben Loopings, andere mögen schnelle Abfahrten. Es gibt nicht die eine Achterbahn, sondern soll für alle Altersklassen etwas geben. Eine Achterbahn wie der Alpenexpress ist extra für die ganze Familie gemacht, da steigt auch die Oma mal noch mit ein. Man versucht natürlich, Achterbahnen immer wieder ein bisschen neu zu erfinden. Dann hängt die Gondel mal unter der Bahn, sie dreht sich oder die Bahn verläuft im Dunkeln."

  • Mit welchen Fakten zur Achterbahnfahrt können Sie mich beruhigen?

"Man kann sagen, dass die Achterbahn das sicherste Fortbewegungsmittel überhaupt ist. Selbst wenn Sie vor der Achterbahn warten ist die Chance höher, dass Ihnen etwas passiert. Die Sicherheit steht bei der Konstruktion ganz oben auf der Liste. Wir spielen jeden möglichen Fall durch. Das bedeutet: Wir überlegen, was passiert, wenn eine Bremse nicht funktioniert. Dann braucht es eine zweite Bremse, die eingreifen kann. Alles ist daher doppelt gesichert, auch die Bügel. Auch der TÜV prüft die Bahnen regelmäßig. Das Wichtigste ist, dass die Menschen heile wieder ankommen."