Ich war noch nie ein guter Schläfer. Schon als Kind fiel es mir schwer, abends einzuschlafen. Nachts haben mich Albträume oft aufgeweckt. Als Teenager hatte ich dann eine rund zweijährige Phase, in der ich jede Nacht massive Probleme mit Schlaflosigkeit hatte. Wenn ich zwei, drei Stunden am Stück schlief, war das für mich das höchste der Gefühle. Bis heute würde ich meinen Schlaf als eher unruhig bezeichnen, manche Nacht habe ich sogar das Gefühl, gar nicht richtig in den Tiefschlaf zu finden. Woran das liegt, weiß ich nicht. Vermutlich der Kopf, sage ich mir, ich muss einfach lernen, abends abzuschalten, zu entspannen, dann klappt das schon mit dem Schlaf.

Nur Gewissheit kann helfen

Doch was, wenn doch etwas Körperliches dahintersteckt? Meine vielen Gedanken, die ich mir eigentlich schon immer um das Thema Schlaf mache, haben sich irgendwann zu einer regelrechten Angst entwickelt. Ich habe Angst, nicht schlafen zu können, dass die Schlaflosigkeit zurückkehrt. Es ist eine Art Teufelskreis, glaube ich. Weil ich mir so viele Gedanken um meinen Schlaf mache, habe ich diese Angst entwickelt. Und weil ich Angst habe, blockiert mich das, deshalb kann ich abends nicht so gut entspannen und einschlafen. Ich will das nicht mehr. Aber ich weiß auch, ohne fremde Hilfe komme ich aus diesem Teufelskreis nicht raus.

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Um das zu schaffen, davon bin ich überzeugt, hilft nur Gewissheit. Ich muss herausfinden: Wie ist es aus medizinischer Sicht um meinen Schlaf bestellt? Habe ich wirklich ein Problem, vielleicht sogar ein körperliches, das meine Angst rechtfertigt? Oder ist mit meinem Schlaf alles in Ordnung und meine Angst somit überflüssig? Egal was am Ende das Ergebnis sein wird: Ich werde die Angst einordnen und besser damit umgehen können.

Der Plan steht

Bei Dr. Hans-Wolfgang Mahlo in Konstanz will ich mehr erfahren. Er ist Schlafmediziner und Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. In seiner Praxis, die über ein Schlaflabor verfügt, geht er den Ursachen für schlechten Schlaf auf den Grund.

Die meisten Patienten, die hierher kommen, leiden am Schlafapnoe-Syndrom, erzählt mir Hans-Wolfgang Mahlo. Betroffene haben nachts Atemaussetzer. Die können so lange andauern, dass der Körper regelrecht Alarm schlägt. Schlafapnoe-Patienten wachen dann kurz auf, holen Luft und schlafen wieder ein. Das kann mehrmals pro Nacht passieren und bedeutet nicht nur das Gegenteil von erholsamem Schlaf, sondern ist unter Umständen auch lebensgefährlich. Denn der Körper kämpft nachts mit dem Erstickungstod. Die Folge: Adrenalin wird ausgeschüttet, der Blutdruck steigt und mit ihm erhöht sich das Risiko möglicher Folgeerkrankungen. Ein zweites Problem: Weil zeitweise zu wenig Sauerstoff über das Blut transportiert wird, leidet die Funktion der vitalen Organe wie Herz, Gehirn oder Nieren.

So sieht ein Ausschnitt aus der Schlaflabor-Auswertung eines Schlafapnoe-Patienten aus: Zwischen den wiederkehrenden Ausschlägen bei dem oberen pinkfarbenden Graphen sind die Apnoen sichtbar. In der unteren, orangen-Linie markieren die Kästchen jeweils den Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut, die sogenannte Entsättigung.
So sieht ein Ausschnitt aus der Schlaflabor-Auswertung eines Schlafapnoe-Patienten aus: Zwischen den wiederkehrenden Ausschlägen bei dem oberen pinkfarbenden Graphen sind die Apnoen sichtbar. In der unteren, orangen-Linie markieren die Kästchen jeweils den Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut, die sogenannte Entsättigung. | Bild: Nitzsche, Viktoria

Andere Patienten, die hierher kommen, leiden an periodischen Beinbewegungen, die sie während des Schlafs unbewusst machen. Ein- und Durchschlafprobleme sind weitere Gründe, warum sich Patienten für eine Untersuchung im Schlaflabor entscheiden. Ab und zu komme es jedoch auch vor, dass Leute wie ich, bei denen erst mal unklar ist, ob wirklich ein körperliches Problem vorliegt, im Schlaflabor Gewissheit bekommen möchten, erzählt der Arzt. Wir verabreden einen Termin.

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Eine Nacht im Schlaflabor

Auf der Packliste für meine Nacht im Laborzimmer stehen Waschutensilien, ein Schlafanzug mit kurzem Bein und Hausschuhe.

Bild: Nitzsche, Viktoria

Während ich meine Tasche packe, fühlt es sich fast so an, als würde ich für einen Tag ins Hotel gehen. Das beruhigt mich. Doch insgeheim weiß ich es natürlich besser, heute Nacht werde ich meinen Schlaf untersuchen lassen. Ein bisschen mulmig ist mir schon zumute. Werde ich überhaupt Ruhe finden? Eine fremde Umgebung und all die Apparate an und um mich herum scheinen mir nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine entspannte Nacht zu sein. Andererseits bin ich auch einfach nur neugierig, was da auf mich zukommen wird.

Ein paar Stunden später ist es soweit. Abends um 9 Uhr komme ich mit Herzklopfen an der Praxis an. Die Aufregung hat mich kurz bevor es losgeht fest im Griff.

Bild: Dose, Dominik

Dr. Monika Tanase begrüßt mich an der Eingangstür und begleitet mich zu meinem Zimmer. Sie wird heute Nacht in meiner Nähe bleiben, ist für mich da, falls ich etwas brauche oder aufstehen muss.

Das Zimmer, in das sie mich führt, hatte ich mir in meinen Gedanken ganz anders vorgestellt. „Labor“, das klingt so klinisch, kühl, habe ich gedacht. Der Raum, der mich erwartet, ist klein, gemütlich und strahlt Wärme aus. Dass ich hier bei einem Arzt bin, ist trotzdem nicht zu übersehen. Die Kabel, mit denen heute Nacht mein Schlaf dokumentiert wird, liegen schon bereit. Über dem Bett befindet sich außerdem eine Kamera, die mich filmen wird.

Bild: Dose, Dominik

„Machen Sie sich ganz in Ruhe bettfertig und melden Sie sich bei mir. Ich komme dann und erkläre Ihnen alles“, sagt Monika Tanase und lässt mich allein. Ich nehme mir ein paar Momente Zeit, mich an die Umgebung zu gewöhnen und ziehe mich um. Dann fühle ich mich bereit, ich gebe der Ärztin Bescheid, dass es losgehen kann. Doch bevor es ans Verkabeln geht, misst sie meinen Blutdruck. Der, so erfahre ich, ist ziemlich hoch – ich bin noch immer sehr nervös.

Bild: Dose, Dominik

Das Verkabeln dauert rund 40 Minuten. Monika Tanase nimmt sich eine Stunde lang Zeit für mich. Bevor und während sie mir die Kabel anlegt, erklärt sie mir geduldig, welches Teil welche Funktion erfüllt. Je mehr sie mir erzählt, desto ruhiger werde ich innerlich. Zu wissen, was genau heute Nacht passiert, ist wichtig für mich.

Bild: Dose, Dominik

Stück für Stück befestigt die Ärztin immer mehr Elektroden an mir. Zwei werden auf der Kopfhaut fixiert. Sie werden meine Hirnströme messen.

Bild: Dose, Dominik

Neben den Augen werden weitere Kabelenden befestigt, sie zeichnen meine Augenbewegungen auf. Des Weiteren bekomme ich Elektroden am Kinn platziert. So kann die Ärztin sehen, ob ich nachts beispielsweise mit den Zähnen knirsche. Außerdem, so erklärt sie mir, wird über die Kinn-Elektroden die REM-Schlafphase gemessen, die Phase, während der man träumt. Zwei Elektroden im Brustbereich sollen mein Herz überwachen. Am Hals trage ich das selbsterklärendste Teil der Messinstrumente: ein Schnarchmikrofon. Zwei weitere Kabelenden fixiert Monika Tanase an meiner linken Wade, zur Messung meiner Muskelspannung.

Bild: Dose, Dominik

Dann bekomme ich noch zwei Gurte am Oberkörper umgeschnallt. Einer wird messen, auf welcher Seite ich nachts liege. Am zweiten ist ein kleiner Kasten befestigt, hier laufen die Informationen aus dem Schlafmikrofon, dem anderen Gurt und einem Nasenthermistor – einem kleinen Gerät, das meinen Atem messen wird – zusammen. Dieses Teil wird erst als ich bereits im Bett liege befestigt.

Bild: Dose, Dominik

Jetzt darf ich mich hinlegen. Die Ärztin verbindet nach und nach die Kabelenden mit einem kleinen Kästchen, das hinter dem Kopfende des Bettes befestigt ist.

Bild: Dose, Dominik

Zum Schluss legt sie mir noch eine Hilfselektrode an der Stirn an, die gemeinsam mit zwei Elektroden hinter meinen Ohren die anderen bei der korrekten Messung unterstützt. Ich bekomme den Nasenthermistor angebracht und einen Pulsmesser auf den Finger gesteckt. Dann ist die Montur komplett. Zu meiner Überraschung fühlen sich die Kabel und Geräte nicht unangenehm an. Im Gegenteil: Viele der Elektroden spüre ich überhaupt nicht. Erst als ich mich im Nachhinein auf den Fotos sehe, erschrecke ich mich ein bisschen vor den vielen Einzelteilen, die an mir befestigt sind.

Bild: Dose, Dominik

Monika Tanase dimmt das Licht und geht aus dem Raum. Über eine Lautsprecheranlage gibt sie mir noch einige Anweisungen, um zu testen, ob alle Kabel richtig sitzen und die Bewegungen korrekt aufgezeichnet werden. Ich mache meine Augen auf und zu, lasse die Pupillen nach links und rechts wandern, zucke mit dem verkabelten Bein. Alles klappt, die Elektroden übermitteln korrekte Signale. Dann heißt es: Gute Nacht.

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Am nächsten Morgen

Gegen sechs Uhr morgens weckt mich die Stimme der Ärztin aus der Lautsprecheranlage. „Schon vorbei?“, denke ich verschlafen. Ich bleibe noch ein paar Minuten liegen, dann kommt Monika Tanase in mein Zimmer und entfernt die Elektroden.

Ich fühle mich ziemlich gut nach dieser Nacht im Schlaflabor. Zu meiner Überraschung habe ich tatsächlich geschlafen. Zwar fiel mir das Umdrehen etwas schwer, denn mit dem Kabelsalat im Schlepptau ist das nicht ganz einfach. Ich musste mich konzentrieren und vorsichtig bewegen, hatte Angst, aus Versehen etwas abzureißen. Trotzdem würde ich sagen: es war eine erstaunlich gute Nacht.

Ob dem wirklich so war, werde ich erst in einigen Tagen erfahren. Monika Tanase wird bis dahin meine Daten manuell auswerten und sich meine rund 750 Schlafepisoden, die während der Nacht entstanden sind, mehrfach ansehen, um eine Diagnose zu stellen. Für mich heißt es also erst mal: abwarten. Nachdem ich mich im Bad frisch gemacht habe, trinke ich noch einen Kaffee und kreuze auf einem Formular an, wie ich mich nach der Nacht fühle: „Bin voll da, jedoch nicht auf dem Höhepunkt, kann mich konzentrieren.“ Dann ist mein Besuch im Schlaflabor vorbei.

Bild: Tanase, Monika

Ein paar Tage später ist es soweit: Mit Dr. Mahlo bespreche ich meine Ergebnisse.

Bild: Wetschera, Wiebke

Eine akute schlafmedizinische Erkrankung habe ich nicht – mir fällt ein riesen großer Stein vom Herzen. Fasziniert schaue ich auf die farbigen Kurven und Graphen, die meine Schlafphasen dokumentiert haben. Sogar recht lange geträumt habe ich, sagt die Auswertung – schade, dass ich mich nicht erinnern kann.

Ein wichtiger Rat und ein wichtiger Schritt

Ein bisschen dämpft der Schlafmedizinier meine Euphorie dann aber doch: Denn nicht alle meine Werte waren während der Nacht optimal, ein Risiko in späteren Jahren einmal an Schlafapnoe zu erkranken, besteht. Auch weil der Körper einer Frau sich im Laufe des Lebens immer wieder stark verändert, rät mir der Arzt: „Geben Sie gut auf sich acht.“ Ich nehme mir vor, diesen Rat zu beherzigen, meine Euphorie kann die Mahnung in diesem Moment aber nicht trüben. Ich fühle mich richtig gut, denn ich habe mich meiner Angst gestellt. Momentan zumindest, das weiß ich nun, ist es nicht mein Körper, der für meine gelegentlichen Schlafprobleme verantwortlich ist. Ich muss vor allem meinen Kopf, das Gedankenkarussell, das mich so oft wach hält, besiegen. Und dafür habe ich nun einen für mich ganz wichtigen ersten Schritt getan.

Drei Fragen an Schlafmediziner Hans-Wolfgang Mahlo

  • Die meisten Menschen, die zu Ihnen kommen, leiden am Schlafapnoe-Syndrom. Welche Symptome sollten einen hellhörig werden lassen?

Permanentes nächtliches Schwitzen und muskuläre Verspannung in der Brust, im Rücken und Nacken können Anzeichen sein. Die Verspannungen sind durch die Atmungsanstrengungen in der Nacht bedingt. Weitere Symptome sind morgendlicher Bluthochdruck, Herz-Rhythmus-Störungen, aufsteigender Magensaft in der Nacht und Tagesschläfrigkeit. Die Atemaussetzer bekommt man durch Trauminhalte mit. Schlafapnoe-Patienten berichten zum Beispiel häufig davon, dass sie vom Unterwasserschwimmen träumen, vom Eingesperrtsein oder dass jemand auf ihrer Brust sitzt. Durch Alkoholkonsum treten die Symptome verstärkt auf.

  • Wie wird Schlafapnoe behandelt?

Innerhalb von drei Nächten im Schlaflabor wird die Diagnose gestellt und die Therapie erarbeitet. In der Regel erhalten Patienten eine Überdruckmaske, mit der sie nachts schlafen. Dabei wird der Luftdruck im Rachen gesteigert, so wird ein Zurückfallen der Zunge und ein Kollaps der Atemwege verhindert. Manchmal kann aber auch eine Operation helfen.

  • Welche Macht hat die Psyche beim Thema Schlaf?

Die Psyche steht in unmittelbarer Beziehung zum Schlaf. Menschen, die gut schlafen, haben ein schwingungsfähiges Gemüt, das heißt, sie können Stimmungen von anderen Menschen gut aufnehmen oder puffern. Wenn der Schlaf über längere Zeit schlecht ist, steigt hingegen die Gefahr der Leistungsschwäche, Melancholie und der Depression. Depressionen wirken wiederum reflexiv auf den Schlaf, tagsüber ist man müde, nachts findet man kaum in den Tiefschlaf. Es ist eine Art Teufelskreis.

Zur Person:

Dr. Hans-Wolfgang Mahlo hat an der Technischen Universität München und an der Universitätsklinik Poitiers in Frankreich studiert. Zur Schlafmedizin kam der Hals-Nasen-Ohren-Arzt per Zufall, wie er erzählt: Als junger Assistenzarzt in München unterstützte er einen Oberarzt bei einer Studie, bei der Anti-Schnarch-Tropfen an Patienten getestet wurden. Dabei merkte er, dass das Thema in der Forschung bislang kaum eine Rolle spielte. Sein Interesse war geweckt. In den folgenden Jahren erlebte er die Anfänge der Schlafmedizin in Deutschland, arbeitete und forschte in München und Lübeck. Seit 1993 ist er als niedergelassener Arzt selbstständig. 2000 erfolgte die Akkreditierung seines Schlaflabors. Der Privatarzt betreibt neben der HNO-Praxis mit angeschlossenem Schlaflabor in Konstanz auch eine Praxis in Kreuzlingen.