Ich halte ein altes Foto aus unserem Familienalbum in der Hand. Es hat sich so tief in meine Erinnerung eingeprägt, dass ich es mir eigentlich nicht ansehen muss, um es vor Augen zu haben. Noch heute weiß ich genau, wie sich dieser Moment angefühlt hat. Das Foto stammt aus dem September 1996 und zeigt unser damaliges Auto.

Meine Mutter hatte damals einen schweren Verkehrsunfall. Sie musste bei Höchstgeschwindigkeit eine Vollbremsung machen, weil sie von einer anderen Fahrerin geschnitten wurde. Der Wagen geriet ins Schleudern, überschlug sich mehrmals und blieb auf dem Dach im Straßengraben liegen. Nur wenige Meter weiter und das Auto wäre gegen einen Brückenpfeiler geknallt. Ich bin unendlich dankbar, dass meine Mutter diesen Unfall unverletzt überlebt hat.

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Den Geruch habe ich bis heute in der Nase

Ich war damals fünf Jahre alt und sah das Autowrack auf dem Schrottplatz – ein Anblick, den ich bis heute nicht vergessen habe. Mein Kindersitz auf der Rückbank war zwischen die Vordersitze gepresst. Der stabile Sitz – der mir eigentlich Schutz bieten sollte – wirkte plötzlich wie der unsicherste Platz im ganzen Auto.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Nackenkissen nach dem Unfall aussah. Das kleine Gesicht, das das Kissen schmückte, war vollkommen zerstört. Die Schaumstofffüllung war durch den Unfall aus dem Gesicht gequetscht worden und hing zerfetzt in meinem Sitz. Auch den Geruch der austretenden Betriebsflüssigkeiten, vermischt mit der Erde aus dem Straßengraben, habe ich bis heute in der Nase.

Ihre Mission: Die Angst vor dem Lebensende nehmen

An einem sonnigen Samstag im September stehe ich vor einem kleinen Häuschen im Konstanzer Stadtteil Paradies. "Im Trauerfall Tag und Nacht erreichbar", steht auf einer kleinen schwarzen Tafel im Wohnzimmerfenster. Doch für einen Rückzieher ist es jetzt zu spät. "Nur hereinspaziert", bittet mich die Gastgeberin durch ihren kleinen Garten auf die gemütliche Terrasse. In der warmen Septembersonne sitzend, werde ich in meinem Gartenstuhl sofort von einer unangenehmen Kälte ergriffen. Da sitzt mir eine lebenslustige Rentnerin Mitte 70 gegenüber und ich soll mit ihr über meine Angst vor dem Tod sprechen.

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Die ehemalige Krankenschwester Silvia Beller begleitet ehrenamtlich sterbende Menschen und ihre Angehörigen, um ihnen die Angst vor dem Lebensende zu nehmen. Erst vor wenigen Jahren zog die selbst ernannte Sterbebegleiterin von München nach Konstanz. Aus Respekt vor den Menschen, die von ihr ehrenamtlich betreut werden, möchte Silvia Beller jedoch nicht fotografiert werden.

Auf der sonnigen Terrasse von Silvia Beller stelle ich mich meiner persönlichen Angst und rede mit der Expertin über ihr Ehrenamt.
Auf der sonnigen Terrasse von Silvia Beller stelle ich mich meiner persönlichen Angst und rede mit der Expertin über ihr Ehrenamt. | Bild: Schäfer, Lukas

Die freundliche Dame wirkt wie die nette Nachbarin, mit der man sich gerne zum Kaffeetratsch verabredet. Also erkundige ich mich neugierig, warum man freiwillig fremde Familien beim Abschiednehmen begleitet. "Weil es sonst niemand macht und mir die Angst der Menschen nicht egal ist. Niemand sollte sich vor seinem Ableben fürchten", erklärt Silvia Beller überraschend offen. Eine ungewöhnliche Einstellung. Meint sie das etwa ernst? Ja, das tut sie: "In meiner Arbeit geht es darum, den Horror in Lebensfreude umzuwandeln. Niemand kann sagen, wie lange meine Schützlinge noch am Leben sind und diese Zeit soll lachend und nicht weinend verbracht werden."

"Mit dem Tod beschäftigt man sich erst durch einen bestimmten Auslöser"

Es sterben aber nicht nur kranke Menschen. Was ist, wenn man bei einem Unfall ums Leben kommt? "Solche Unfälle passieren völlig unvorhergesehen. Wir können sie nicht planen und denken auch nicht, dass uns solche Dinge ereilen." Deswegen brauche man sich auch nicht davor zu fürchten. Was Silvia Beller sagt, überzeugt mich. Mir aber geht es anders. Behutsam erkundigt sich die Expertin: "Mit dem Tod beschäftigt man sich oft erst durch einen bestimmten Auslöser. Gab es diesen bei Ihnen auch?"

Zögernd antworte ich: "Den gab es und er ist ausgerechnet in meiner Kindergartenzeit zu finden". Angst vor dem Sterben habe ich nicht erst seit dem Unfall. Wenige Monate zuvor beschäftigten wir uns zu Ostern mit dem Leiden von Jesus. Mit einem Bilderbuch wurde uns gezeigt, wie Jesus mit spitzen Nägeln an ein Kreuz genagelt wurde und einen qualvollen Tod erlitt. Durch diese düsteren Bilder entstand in mir die panische Angst, dass auch ich einen qualvollen Tod erleiden muss.

Auslöser der Angst war für mich ein Bilderbuch aus der Kindergartenzeit, das die Kreuzigung Jesu Christi in düsteren Bildern zeigte.
Auslöser der Angst war für mich ein Bilderbuch aus der Kindergartenzeit, das die Kreuzigung Jesu Christi in düsteren Bildern zeigte. | Bild: Ingo Wagner

In diesem Moment werde ich plötzlich von den gleichen Gefühlen wie damals ergriffen. Meine Stimme gerät ins Stocken. Meine Gastgeberin sieht mir direkt ins Gesicht. Ihre sonst so sanften Züge sind angespannt: "Was Sie erlebt haben, macht mich stinksauer. Ich appelliere schon seit Jahren, dass Kindergärten nicht über die Kreuzigung sprechen sollen, sondern das gefälligst den Eltern überlassen." In ihrer Arbeit mit kranken Kindern erlebe sie oft, dass Jungs und Mädchen befürchten, wie Jesus ans Kreuz zu kommen. "In der Regel verdrängen Kinder diese Bilder wieder. Aber ihre Panik ist kein Einzelfall, sondern beschäftigt sie oft jahrelang."

Als ich vom Unfall erzähle, kommen die alten Emotionen hoch

Und dann gibt es da ja noch den Unfall. 22 Jahre ist es her und doch noch immer präsent. Beller scheint zu spüren, dass da noch mehr ist: "Wurden sie denn in ihrer Kindheit mit einem schlimmen Erlebnis konfrontiert, das ihre Angst verstärkt hat?", fragt sie. Ich taste in meiner Tasche nach dem Foto und gebe es der Expertin.

Um Worte bin ich in der Regel nicht verlegen, aber in diesem Moment möchte ich nicht sprechen. Schweigend betrachtet Silvia Beller das Bild. Nach einem tiefen Atemzug erzähle ich dann doch von dem schweren Autounfall. Ich spüre, wie die Emotionen in mir wieder hoch kommen. Egal wie sehr ich auch versuche, sie zu unterdrücken. Es klappt nicht. Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals, meine Stimme zittert, während ich spreche.

"Jetzt stellen Sie sich aber mal vor, Sie hätten nur noch wenige Tage zu leben!"

Die Sterbebegleiterin hört mir aufmerksam zu. Sie gibt mir das Foto zurück und erklärt: "Es mag makaber klingen, aber auch solche Erfahrungen können wichtig für unsere Persönlichkeitsentwicklung sein." Erst durch sie wisse man die gemeinsame Zeit mit seiner Familie richtig zu schätzen. Außerdem schütze sie uns in gefährlichen Situationen. "Wenn man in jungen Jahren so einen Unfall passiv erlebt, ist es völlig normal, Angst vor dem Sterben zu haben."

Wir seien in der glücklichen Lage, nur selten mit unseren Horrorvorstellungen konfrontiert zu werden. Unsere Angst lasse sich deshalb leicht verdrängen. "Jetzt stellen Sie sich aber mal vor, Sie hätten nur noch wenige Tage zu leben!" An dieser Stelle hat die Expertin bei mir einen wunden Punkt getroffen.

In diesem Moment wird mir das Gespräch zu viel. Ich will nur noch diese Terrasse verlassen und meinen Angstgefühlen freien Lauf lassen. Ich bitte sie um eine Pause und setze mich in mein Auto. Seltsam, eben habe ich noch über den schweren Verkehrsunfall gesprochen und nun sitze ich hinterm Lenkrad und fühle mich sicher und geborgen. Gleichzeitig bin ich wütend auf mich, weil ich es nicht geschafft habe, meine Emotionen zu unterdrücken. Ich will mich beruhigen. Atme tief ein und wieder aus. Doch ich habe tausend Gedanken und Bilder im Kopf. Längst spüre ich die Angst in mir aufsteigen.

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Der Tod ist ihr ständiger Begleiter

Zurück im Garten, empfängt mich Silvia Beller mit einem großen Stück Apfelkuchen. Genau das, was ich jetzt brauche. Es ist beeindruckend, welche Wirkung diese sympathische Frau auf ihre Mitmenschen hat. Obwohl ich sie erst seit einer Stunde kenne, habe ich das Bedürfnis, sie zu umarmen. Ich bewundere die Sterbebegleiterin für ihre Kraft, fremde Menschen in den letzten Tagen und Stunden zu begleiten.

Nach der Pause bin ich in der Lage, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Kalt ist mir im Gartenstuhl jedoch nach wie vor. Doch jetzt will ich auch mal von Silvia Beller wissen, ob sie die Schicksale ihrer Schützlinge denn überhaupt nicht berührt. Auf diese Frage muss die Expertin schmunzeln: "Wenn ich vor den trauernden Familien meine Gefühle zeigen würde, könnte ich mein Ehrenamt nicht ausüben. Aber natürlich komme auch ich manchmal nach Hause und muss das Erlebte erst verdauen."

Mit meiner Angst bin ich nicht allein

Doch nach 40 Jahren als Krankenschwester und Sterbebegleiterin sei der Tod zu einem ständigen Begleiter im Alltag geworden. "Ich betrachte den Tod nicht mehr als das absolute Ende, sondern eher als eine Art Freund, der uns an die Hand nimmt und uns von allen Schmerzen erlöst."

Nachdenklich sitze ich in dem gemütlichen Gartenstuhl und betrachte das Bild von unserem zerstörten Auto. Ich muss lächeln. Meine Angst konnte ich durch meinen Besuch zwar nicht überwinden, aber es tat gut, über die Ängste zu sprechen. Ich weiß jetzt, dass auch andere Menschen unter den gleichen Ängsten leiden.

Das gibt mir ein gutes Gefühl. Und so packe ich das Foto vom Unfall in meine Hosentasche – und mit ihm auch meine Angst.

Drei Fragen an Sterbebegleiterin Silvia Beller

  • Frau Beller, Sie sind in ihrer ehrenamtlichen Arbeit ständig mit der Angst vor dem Tod konfontiert. Woher kommt diese Angst?

"Die Angst vor dem Tod ist uns sozusagen angeboren. Seit der Steinzeit ging es immer um das Überleben der Gemeinschaft. Wir sind darauf programmiert zu überleben. Angst vor dem Tod hilft uns, das Überleben zu sichern, indem sie uns davon abhält, in Gefahr zu geraten. Da es in unserer Gesellschaft jedoch schon längst nicht mehr um das reine Überleben geht, haben wir die Angst verloren."

  • Wie kann man die Angst überwinden?

"Der Tod gehört zum natürlichen Kreislauf des Lebens. Die Angst vor dem Sterben entsteht im Kopf. Eine gewisse Unsicherheit ist völlig normal, denn immerhin weiß niemand, was mit uns passieren wird. Diese Ungewissheit kann auch Ansporn sein, unseren Körper zu pflegen und uns gesund zu ernähren, um das Leben zu verlängern. Betroffene sollten sich bewusst mit dieser Angst beschäftigen, zum Beispiel in Gesprächen mit Familie und Freunden. Der Tod ist eine Sache, die sich eben nicht verhindern lässt. Deswegen sollten wir lieber unsere Zeit sinnvoll nutzen und nicht ständig an unser Ende denken."

  • Wie spende ich einem sterbenskranken Menschen Trost?

"Es ist ganz wichtig, in den letzten Tagen nicht ununterbrochen an das Ableben zu denken, sondern dem Betroffenen möglichst schöne Stunden zu bereiten. Auf keinen Fall sollte in Anwesenheit des Betroffenen geweint werden, denn das macht den Abschied noch schwerer. Erfüllen Sie letzte Wünsche oder besuchen Sie ein letztes Mal die Verwandten. Das hilft, den Tod für einige Stunden zu vergessen. Es gibt aber natürlich keine allgemeine Anleitung, wie man in solchen Situation Trost spendet. Doch keinesfalls sollte ein Mensch in den letzten Tagen seines Lebens einsam sein."

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