Kein Lichtschimmer dringt in das Zimmer. Die Matratze ist zu weich, das Kissen angenehm hart. Dann beginnt es.

Pünktlich. Wie so oft, wenn sich die Augen schließen. Ich ahne, dass es heute lange dauert, bis Ruhe in meinem Kopf einkehrt. Die Gedanken dringen ein, fressen sich schnell in mein Gehirn. Sie folgen keinem rationalen Weg, springen umher. Von der Vorstellung, wie meine Eltern im Alter gepflegt werden, zur eigenen Hilflosigkeit gegenüber Freunden, die in Depressionen abgetrieben sind.

In den Wirrungen erkenne ich ein Muster: Nichts dreht sich um mich. Die Gedanken handeln von Menschen, denen ich eng verbunden bin.

Jeder grübelt über das Leben von Vater, Mutter, Partner, Freund und Kind, oder? Mit der ekligen Mixtur aus Sorge und Angst kann ich nicht alleine sein. Wie gehen andere Menschen damit um? Und viel wichtiger: Kann ich von ihnen lernen? Ich begebe mich daher auf die Suche nach einem Extrem. 

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Stetten am kalten Markt liegt für mich im Nirgendwo, genau hier will ich fündig werden. In der dortigen Kaserne müssen meine abendlichen Gedankengänge wie ein Witz wirken. Ein Oberstabsfeldwebel holt mich am Tor ab. Frank Schmid hat einen Kurzhaarschnitt und gutmütigen Augen. Der Mann in Camouflage leitet ein Zentrum der Bundeswehr, das Familien von Soldaten betreut. Es ist eine Zuflucht für Soldaten-Familien. Und für mich?

"Es ist ein sehr sensibles Thema" 

In einem grauen Caddy rollen wir an Militär-Trucks vorbei, deren Räder mir bis zum Hals reichen. Auf der Rückbank des Wagens liegt ein Kindersitz. Schmid sagt: „Angehörige, die wir zum Zeitraum ihrer Anfrage angesprochen haben, ob sie sich zu diesem Thema äußern wollen, haben sich leider nicht gefunden. Es ist ein sehr sensibles Thema."

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Das Gebäude des Familienbetreuungszentrums (FBZ) wirkt durch die breiten Fenster, das helle Holz an der Fassade und dem grasgrünen Anstrich freundlich. Im Spielezimmer neben dem Eingang steht ein Tisch-Kicker. Drei Bobbycars sind in der Ecke geparkt, auf einem kniehohen Tisch liegen bunte Kinderbücher.

Frank Schmid und sein Stellvertreter, Hauptfeldwebel Severin Roth, führen mich herum. Sie tragen schwere schwarze Stiefel. Auf den Uniformen ist eine kleine deutschen Fahne auf Schulterhöhe eingenäht. 

Vor dem Familienbetreuungszentrum der Bundeswehr in der Stettener Kaserne: Leiter Frank Schmid (links) und sein Stellvertreter Severin Roth kümmern sich hier um die Angehörigen von Soldaten.
Vor dem Familienbetreuungszentrum der Bundeswehr in der Stettener Kaserne: Leiter Frank Schmid (links) und sein Stellvertreter Severin Roth kümmern sich hier um die Angehörigen von Soldaten. | Bild: Kares, Julian

Seit drei Jahren ist Frank Schmid Leiter des FBZ in Stetten, deutschlandweit gibt es 30 weitere Zentren. Sechs Menschen arbeiten unter ihm, davon sind drei „zivile Mitarbeiter“, wie es in Militärjargon heißt. „Für die Leitung ist die eigene Einsatzerfahrung ein sehr wichtiger Faktor", sagt der 52-Jährige.

Frank Schmid war mehr als zwei Jahre von zu Hause fort - über sein Camp flogen die Raketen

Seine fünf Einsätze: 2000 im Kosovo, 2002, 2004, 2010 und 2013 in Afghanistan. Die letzte Stationierung als Spieß in Kabul dauerte sieben Monate. 

Er erlebte Feuergefechte aus nächster Nähe. Er sah Raketen, die über sein Bundeswehr-Camp geschossen wurden. Verwundet wurde er nie.

Ich will wissen, wie er es geschafft hat, die Trennung, die Sorge, die Angst, um seine Familie in den Griff zu bekommen. Und Frank Schmid erzählt.

Frank Schmid während seines Einsatzes nahe der afghanischen Haupstadt Kabul im Jahr 2013.
Frank Schmid während seines Einsatzes nahe der afghanischen Haupstadt Kabul im Jahr 2013. | Bild: Frank Schmid

„Eines kann ich sagen. Ein ehrlicher Umgang miteinander, wie Frau und Mann über das Thema reden, ist sehr bedeutend. Warum gehe ich in den Einsatz? Da sollte man keine Dinge vorgaukeln“, sagt Schmid, der mit seiner Frau seit 23 Jahren verheiratet ist. Zu diesem Zeitpunkt sei es nicht absehbar gewesen, dass er als Berufssoldat jedes zweite Jahr in ein Krisengebiet geschickt wird.

Mit der Geburt der Kinder ändert sich für einen Soldaten alles

„Aber", das betont er, „als Soldat gehört der mögliche Einsatz zu deinem Berufsbild. Das ist das Verständnis meiner Arbeit, meine Frau trägt das mit. Mit Kindern hat die Zeit im Ausland dann eine schlagartige Wendung genommen."

Eineiigen Zwillinge verdoppelten den Haushalt der Familie Schmid im Jahr 2003. Bereits ein Jahr nach ihrer Geburt musste Frank Schmid zurück nach Afghanistan.

„Die Trennung war für mich, das muss ich sagen, belastend. Es gab damals kein Skype oder die Bilderschickerei. Wenn man zurückkommt, erkennen die Kinder den Papa nicht. Aber es ist die Karte, die man mit dem Beruf zieht. Manche Beziehungen gehen davon kaputt, andere überstehen das.“

Seine Gefühle waren in der Situation „relativ stabil“. Er wusste, dass seine Frau von Menschen umgeben ist, die sie und die Kinder bei Problemen auffangen. Nicht jeder Soldat hat eine solche Gewissheit. 

Ein Ziel der Bundeswehr: Der Soldat soll sich auf seine Mission konzentrieren

Doch im FBZ sind es nicht nur Partner mit Kindern, auch Eltern und Geschwister nehmen Hilfe in Anspruch. Das Angebot – so wirkt es – deckt alle denkbaren Sorgen ab: Jemand meldet sich, da er beunruhigt über Berichte aus den Medien ist. Der Sohn schneidet in der Schule immer schlechter ab. Es wird Hilfe bei den örtlichen Behörden nach einem Umzug benötigt. Ein Geburtstagsgeschenk soll ins Einsatzgebiet nach Afrika geschickt werden.

Das FBZ kümmert sich um alle Anliegen, wirkt dabei als Vermittler zu anderen Stellen, wie dem psychosozialen Netzwerk.

Lesestoff für Soldaten-Familien: Auf einem Tisch im Familienbetreuungszentrum liegen Ratgeber für Kinder und Paare.
Lesestoff für Soldaten-Familien: Auf einem Tisch im Familienbetreuungszentrum liegen Ratgeber für Kinder und Paare. | Bild: Kares, Julian

„Die Soldaten wissen, dass die Familien hier in guten Händen sind. Andersherum genauso. Wenn es Probleme zu Hause gibt, wissen die Soldaten, dass es Stellen gibt, wo ihren Angehörigen geholfen wird."

Das Ziel der Bundeswehr ist klar: Der Soldat soll sich ausschließlich auf seine Mission im Einsatz konzentrieren. 

Ein Bonbonglas zeigt den Söhnen, wann der Vater zurückkehrt

Schmid hat in seiner Rolle als Familienvater drei Einsätze in Afghanistan erlebt, seine Tipps gibt er nun weiter.

Wie konnte er seinen beiden jungen Söhnen begreiflich machen, wann er aus dem Nahen Osten wiederkehrt? Mit einem gefüllten Bonbonglas. Jeden Sonntag durften sich die beiden Siebenjährigen zwei Süßigkeiten herausnehmen. Ist das Glas leer, kommt der Vater zurück.

Drei Jahre später das gleiche Spiel – mit einem Karton voller Mickey-Mouse-Bücher.

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Frank Schmid sitzt in Kabul - und im Laptop beim Abendessen der Familie

Bei seinem letzten Einsatz saß Frank Schmid im Laptop täglich am Esstisch dabei, trotz einer Entfernung von rund 5100 Kilometern Luftlinie. Für seine Söhne ein wichtiges Zeichen.

Die Angst, dass der Vater stirbt, sei für einen Zwilling belastend gewesen.

„Die neuen Mittel der Kommunikation sind elementar wichtig für Soldaten und die Angehörigen. Das unterscheidet sich drastisch zu früher, als ich einmal die Woche den Kontakt nach Hause hatte. Heute sitzt der Papa als vierte Person mittels Laptop am Essenstisch. Ohne diese Möglichkeit wäre der Einsatz belastender gelaufen. Für mich und für sie.“

Beim Gespräch und dem Rundgang durch das FBZ wird mir klar, dass die Bundeswehr hier ein Alles-in-Allem-sorglos-Paket für Soldaten-Familien anbietet.

So ein Zentrum wäre irgendwie für mein Leben hilfreich, denke ich.

Die Sicherheit zu haben, dass Eltern, Geschwister und Freunde einen Ansprechpartner haben, der sich nur um sie und ihre Probleme kümmern. Ein Team, geführt vom freundlichen Frank Schmid, nur ohne den strengen Flair einer Uniform.

Als wir zurück zur Torwache fahren, vorbei an den mannshohen Trucks, bin ich einer Gewissheit näher gekommen.

Ich muss mehr sprechen. Über meine Sorgen. Mit den Menschen, die mir Sorgen bereiten.

Ich schlafe nicht schneller ein, wenn ich meine Befürchtung stundenlang totdenke. Ich muss ein eigenes Team aus Vertrauten zusammenstellen. Ich muss mein eigenes Betreuungszentrum schaffen.

"Je mehr ich darüber nachdenke, desto realer werden die Gefahren"

Daniel Nischk, Leiter der Früherkennungsprechstunde am Zentrum für Psychiatrie Reichenau, spricht im Interview über Menschen, deren Drang nach Sicherheit, Zuwendung oder Kontrolle zum krankhaften Grübeln führt.

Im Interview: Daniel Nischk, Diplompsychologe und Psychotherapeut, leitet die Früherkennungsprechstunde am Zentrum für Psychiatrie Reichenau.
Im Interview: Daniel Nischk, Diplompsychologe und Psychotherapeut, leitet die Früherkennungsprechstunde am Zentrum für Psychiatrie Reichenau. | Bild: ZfP Reichenau
  • Herr Nischk, ab wann sind Sorgen krankhaft? Und wie äußert sich das im Leben der Betroffenen?

Sorgen werden dann zum Problem, wenn dadurch Leid entsteht oder der Betroffene in seinem Alltag eingeschränkt ist, zum Beispiel die Arbeit oder Kontakte vernachlässigt. Das ist dann der Fall, wenn das Problem aus prinzipiellen Gründen nicht mit vollständiger Sicherheit lösbar ist. So kann ich durch keine Maßnahme der Welt das Wohl meiner Kinder zu hundertprozentig sicherstellen. Ich kann Vorsorge treffen, etwa durch Verkehrserziehung und Fahrradhelme. Eine absolute Sicherheit gibt es jedoch nicht. Danach zu trachten, bringt vielmehr Probleme mit sich. Je mehr ich darüber nachdenke, desto realer werden die Gefahren. Das nennen wir Grübeln. Sie verschwinden zumeist so rasch wie sie gekommen sind, durch ein verständnisvolles Gespräch oder schlicht, weil man sich an belastende Ereignisse gewöhnt hat. Unablässiges Grübeln ist ein häufiger Vorstellungsgrund in unserer psychologischen Sprechstunde. Oft hilft eine einfache Beratung über die psychologischen Hintergründe. Zuweilen ist Grübeln jedoch auch Bestandteil einer Depression oder Angststörungen.

  • Gibt es Charaktere, die vom Grübeln besonders oft betroffen sind?

Menschen mit maximalen Ansprüchen, etwa nach Sicherheit, Zuwendung oder Kontrolle. Die Sorge um den geliebten Anderen ist auch bei Angehörigen von Kranken besonders ausgeprägt. Nach einer Untersuchung der Universität Konstanz sind nahezu die Hälfte der Eltern von erwachsenen psychisch Kranken ebenfalls behandlungsbedürftig belastet. Diese Angehörige sind nach unserer Erfahrung zögerlich, Hilfe aufzusuchen. Oft aus ganz banalen Gründen: Man will den Kranken nicht zusätzlich belasten oder in den Mittelpunkt stellen, wenn es doch den anderen vermeintlich viel schlimmer getroffen hat.

  • Was raten Sie einer Person, die in ständiger Sorge um eine Person lebt?

Oft ist schon viel damit gewonnen, wenn man schädliche Grübelprozesse abbrechen kann, indem man schlicht aktiv wird, am besten mit einer körperliche fordernden Tätigkeit gemeinsam mit anderen. Wenn man dann emotional abgekühlt ist, können Ängste und Befürchtungen realistischer betrachtet werden. Hier ist ein Gegenüber wichtig, damit auch andere Perspektiven eingenommen und integriert werden können. Ein weiterer Schritt besteht darin, den Hintergrund seiner hundertprozentigen Ansprüche zu erkunden. Warum muss ich eine absolute Sicherheit haben, dass es dem anderen gut geht? Hierfür brauchen wir ganz grundsätzlich den anderen Menschen, nicht unbedingt einen Psychotherapeuten oder Psychiater.

Zur Person:

Dr. Daniel Nischk, Diplompsychologe und Psychotherapeut, leitet die Früherkennungsprechstunde am Zentrum für Psychiatrie Reichenau. Es handelt sich um ambulantes Angebot zur Diagnostik von psychischen Problemen, um therapeutische Hilfen frühzeitig einleiten zu können. Daneben führt er ein stationäres Behandlungsangebot für junge Menschen mit Psychosen und ein Angebot zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit psychischen Störungen. Einen Kontakt zur diagnostischen Sprechstunde finden Sie unter der Telefonnummer 07531 (977408) oder 07531 (97797 531) und der Mailadresse info@zfp-reichenau.de.