Er wird als der grausamste Serienmörder des 20. Jahrhunderts beschrieben: Bela Kiss tötete vor Beginn des ersten Weltkrieges mehr als 20 Frauen in Ungarn. Die Leichen wurden später vor seinem Haus in Fässern aufgefunden, konserviert in Alkohol. Der Verbleib von Bela Kiss ist bis heute ungeklärt, er wurde nie gefasst.

Lucien Förstner ließ den Mörder 2013 in einem gleichnamigen Horror-Film wiederauferstehen. Gedreht wurde im "Spukhotel" Waldlust im Schwarzwald, die Altersbeschränkung liegt bei 18 Jahren. Im Interview erklärt der Stuttgarter Regisseur, die Faszination der Menschen am Gruseln vor der Leinwand und warum die schlimmsten Szenen bei einem Horrorfilm meist im Kopf ablaufen.

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Herr Förstner, jemand der einen Horrorfilm dreht, muss ein sehr spezieller Typ sein. Stimmt das?

Das ist ein Klischee. Es sind ganz gewöhnliche Leute, die haben kein Gewaltpotenzial, das sie im Film austragen müssen. Wir wurden auch mit großen Augen angeschaut, als wir das erste Mal in das Studio kamen, um Bela Kiss fertig abzumischen. Bei einem Horrorfilm haben sie Leute aus der Gothikszene erwartet, mit umgedrehten Kruzifixen und 666 auf den Arm tätowiert. Ganz allgemein ist es schwierig, das Image des Horror-Regisseurs nach so einem Film wieder loszubekommen.

Und die Zuschauer, die möglichst viel Blut sehen wollen. Was sind das für Charaktere?

Ich muss aus meinen Erfahrungen sagen, dass Fans von Splatterfilmen ganz ruhige und friedliche Personen sind.

Warum schauen Menschen Horrorfilme. Wissen Sie das?

Es ist wie eine Achterbahnfahrt. Ich möchte mich in Gefahr begeben, Adrenalin erleben, ohne mich wirklich in Gefahr zu begeben. Im Hinterkopf weiß man, dass das Monster oder der Killer nicht plötzlich aus der Leinwand springen.

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Welche Unterscheidungen gibt es im Genre?

Es gibt einige Sub-Genres, angefangen vom Splatter, in denen es mehr darum geht, wirklich viel Blut und Gewalt zu zeigen. Dann gibt es aber auch den Terrorfilm, der auch psychologisch sehr gewalttätig sein kann. Zum Beispiel Irreversible von Gaspar Noé, er war in Cannes der „Most walked out movie of the year“, weil bei der Premiere am meisten Leute aus dem Saal gegangen sind. Er ist extrem brutal, im Sinne, wie er etwas erzählt, und den Zuschauer dabei mit Bild und Ton terrorisiert.

Und auf was setzen Sie – Blut oder Atmosphäre?

Ich bin kein Freund von extremem Splatter. Also in die Richtung Saw, wo es um die reine Darstellung von maximaler Gewalt oder Ekel geht. Das ist nicht meine Intention, doch es war sicherlich ein Ziel in meinem Film, den Zuschauer zu schocken oder auch zu provozieren. Aber nicht einzig und alleine durch Schauwerk. Viel ist angedeutet oder nur über den Ton erzählt. Den Rest übernimmt das Kopfkino. Ich glaube, dass das viel effektiver ist, als rein gewaltpornografisch draufzuhalten.

Der Dunkelheit entgegen: Kistina Klebe stolpert in ihrer Rolle als Julia durch den Gang des Hotels.
Der Dunkelheit entgegen: Kistina Klebe stolpert in ihrer Rolle als Julia durch den Gang des Hotels. | Bild: Kinostar Filmverleih GmbH

Das glaube ich. Ich reagiere extrem auf Geräusche, krasse Bilder stören mich nicht. Wie kann ein Regisseur eine Emotion nur mit Ton hervorrufen?

Wie setzt man das am besten ein, gute Frage. Bei Bela Kiss haben wir, bevor Knochen brechen oder Klingen in den Körper fahren, weggeschnitten. Danach meist die Reaktion des beteiligten Protagonisten gezeigt und dann einen leicht erhöhten oder übertriebenen Soundeffekt eingespielt. Der Zuschauer sieht nicht bewusst, wie die Klinge ins Fleisch geht, aber er hört es und stellt es sich automatisch im Kopf vor. Alles muss in der richtigen Mischung einfließen, damit der Zuschauer nach dem Film sagt: 'Ich habe das alles gesehen.' Aber es ist nicht vorhanden, sondern erst im Kopf zusammengesetzt worden.

Und welchen Zweck haben Atemgeräusche, dunkle Gänge und knarzende Böden?

Alles was der Zuschauer an knarzenden Türen und Dielenboden hört, ist meist nachträglich eingebunden. Das wirkt zur Atmosphäre, weil es mit einem Grusel- oder Geisterhaus verbunden wird. Oder einem alten Haus, in dem keiner mehr lebt. Es sind Erfahrungen, die Menschen gemacht haben. Ein Regisseur oder Drehteam greift darauf zurück, um etwas im Kopf des Zuschauers hervorzurufen. Die Atomsphäre trägt den Film, führt den Zuschauer in einen Bereich, wo er sich unwohl fühlt. Und dann ist er leichter zu erschrecken.

Die Schock-Momente im Film sind von einem Publikum getestet worden: Je nach Rückmeldung wurden die Bildschnitte für den optimalen Gruselfaktor verändert.
Die Schock-Momente im Film sind von einem Publikum getestet worden: Je nach Rückmeldung wurden die Bildschnitte für den optimalen Gruselfaktor verändert. | Bild: Kinostar Filmverleih GmbH

Sie öffnen der Fantasie damit die Tore?

Genau. Das was ich nicht sehen kann, ist oftmals schlimmer, als das was ich sehe. Ich kenne genug Monsterfilme, die sind solange gruselig, bis ich das erste Mal das Monster sehe. In der Fantasie ist alles möglich. Im besten Fall wird alles größer und schlimmer. Der Regisseur muss sich dann fragen, zeige ich das Monster oder lasse ich es offen.

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Woher wissen Sie, was beim Menschen mehr oder weniger funktioniert?

Wir hatten damals im Kino die Möglichkeit gehabt, Testschnitte vor Publikum zu zeigen. Sie mussten Fragebögen ausfüllen und wir haben geschaut, funktioniert der Film in die Richtung, die wir haben wollen.

Quasi eine Perfektion des Schocks?

Ich glaube, dass jeder Mensch in seinem Leben Erfahrungen oder kleinere Traumata durchlebt hat. Als Beispiel: Wenn jemand einen Hai neben sich im Meer gesehen hat, wird er auf einen Weißen-Hai-Film stärker reagieren, als jemand, der noch nie am Meer war. Beim Horrorfilm geht es ein Stück weit darum, wenn er erfolgreich sein soll, viele Triggerpunkte der breiten Masse anzusteuern. Also Dinge, auf die jeder reagiert, weil sie instinktiv im Menschen sind.

Sie kennen als Regisseur die Tricks hinter der Kamera. Gibt es trotzdem Filme, die Ihnen Angst eingeflößt haben?

Ich bin ein Fan von Stanley Kubrick und deshalb von Shining. Es ist ein Film, der gruselt und eine dichte Atmosphäre schafft, aber wenig Gewalt an sich zeigt. Als Gegenbeispiel mag ich Hellraiser, der in der ungekürzten Fassung extreme Splattereinlagen hat. Aber es gibt eine intelligente Geschichte, sie ist surreal, wie ein Albtraum, das mag ich daran. Filme die einzig und allein nur Gruseln oder Gewalt zeigen, funktionieren für mich eigentlich nicht. Es muss eine dramaturgisch ausgefeilte Story dahinterstehen, mit ausgeprägten Charakteren, die das alles tragen können.

Lucien Förstner: "Die Atomsphäre trägt den Film, führt den Zuschauer in einen Bereich, wo er sich unwohl fühlt. Und dann ist er leichter zu erschrecken."
Lucien Förstner: "Die Atomsphäre trägt den Film, führt den Zuschauer in einen Bereich, wo er sich unwohl fühlt. Und dann ist er leichter zu erschrecken." | Bild: Lucien Förstner