Am 24. Februar 2022 begann Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Sechs Monate nach Kriegsausbruch sind die Auswirkungen besonders in der Ukraine, aber auch in ganz Europa zu spüren. Für geflüchtete Ukrainer, freiwillige Helfer und auch Verbraucher in Deutschland.

Während die einen ihre Heimat verloren haben, spüren die anderen die Folgen vor allem im Geldbeutel und beim Einkauf. Und auch viele neue und alte Wörter, über die plötzlich wieder gesprochen werden, haben Eingang in unseren Alltag gefunden. Eine Übersicht über die vergangenen sechs Monate, ihre Folgen und die aktuelle Lage.

Was ist passiert?

Vor sechs Monaten griff Putins Russland mit einer geballten Übermacht sein kleineres Nachbarland an. Zunächst mit dem Ziel, Kiew zu besetzen und Selenskyjs Regierung zu stürzen. Den ersten Vorstoß im Frühjahr konnten die Ukrainer erfolgreich abwehren, Russland konzentrierte sich fortan auf Gebietsgewinne im Osten und Süden der Ukraine.

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Die kann sich jedoch bis heute behaupten, erzielt sogar immer wieder Geländegewinne und Prestigeerfolge. Auch dank der Sanktionen und Waffenlieferungen aus Europa und – nach langem Zögern – aus Deutschland. Inzwischen hat sich der Konflikt zu einem Zermürbungskrieg entwickelt, unter dem besonders viele Zivilisten leiden.

Welche Folgen spüren wir in Deutschland?

Auch in Deutschland sind die Auswirkungen deutlich zu spüren – sei es im Geldbeutel, bei Mahnwachen oder durch neue Wörter, die Eingang in unseren Alltag gefunden haben. Der Krieg hat die Inflation weiter angeheizt, Verbraucher merken das beim Einkauf im Supermarkt, beim Tanken und Heizen. Politiker rufen bereits auf, beim Strom, Heizen und Duschen zu sparen – stattdessen mal wieder zum Waschlappen zu greifen.

Um die Bevölkerung zu entlasten hat die Regierung verschiedene Maßnahmen ergriffen: Den Tankrabatt, das Neun-Euro-Ticket und weitere Hilfen.

Eine Mahnwache am 27. Februar in Singen.
Eine Mahnwache am 27. Februar in Singen. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Die Füllstände der Gasspeicher dominieren plötzlich politische Diskussionen mit Blick auf Herbst und Winter. Seit Russland die Lieferungen durch die Pipeline Nordstream I gedrosselt hat, geht die Angst vor einem kalten Winter um. Die Europäische Union hat ihren Sparplan in Kraft gesetzt, Kommunen im Südwesten sparen selbst schon freiwillig Energie ein.

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Auch eine Verlängerung der Laufzeiten der verbliebenen drei Atomkräfte über das Jahresende hinaus scheint auf einmal wieder möglich – und das trotz Regierungsbeteiligung der Grünen.

Zudem gab es in den vergangenen Monaten eine zweite große Fluchtbewegung nach 2015 nach Deutschland – wo die Hilfsbereitschaft groß ist. Viele Millionen Ukrainer flüchteten vor Putins Krieg in andere europäische Länder. Sie wurden entwurzelt, haben eine bewegte Fluchtgeschichte hinter sich und müssen sich in einem fremden Land zurecht finden und dessen Sprache lernen.

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Wie lange könnte der Krieg noch dauern?

Beide Seiten leiden enorm unter dem Krieg, die Zahl der Toten steigt stetig an. Doch keine Seite ist zum Einlenken bereit: Die Ukrainer kämpfen um ihre Unabhängigkeit als Nation, Putin will diesen „historischen Irrtum“ beenden. „Unter diesen Umständen kann niemand gewinnen“, sagt der in Moskau ansässige politische Analyst Konstantin Kalatschew. Der Krieg könne noch „Jahre dauern“. Dabei laufe die Zeit allerdings gegen die Ukraine, deren Wirtschaft auf Dauer zusammenbrechen könnte.

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Nach Ansicht von Marie Dumoulin von der europäischen Denkfabrik ECFR könnte auch die Unterstützung der Ukraine durch ihre westlichen Verbündeten dazu beitragen, dass sich der Krieg weiter hinzieht. „Jede Seite glaubt, sie kann immer noch militärische Vorteile erzwingen“, meint Dumoulin. Kremlchef Wladimir Putin könnte weiter auf die Eroberung der Hafenstadt Odessa setzen und damit die Ukraine komplett vom Zugang zum Schwarzen Meer abschneiden.

Eine Explosion ist in einem Wohnhaus in Mariupol am 11. März.
Eine Explosion ist in einem Wohnhaus in Mariupol am 11. März. | Bild: Evgeniy Maloletka/dpa

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj wiederum könnte stärker taktische Erfolge anstreben – vergleichbar mit dem Versenken des russischen Kreuzers „Moskwa“ im April – oder versuchen, in einer Gegenoffensive einzelne Gebiete zurückzuerobern. „Das könnte die Ukrainer weiter motivieren und gleichzeitig Forderungen nach mehr Hilfe von den europäischen Partnern rechtfertigen.“

Kann die Ukraine weiterhin Widerstand leisten?

Nach Auffassung von Dimitri Minic vom Französischen Institut für Internationale Beziehungen stehen die Ukrainer bisher vereint hinter ihrer Regierung. „Doch dies stützt sich auch stark auf die Idee, dass der Westen der Ukraine in diesem Krieg hilft.“

In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bietet sich nach dem Rückzug der russischen Armee ein ...
In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bietet sich nach dem Rückzug der russischen Armee ein Bild des Grauens. | Bild: Rodrigo Abd/dpa

Der nahende Winter dürfte die Entschlossenheit der Ukrainer allerdings auf eine harte Probe stellen. Sie müssen sich auf Kraftstoffmangel, Strom- und Heizungsausfällen einstellen – vor allem, wenn sie durch die Kämpfe aus ihren Häusern vertrieben werden. „Es wird schwer werden“, sagt auch Dumoulin. „Vieles wird davon abhängen, ob die Menschen den Winter überstehen.“

Hält Russlands Wirtschaft durch?

Trotz seiner Fehleinschätzung zur Länge seines Angriffskriegs scheint Russland bereit, die Kosten für einen langwierigen Zermürbungskrieg zu zahlen. Hinzu kommt, dass sich die Hoffnungen des Westens, Russland mit Sanktionen unter Druck zu setzen, bislang kaum erfüllen.

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Laut Chris Weafer von der Beratungsfirma Macro-Advisory konnte Russland seine Exporteinnahmen, vor allem aus Öl, Gas, Kohle und anderen Rohstoffen, deutlich steigern. Zudem seien die Menschen bereits seit der russischen Annexion der Krim 2014 an die Auswirkungen von Sanktionen gewöhnt. Der Moskauer Analyst Kalatschew schätzt, dass Russland die volle Wirkung der Sanktionen ohnehin erst „in etwa fünf Jahren“ spüren wird.

Wie geht es weiter?

Sollte der Krieg über den Winter und bis ins neue Jahr andauern, wird vieles davon abhängen, ob die Unterstützung des Westens anhält – insbesondere, wenn den Wählern hier die Kosten dieser Unterstützung irgendwann zu hoch erscheinen. Laut Dumoulin könnte Putin an einem Punkt darauf setzen, dass der Westen des Krieges müde wird und einige Angebote unterbreiten, damit westliche Regierungen die Ukraine dazu drängen, den „Konflikt zu den russischen Bedingungen“ zu beenden.

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Dass das ukrainische Militär bald komplett zusammenbricht, gilt als wenig wahrscheinlich. Und nur wenige Experten glauben, dass Selenskyj Verhandlungen zustimmen würde, bei denen die Ukraine nicht alle verlorenen Gebiete zurückerhält – inklusive der Krim. Und sollten Kiews Verbündete weiterhin Hilfe und Waffen zur Verfügung stellen, könnte Russlands militärische Überlegenheit nach und nach schwinden. Was dann mit Putins Rückhalt im eigenen Land sein wird, darüber lässt nur spekulieren.