Es ist nicht unbedingt das beste Wetter für eine Kundgebung. Der Himmel über dem See ist grau, es regnet. Den Menschen am Hafen macht das nichts aus. Sie sind trotzdem gekommen. Um für Europa zu kämpfen. Die blauen Europafahnen mit den gelben Sternen trotzen dem Grau, die Farben wirken umso stärker an diesem trüben Tag.

Thilo Raufer an der Uni Konstanz.
Thilo Raufer an der Uni Konstanz.

Sie alle gehören der proeuropäischen Bewegung „Pulse of Europe“ an oder unterstützen sie. Seit sich die Aktion vor drei Jahren gegründet hat, sind in vielen deutschen Städten Menschen auf die Straße gegangen – auch in der Region, wie in Freiburg, Friedrichshafen oder Konstanz.

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Eine „Pulse of Europe“-Kundgebung in Berlin: Im Bild sind zwei gelbe Sterne mit der Aufschrift Wahlrecht ab 16! und Erasmus zu sehen.
Eine „Pulse of Europe“-Kundgebung in Berlin: Im Bild sind zwei gelbe Sterne mit der Aufschrift Wahlrecht ab 16! und Erasmus zu sehen. | Bild: Christian Spicker

„Diesmal ist die Wahl wichtiger“

In den kommenden Wochen planen die Aktivisten weitere Kundgebungen. Denn in wenigen Wochen werden die EU-Bürger zu den Urnen gerufen, die nächste Europawahl steht an. „Und diesmal ist die Europawahl wichtiger als sonst“, sagt Thilo Raufer, einer der Aktivisten von Pulse of Europe in Konstanz. „Brüssel ist vielleicht weit weg – aber wir müssen hier zur Wahl gehen“, betont er.

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Einige Wochen zuvor sitzt er in seinem Büro im Trakt E der Konstanzer Universität. Dort liegen schon bunte Flyer bereit für die Wahlaktion, die sich die proeuropäische Bewegung ausgedacht hat.

Was es mit „KNackt“ auf sich hat

Mit „KNackt – Konstanz knackt den Wahlrekord“ wollen die Initiatoren die Menschen im Wahlkreis zur Teilnahme bewegen. 1994 nahmen 62 Prozent der Wahlberechtigten an der Abstimmung teil. Dieser Wert soll 2019 deutlich übertroffen werden – und der höchste überhaupt werden.

Raufer ist Fachbereichsreferent und Dozent für Soziologie. „Pulse of Europe“ hat er sich angeschlossen, als ein Freund ihn angesprochen hatte: „Wir müssen etwas tun“, sagte er. Dabei wusste der Familienvater anfangs selbst gar nicht so genau, wofür er sich da einsetzt: „Europa ist erst mal ein abstraktes Gebilde“, sagt Raufer. Trotzdem weiß er um die Vorteile der Gemeinschaft.

Froh, ein Europäer zu sein

„Wir können uns glücklich schätzen, dass wir in Europa aufwachsen und nicht in Afrika“, sagt er und nutzt bewusst dieses Beispiel. Der Wohlstand auf diesem Kontinent sei vielen nicht bewusst – „auch wenn es natürlich nicht allen gleich gut geht“. Er will das Image der EU drehen, sagt er. Denn sie sei kein reines Bürokratiemonster, das blindwütig Regeln aufstellt und den Mitgliedstaaten Entscheidungen aufzwingt.

„Die Idee von Europa ist eine grundpositive“, stellt er klar. „Die Menschen sollen wieder wissen, was sie an Europa haben.“ Die EU stehe für Werte, die man verteidigen kann. Deutschland profitiere von ihrem Markt und sei nach außen stärker vertreten als ein einzelner Nationalstaat.

Warum wir Europa brauchen

„Wir brauchen Europa, weil es ein Sicherheitsraum ist, in dem wir auf demokratische Weise Probleme lösen“, erklärt Raufer seine Haltung. „Mit nationalstaatlichem Klein-Klein wird man nicht bestehen können“, ist er überzeugt. Herausforderungen wie die von Trump angedrohten Strafzölle könnte Deutschland allein schlecht abfedern, die EU als Ganzes hält den US-Präsidenten bislang dagegen in Schach.

Die EU ist kein abstraktes Gebilde – sondern besteht aus vielen Menschen, die auf verschiedene Weise von der Gemeinschaft profitieren.
Die EU ist kein abstraktes Gebilde – sondern besteht aus vielen Menschen, die auf verschiedene Weise von der Gemeinschaft profitieren. | Bild: xxx

„Europa ist im Alltag doch praktisch erlebbar“, betont Raufer. Gerade in Konstanz, an einer der EU-Außengrenzen. Denn die Schweiz gehört nicht zur EU, dort gelten andere Regeln, auch wenn sich die Eidgenossen in vielen Punkten der Gemeinschaft annähern.

Andere Welt hinter der Grenze

„Dort ist die Welt eine ziemlich andere“, sagt Raufer. Franken statt Euro, Dienstleister, die ihre Tätigkeiten dort vorab anmelden müssen – Hürden, die es in der EU nicht gibt. „Wir fliegen mit dem Personalausweis durch Europa, wir können studieren und arbeiten, wo wir wollen“, nennt Raufer weitere Beispiele.

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„Ich habe das noch erlebt, als das noch nicht so selbstverständlich war“, erzählt Raufer. Da gab es noch Grenzkontrollen innerhalb der EU – „das ist noch gar nicht so lange her“. Mit der Schaffung des Schengenraums fielen die Schlagbäume.

Der Euro und andere Vorteile der EU

Der Euro wurde eingeführt und hat sich als stabile Währung etabliert. „Die Wechselkursrisiken von früher, die gibt es nicht mehr“, betont Raufer. Zumindest in einer Mehrheit der EU-Länder. Neun der 28 Mitgliedstaaten haben den Euro (noch) nicht eingeführt.

„Der solidarische Gedanke ist doch ein schöner“, findet Raufer – „auch wenn er teuer werden kann wie bei Griechenland“. Aber selbst da habe Deutschland am Ende profitiert. Und die Politik, meint Raufer, „die ist doch mittlerweile so komplex, dass sie für den Einzelnen gar nicht mehr überschaubar ist“.

Aktiv für Europa

Der Dozent und sein Freund beschließen, dass es nicht mehr reicht, einfach „nur“ für Europa zu sein. Für Europa aktiv werden, lautet seine Devise bis heute. Denn ohne Europa geht es nicht, glaubt Raufer. Dennoch sieht der gebürtige Schramberger sich nicht als blinden EU-Fan: „Ich bin bestenfalls ein kritischer EU-Fan“, stellt der 49-Jährige klar. Gerade beim Verwaltungsapparat der Europäischen Union sieht er Nachholbedarf.

Zahlreiche Europa-Fähnchen sind in einem Eimer am Stand der Pulse of Europe verstaut, während auf dem Neumarkt in Dresden die Pulse of Europe-Demonstration für Europa vor der Europawahl 2019 stattfindet.
Zahlreiche Europa-Fähnchen sind in einem Eimer am Stand der Pulse of Europe verstaut, während auf dem Neumarkt in Dresden die Pulse of Europe-Demonstration für Europa vor der Europawahl 2019 stattfindet. | Bild: Daniel Schäfer

„Da habe ich schon das Gefühl, dass es demokratische Defizite gibt“, beschreibt Raufer seinen Eindruck: Zwar gewann das Europäische Parlament mit dem Lissabon-Vertrag, der jüngsten Neuauflage des EU-Rechts, deutlich an Gewicht hinzu.

Demokratiedefizit in Brüssel?

Dennoch bleibt die Volksvertretung im Vergleich zum mächtigen Rat, dem Gremium der EU-Staaten, aber auch der EU-Kommission, der Chefetage der EU, schwach. „Die EU ist immer noch hauptsächlich eine Wirtschaftsunion“, findet Raufer. „Dabei sollte sie eine politische Union sein – das ging für mich bislang unter.“

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Auch bei der Flüchtlingskrise hat sich die EU nach Raufers Meinung nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. „Aber ich bin da offengestanden auch ratlos.“ Deutschland habe damals souverän reagiert, betont Raufer jedoch. Aber bis heute ist es der Gemeinschaft nicht gelungen, einen fairen Verteilmechanismus und ein gemeinsames Asylsystem zu entwickeln.

Schwierige Aufgaben

Stattdessen belasten die bisherigen EU-Regeln besonders die Länder an den EU-Außengrenzen: Denn sie machen jene Staaten für die Asylanträge verantwortlich, über die die Flüchtlinge zuerst in die EU gelangen. „Ich finde es schlimm, dass schon wenige Hundert Menschen nicht gerecht verteilt werden können“, sagt Raufer dann. Stattdessen profitierten die Schlepper: Nach wie vor propagierten sie ein falsches Bild von der Europäischen Union, die angeblich alle aufnehme, die dort auf illegalem Wege einreisten. „Da muss Europa mehr tun“, fordert der Universitätsdozent.

Trotzdem hat es ihn beeindruckt, wie eng die Mitgliedstaaten in der schwierigen Brexit-Debatte zusammenstanden. „Da wurde deutlich, dass Rosinenpickerei nicht funktioniert“, sagt Raufer. Trotzdem fürchtet der 49-Jährige um die Konsequenzen der Krisen, die die EU in den vergangenen Jahren gebeutelt haben.

Bedroht der Populismus die EU?

„Ich habe schon die Befürchtung, dass die Rechtspopulisten bei den Wahlen erstarken werden“, so Raufer. „Osteuropa, Österreich und Italien driften weg“, glaubt er.

„Da ziehen dann Nationalisten in das Europäische Parlament ein, die für etwas stehen, was gegen Europa ist.“ Matteo Salvini von der Lega Nord, Italiens Rechter, derzeit Vizepremier, erfährt wachsende Zustimmung von den Bürgern: „Er inszeniert sich.“

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Auch mit Blick nach Frankreich fürchtet der Soziologe, dass sich die Gelbwesten-Bewegung in einer Protestwahl niederschlagen könnte. „Es ist schwer einzuschätzen, wie sie abstimmen werden“, sagt er. Mit Blick auf Deutschland ist Raufer aber guter Dinge: „Die Zeiten, in denen die Panik geschürt wurde, dass wir kurz vor dem Übertritt in ein Scharia-regiertes Land stehen, sind vorbei.“

Raufer wirbt für keine bestimmte Partei. Ihm ist wichtig, dass die Menschen wählen gehen. Und sich beteiligen – an der Gestaltung Europas.

Die SÜDKURIER-Europaserie

Am 26. Mai sind Europawahlen. Bis dahin wollen wir, die Redakteure des SÜDKURIER, einen Blick in die Region werfen: Wie sehr betrifft die EU die Bürger hier, was denken sie darüber und welche Vorteile oder auch Schwierigkeiten bringt die EU mit sich? All das wollen wir in der heute beginnenden achtteiligen Serie beleuchten – kritisch und fundiert. Dieser erste Teil ist der Auftakt der Reihe, in der unsere Leser die Protagonisten sind. In den kommenden sechs Teilen sprechen wir mit Menschen, die von der EU begeistert sind oder ihr skeptisch gegenüberstehen. Mit Menschen, die von ihr profitieren und solchen, die für sie arbeiten. Mit Menschen, deren Leben von der EU geprägt ist. Schließlich sprechen wir mit einem EU-Experten, bevor wir im Schlussteil erklären, wie genau die Wahl abläuft. Diese Reise durch die Region ist auch eine Reise durch die EU, auf die wir Sie, unsere Leser, gerne mitnehmen möchten. (mim)