Gudrun Zimmer ist eine der fast ersten Stunde. Als die heute 70-Jährige aus Meßkirch ihre Arbeit beim Europäischen Rechnungshof in Luxemburg begann, war die neue Institution der damaligen Gemeinschaft noch kein Jahr alt. „Ich hatte die Personalnummer 58“, erinnert sich die frühere Beamtin.

Heute ist Zimmer im Ruhestand, kehrte nach 40 Jahren im Großherzogtum in ihre alte Heimat zurück. Zimmers Gesicht, umrahmt von einem Pagenschnitt, ist geprägt vom Leben, doch die kleinen Krähenfüße um die Augen hinter der braunen kantigen Brille verraten, dass sie gerne lacht.

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Die Frau mit dem Pagenschnitt lebt in einer ganz besonderen Wohnung in Meßkirch. Von ihrem Balkon aus hat sie einen wunderbaren Blick direkt auf das Schloss. Hier, in diesem Gebäude, ging sie einst zur Schule. Der Bau von 1844 wurde kernsaniert und zu einem Wohnkomplex umgebaut.

Gudrun Zimmer, ehemalige EU-Beamtin, aus Meßkirch
Gudrun Zimmer, ehemalige EU-Beamtin, aus Meßkirch | Bild: Hanser, Oliver

Dort, wo Zimmer einst ihre ersten Schritte Richtung Berufsleben ging, verbringt sie heute ihren Ruhestand als EU-Pensionärin. Ihre ständige Begleiterin ist ihr kleiner Jack-Russel-Pinscher-Mischling Juna. Die Hündin begutachtet die Gäste mit kritischem Blick, erkennt, dass wohl keine Gefahr von ihnen ausgeht, und hopst zurück auf den Sessel, auf dem eine Decke für sie liegt.

Arbeit mit der Schreibmachine

Europa ist nicht mehr ihr Beruf, aber dennoch ihr Leben – auch wenn sie nicht alles gutheißt, was die EU heute tut. Als sie beim Rechnungshof begann, arbeitete sie noch mit der Schreibmaschine – „elektrisch immerhin und mit Korrekturband“, erzählt Zimmer. Schnell arbeitet sie sich hoch, lässt sich im mittleren Dienst verbeamten und steigt in den gehobenen Dienst auf.

Die Gemeinschaft war klein damals, zählte neun Mitglieder, Großbritannien, Irland und Dänemark hatten sich den sechs Gründungsmitgliedern Frankreich, Italien, Deutschland sowie den Beneluxstaaten Belgien, Niederlande und Luxemburg schon angeschlossen.

Gute Erinnerung

Die Namen des damaligen britischen Vertreters weiß Zimmer sofort: „Sir Norman Price und Lady Angela.“ Die Kommunikation, vor allem aber die Entscheidungsfindung sei in der kleinen Gemeinschaft leichter gewesen. „Dann kamen die Erweiterungen, alles wurde komplizierter.“

Und trotzdem erinnert sich Zimmer noch gut an die Erweiterungen der EU. Sie ist dabei, als Spanien und Portugal beitreten, bereist beide Länder. Der größte Familienzuwachs, der 2004 mit der Osterweiterung erfolgte, war „ein emotionaler Moment“, erzählt die Pensionärin: „Wie eine Heimkehr.“

Großer Schritt

Es sei ein großer Schritt gewesen, nach dem Krieg, dem Kalten Krieg, dieses Europa endlich wieder vereint zu sehen. „Das können sich die jungen Menschen, die heute den Populisten hinterherrennen, gar nicht mehr vorstellen“, sagt sie nicht ohne Bitterkeit. Der bevorstehende Brexit ist für Zimmer schwer in Worte zu fassen: „Das ist eine Katastrophe“, sagt sie – „vor allem für die Briten selbst.“

Zimmer interessiert sich schon früh für Europa, wollte ins Ausland. Als Aupair arbeitet sie in England, bevor sie als Sekretärin ins Berufsleben startet. „Eigentlich wollte ich ja nach Frankreich“, erinnert sie sich. Dann stieß sie auf eine Anzeige in der Zeitung. Eine Bankenholding der Schweizer Kreditanstalt suchte eine Mitarbeiterin für ihre Niederlassung in Luxemburg. „Ich dachte mir, da sprechen sie ja auch Französisch, das war mein erster Fehler“, erzählt Zimmer und lacht.

Gudrun Zimmer, ehemalige EU-Beamtin, schwelgt in Erinnerungen
Gudrun Zimmer, ehemalige EU-Beamtin, schwelgt in Erinnerungen | Bild: Hanser, Oliver

Die Amtssprache ist zwar auch Französisch, aber die Landessprache eben Luxemburgisch. Die Firma meldet sich noch am selben Tag – per Telegramm. Zimmer bekommt ein gutes Gehalt und eine Wohnung gestellt: Da war klar, dass sie nach Luxemburg auswandern würde. Das war 1971. „Ich wollte eigentlich nur ein bis drei Jahre bleiben und dann etwas anderes machen“, sagt sie. Doch das Leben kam anders.

Die Blütezeit der EU

Die junge Frau lernt ihren Mann kennen – Luxemburg wird ihr neues Zuhause. 1978, weniger als ein Jahr nach der Gründung des Rechnungshofs, beginnt sie, für die europäische Institution zu arbeiten, deren Aufgabe es sein sollte, die Verteilung der EU-Gelder an die Mitgliedstaaten zu überwachen.

Sie arbeitet für das erste deutsche Mitglied des Rechnungshofs, Albert Leicht. Der frühere Staatssekretär unter Franz Josef Strauß war von Kanzler Helmut Schmidt nach Luxemburg geschickt worden. Immer wieder kommt Besuch aus der damaligen Regierungshauptstadt Bonn – Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher oder auch Helmut Kohl, noch bevor er Kanzler wird. Zimmer hat sie alle gesehen.

Später arbeitet sie in der Abteilung für die Prüfung der Agrarausgaben. Schließlich wechselt sie in die Verwaltung des Hofs, später in die Personalabteilung. Immer wieder, wenn Zimmer so in ihren Erinnerungen schwelgt, streut sie französische Begriffe ein – damals war das Alltag. Heute denkt sie mit etwas Wehmut zurück an diese Zeit, in der die multikulturelle Atmosphäre tagtäglich war.

Freundschaften quer durch Europa

Bis heute hat sie Freunde in halb Europa. Als sie vorletztes Jahr für eine Reise nach Luxemburg zurückkehrt, erfasst sie eine regelrechte Melancholie, sagt sie offen. Vier Jahrzehnte lang war das Großherzogtum ihr Zuhause. 2008 geht sie in Rente, doch fünf Jahre später wird ihre Ehe geschieden. Zimmer verliert ihren Halt in der Stadt und beschließt, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Gudrun Zimmer zeigt eine Auszeichnung, die sie für 20 Dienstjahre bei der EU erhalten hat.
Gudrun Zimmer zeigt eine Auszeichnung, die sie für 20 Dienstjahre bei der EU erhalten hat. | Bild: Hanser, Oliver

Europa betrachtet sie heute mit anderen Augen. Die damalige Euphorie, der Gedanke der Einigkeit – sie erkennt ihn heute immer weniger. „Wir könnten eine Macht sein, wenn wir mehr zusammenhalten würden“, sagt Zimmer: „Ich finde es fürchterlich, dass die EU so uneins geworden ist, in so vielen Fragen.“

Sorge um Europa

Dass es in manchen Ländern jetzt so „antieuropäisch“ zugehe, kann sie sich nur so erklären: „Vielleicht, weil man sie nicht gehört hat.“ Was die 70-Jährige meint, sind die Zustände gerade in östlichen Ländern – bis heute grassiert die Korruption in Rumänien, auch in Bulgarien. „Viele Menschen fühlen sich einfach abgehängt.“

Die EU pumpt Gelder aus Strukturfonds in den Osten, doch nicht immer kommt das Geld dort an, wo es gebraucht würde. Bei einer Reise nach Rumänien vor elf Jahren fällt es Zimmer wie Schuppen von den Augen, als ein Porsche an einer Pferdekutsche vorbeirast. Seither hat sich das Land zwar weiterentwickelt, doch die Einkommensunterschiede bleiben massiv.

Gudrun Zimmer im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteurin Mirjam Moll
Gudrun Zimmer im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteurin Mirjam Moll | Bild: Hanser, Oliver

Andere Länder wie die baltischen Staaten nimmt Zimmer als proeuropäischer wahr. Die jetzige Präsidentin Estlands, Kersti Kaljulaid, war einst die jüngste Kommissarin beim Rechnungshof. Zimmer kennt sie – natürlich.

Rechtspopulisten werden lauter

Dagegen wird Italien zum neuen Sorgenkind: „Wir dürfen Italien nicht verlieren“, betont Zimmer. Doch Rechtspopulist Matteo Salvini, Vizepremier Italiens, surft auf der Welle der europäischen Uneinigkeit. „Wir sollten an einem Strang ziehen“, fordert Zimmer. Man dürfe die südeuropäischen Länder nicht alleine lassen bei der Aufnahme von Flüchtlingen.

Aber auch bei Klimafragen schüttelt die frühere EU-Beamtin den Kopf: „Was nützt es, wenn wir strengere Bestimmungen haben und die Nachbarn machen, was sie wollen?“, fragt sie sich. Dabei „gibt es so viele europäische Regeln, die sinnvoll sind – wenn sie einmal angewendet würden“. Andere Regeln müssten einmal „entstaubt“ werden, fordert sie.

Gegenstimmen

Trotzdem verteidigt sie, was Europa geschaffen und erreicht hat. Erasmus zum Beispiel – jenes Programm, mit dem junge Menschen im Ausland studieren und arbeiten können. Da müsse die EU ansetzen, fordert Zimmer: „Wenn man etwas verändern will, dann klappt das nicht bei den alten grauen Köpfen. Wir müssen die Jugend sensibilisieren“, betont die 70-Jährige.

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„Es muss uns gelingen, deutlich zu machen, wie wichtig die Europäische Union für unser friedliches Zusammenleben ist.“ Denn: „In einem Handstreich sind wir mit den Populisten wieder da, wo wir schon einmal waren“, fürchtet sie.

Und nicht nur das. Zimmer will auch mit Vorurteilen aufräumen. „Dieses Bild von ‚denen in Brüssel, die bestimmen, was wir tun sollen‘ – das stimmt doch nicht. Die Kommission macht Vorschläge, das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten entscheiden. Wenn die nicht wollen, dann passiert in Europa gar nichts.“

Die SÜDKURIER-Europaserie

Am 26. Mai sind Europawahlen. Bis dahin wollen wir, die Redakteure des SÜDKURIER, einen Blick in die Region werfen: Wie sehr betrifft die EU die Bürger hier, was denken sie darüber und welche Vorteile oder auch Schwierigkeiten bringt die Europäische Union mit sich? All das wollen wir in der achtteiligen Serie beleuchten – kritisch und fundiert. Im ersten Teil waren unsere Leser die Protagonisten. In den folgenden sechs Teilen sprechen wir mit Menschen, die von der Europäischen Union begeistert sind oder ihr skeptisch gegenüberstehen. Mit Menschen, die von ihr profitieren, und solchen, die für sie arbeiten. Und auch mit Menschen, deren Leben von der EU geprägt ist. Schließlich sprechen wir mit einem EU-Experten, bevor wir im Schlussteil erklären, wie genau die Wahl abläuft. Diese Reise durch die Region ist auch eine Reise durch die EU, auf die wir Sie, unsere Leser, gerne mitnehmen möchten. (mim)