Dieser Mann überschreitet ständig Grenzen. Bernd Kern arbeitet als Oberstudienrat in Konstanz, seine Lebenspartnerin wohnt in der nahen Schweiz. Von Kreuzlingen radelt oder geht er ins Suso-Gymnasium in Konstanz. Grenzübertritte sind ihm geläufig. Dass er dabei die EU verlässt und in die EU-abstinente Schweiz einreist, lässt ihn schmunzeln.

Es hat seinen Blick für das politische Gesamtkunstwerk Europa geschärft. Dieser Blick ist bejahend, weil er Europa für wichtig hält. Der Blick ist zugleich kritisch, weil Kern die EU im Moment eher für eine Dauerbaustelle hält, auf der neben Fachleuten und Statikern auch genug angelernte Amateure herumspringen. Mit hohem Pfuschfaktor.

Zwischen den zwei K‘s

Wir treffen uns an der Grenze zwischen den beiden K-Städten. Die Grenze ist durchlässig, eine Parklandschaft am See. Wie ratlose Giraffen stehen 22 rote Kunstwerke aus Edelstahl in der Landschaft. Bernd Kern bedauert, dass die Schweiz nicht in der EU ist. Die Schweiz ist ein zutiefst europäisches Land. Die Grenze ist zwar transparent, und doch bildet sie die EU-Außengrenze.

Bernd Kern versteht die wählerischen Eidgenossen. „Sie schauen sich genau an, was in der EU läuft“, sagt er. Sie kommen, sehen und nehmen nur das Beste heraus. Die EU lässt das Rosinenpicken durchgehen, die Eidgenossen profitieren davon. Bernd Kern versteht diese Gutmütigkeit nicht. Er ist Bergsteiger, wovon sein stets gebräuntes und gegerbtes Gesicht zeugt.

In den Bergen, das weiß er, ist es ein Geben und Nehmen. Doch die Schweiz wird bevorzugt, sie nimmt vor allem. Er nennt noch ein Beispiel: Im Hegau pachten Schweizer Bauern inzwischen deutsche Flächen. Dafür greifen sie bei der EU Subventionen ab. „Das ist doch unverständlich“, murmelt Kern. Unverständlich!

Klare Kante mit der Türkei

Was dem 64-Jährigen ebenso schleierhaft ist: Warum führt die Kommission in Brüssel noch Gespräche mit der Türkei? Auf dem Papier steht der Beitritt dieses Landes noch, aber nur auf dem Papier. „Die Frage stellt sich doch nicht mehr“, findet er. Dabei haben nicht die geduldigen Europäer die Tür zugeschlagen. „Erdogan ist es, der sich abwendet“, sagt er.

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Er erwartet, dass die Trennung ausgesprochen wird – und nicht der Eindruck erweckt wird, dass die Union ein unverbindlicher Verein sei, in dem alle mitmachen können. Ein Universum, das sich ohne Ende ausdehnt. Wenn Staatenbünde zu stark wachsen, geht es irgendwann schief. „Das wäre dann imperiale Überdehnung“, sagt er. Wie im Römischen Reich auch.

Wenig mustergültig

Der Gymnasiallehrer Kern ist begeisterter Zeitungsleser. Was er dort über die EU-interne Verwaltung erfährt, erscheint ihm wenig mustergültig. So fürchtet er eine Vergemeinschaftung der Schulden, wie das noch verharmlosend heißt.

Das hieße, dass gering verschuldete Länder für die Hochverschuldeten geradestehen müssen. Konkret: Die Bundesrepublik wäre noch mehr Zahlmeister für jene Staaten, die das Geld mit leichter Hand und kreativer Buchführung ausgeben. Frankreich ist ein Befürworter solcher Modelle. Kern nicht.

Aufregung im Lehrerzimmer

Äußerst kritisch sieht er auch den zunehmenden Schwund an Souveränität. Je mehr Europa, desto weniger Deutschland. Nun ist Kern Patriot. Wenn eine Fußball-WM ausgespielt wird, packt er gerne Schwarz-Rot-Gold aus. Einige im Lehrerkollegium finden das nicht so toll.

Für den gebürtigen Ortenauer ist das völlig in Ordnung – die Farben eines demokratischen Staates, dem er gerne angehört. Er fasst es in einem Satz zusammen: „Ich fühle mich nicht als Europäer, sondern als Deutscher, ja als Badener.“

Umso weniger versteht es Kern, dass Europa von einigen Visionären als neue Super-Identität konstruiert wird. Er lebt gerne in Europa, signalisiert er, wird auch das Parlament am 26. Mai mitwählen, aber: „Ich bin stolz auf den Aufbau einer Demokratie in Deutschland.“ Es gebe keinen Grund, sich dieser Nationalität zu schämen. Schwarz-Rot-Gold wird er wieder hissen, wenn die Bälle rollen.

Nicht im Kapuzenpulli

Er zupft sein Jackett zurecht. Dunkelblau zu hellblauem Hemd. Nach unserem Gespräch geht er dann direkt in die Schule. Das Jackett nennt er seine „Arbeitskleidung“. Niemals würde es ihm einfallen, im T-Shirt oder einem Kapuzenpulli vor die Klasse zu treten.

Er unterrichtet Geografie und Deutsch. Kern gilt als umgänglicher und beliebter Lehrer, wie Schüler von ihm berichten. Doch würde er sich niemals anbiedern, indem er sogenannte coole Klamotten zur Schau trägt. Schule ist für ihn auch eine Stilfrage. Europa auch.

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Für schlechten Stil hält er die Hilfspakete für Griechenland zu Beginn des Jahrzehnts. „Da wurde doch weggeschaut“, kritisiert er in Anspielung auf das großzügige Spannen von Rettungsschirmen. Und ganz schlechter Stil ist für ihn die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Mario Draghi an der Spitze.

Auf sein Konto geht die Nullzinspolitik der EZB. Damit werde die Inflation gedeckelt. „Und meine Lebensversicherung wird vorsätzlich geschwächt“, da seine Einlagen kaum mehr Zinsen ernten würden. An diesem Punkt versteht der Gymnasiallehrer die europäische Welt nicht mehr. Er weiß, dass es vielen Anlegern so geht. Das Vertrauen in die EU wird das kaum stärken, ahnt er.

Video: Fricker, Ulrich

Seine Position ist klar: Europa ist ein großes Projekt. Er steht prinzipiell dahinter und wird am 26. Mai auch seine Stimme abgeben. Für Totalverweigerung und fundamentale Ablehnung hat er wenig Verständnis. Bernd Kern ist einer, der eher abwägt. Der die Summe der Vorteile sieht, ohne seine Skepsis wegen mancher Schwäche zu verbergen. Um das Ganze zu retten, muss an den Teilen geschraubt werden.

Viel Luft nach oben hat seiner Meinung nach die Migrationspolitik der EU. Die Lage ab dem Sommer 2015: Zehntausende Flüchtlinge betreten die Staaten der Union, sie kommen zu Fuß, mit der Bahn, einige mit dem Flugzeug. „Die EU hat nicht funktioniert“, resümiert er. Für ihn kam die europäische Politik einer Kapitulation gleich. Das Dublin-Abkommen wurde nicht angewendet. Jedes Mitglied war auf sich selbst gestellt und wurstelte sich durch. Das war eine schwarze Stunde für die gesamte Union.

Der deutsche Herbst 2015

Die deutsche Lösung damals hält er für falsch. Die Flüchtlingspolitik im Herbst 2015 überzeugte ihn nicht, da Deutschland im Alleingang gehandelt habe und somit die anderen EU-Staaten vor vollendete Tatsachen gestellt hatte.

Menschen aus Afrika und Asien seien eingereist, ohne zuvor wenigstens deren Identität festzustellen. „Das führte im Extremfall zur paradoxen Situation, dass Jesiden und Christen sich plötzlich im Flüchtlingsheim mit den Peinigern aus ihrer Heimat wiedervereinigt fanden“, kritisiert Kern.

Besser wäre es gewesen, „dass ein souveräner Staat, ebenso wie ein souveränes Europa, dazu in der Lage sein muss, zu bestimmen, wer einreisen darf und wer nicht – und genauso durchsetzungsfähig sein muss, wenn es darum geht, Menschen ohne Aufenthaltsberechtigung wieder abzuschieben“.

Die SÜDKURIER-Europaserie

Am 26. Mai sind Europawahlen. Bis dahin wollen wir, die Redakteure des SÜDKURIER, einen Blick in die Region werfen: Wie sehr betrifft die EU die Bürger hier, was denken sie darüber und welche Vorteile oder auch Schwierigkeiten bringt die Europäische Union mit sich? All das wollen wir in der achtteiligen Serie beleuchten – kritisch und fundiert. Im ersten Teil waren unsere Leser die Protagonisten. In den folgenden sechs Teilen sprechen wir mit Menschen, die von der Europäischen Union begeistert sind oder ihr skeptisch gegenüberstehen. Mit Menschen, die von ihr profitieren und solchen, die für sie arbeiten. Und auch mit Menschen, deren Leben von der EU geprägt ist. Schließlich sprechen wir mit einem EU-Experten, bevor wir im Schlussteil erklären, wie genau die Wahl abläuft. Diese Reise durch die Region ist auch eine Reise durch die EU, auf die wir Sie, unsere Leser, gerne mitnehmen möchten. (mim)