Richtig Schlangestehen können nur die Briten, heißt es. Das Gegenteil beweisen an diesem heißen Juni-Nachmittag sechs jugendliche Segler am Reichenauer Yachthafen.

Wie eine Gruppe Engländer vor dem Postamt wartet das halbe Dutzend geduldig darauf, ein Boot nach dem anderen ins Wasser zu lassen.

Dort, wo sonst Geschrei und Gedränge herrschen, geht es in Zeiten von Corona ganz gezügelt zu. Abstand halten lautet die Devise.

Der Nachwuchs ist schließlich froh, nach langen Wochen des Wartens überhaupt wieder auf den See zu dürfen. Sie machen das Beste aus der Situation und dem Namen ihres Bootes alle Ehre: Optimist.

Video: Feiertag, Ingo

Die so genannten Optis sowie die 420er sind im Landeskader Baden-Württemberg und trainieren hier als Fördergruppe Untersee bei den Jollenseglern Reichenau als Stützpunkt. Normalerweise hätten sie um diese Jahreszeit bereits etliche ihrer etwa 20 Regatten auf dem Buckel, wären quer durch Europa gereist. Von Kiel bis zum Gardasee. Doch was ist schon normal in diesen Tagen.

„Wir fünf Trainer – Tamara Riedel, Joachim Bärthele, Christian Leonards, Haupttrainer Jan Schliemann und ich – waren anfangs alle im Einsatz, um die geforderten Kleingruppen zu betreuen. Mittlerweile freuen wir uns, dass die Gruppen größer sein und mehr Segler gemeinsam aufs Wasser dürfen“, sagt Daniel Wehrle, der Vorstand der Jollensegler Reichenau, der heute vom Schlauchboot aus alles im Blick hat und seine Anweisungen gibt.

Bild: Feiertag, Ingo

Die Segler, alle zwischen acht und 13 Jahre alt, kommen aus Radolfzell, Sipplingen und von der Insel Reichenau, wo sie sich zuletzt getroffen hatten, weil rund um das Hafengelände ausreichend Platz vorhanden ist. „An Land mussten am Anfang laut Coronaverordnung für jede Trainingsgruppe, sprich vier Segler und ein Trainer, 1000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen“, erklärt Wehrle.

Also wurde die sonst übliche Theorieeinheit im Clubhaus durch eine WhatsApp-Gruppe ersetzt und kurz vor dem Trainingsstart letzte Fragen auf einer Wiese beantwortet.

Bild: Feiertag, Ingo

Auf dem Untersee versuchen sich derweil Hannes Wehrle (Jollensegler Reichenau), Ines Riedel (Yachtclub Sipplingen), Ruben Voltmer, Leander Friedrich, Jonathan und Lara Fried (alle Yachtclub Radolfzell) daran, am Vorwind auf der Kante zu fahren, wie Daniel Wehrle sagt.

Pünktlich zum Trainingsstart frischt leichter Westwind auf, und nun probieren die jungen Segler, ihre Jollen aufzustellen und in der Balance zu halten. „Je weniger Fläche vom Wasser benetzt wird, desto schneller ist das Schiff“, erklärt Wehrle. „Das ist immer ein bisschen eine Hängepartie“, ergänzt er lachend, „aber das Wasser ist ja warm, da kann nix passieren.“

Auf der Kante zu fahren sorgt für mehr Tempo in der Regatta.
Auf der Kante zu fahren sorgt für mehr Tempo in der Regatta. | Bild: Feiertag, Ingo

Die nächste Übung ist das richtige Timing für den Start. Alle drei Minuten erfolgt ein Startschuss. Die Boote bringen sich zwischen zwei eigens aufgestellten Bojen in Position und taktieren, bis das Signal ertönt.

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„Der Wind dreht im Viereck, das sind ganz schwierige Bedingungen heute“, sagt Daniel Wehrle. Die einen kommen damit besser zurecht als die anderen. Schließlich trainieren in dieser Gruppe Segler unterschiedlicher Leistungsstärken gemeinsam.

Drei unter ihnen sind von der Beginnerklasse, der Optiliga, in die B-Gruppe aufgestiegen, das zweite Trio ist in der höchsten A-Gruppe erfolgreich und hätte ohne Corona gerade gegen die große Konkurrenz hierzulande um die Qualifikation zur Europa- und Weltmeisterschaft gekämpft.

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Zuerst dreht er im Viereck, jetzt flaut der Wind ganz ab. Die Jollen dümpeln auf dem topfebenen Wasser. „Die Bodensee-Regatten sind oft mit wenig Wind. Sie müssen auch mit diesen Situationen umgehen können“, sagt Trainer Daniel Wehrle und ergänzt: „Es soll ein gutes Training sein, aber auch Spaß machen.“

Also dürfen die Kids ihre Boote kentern lassen und wieder aufstellen. Das ist eine sinnvolle Übung für den Regattaalltag, wenn sie auf sich allein gestellt sind, und macht jede Menge Freude.

Video: Feiertag, Ingo

Etwa 100 bis 120 Tage sind die jungen Segler jährlich auf dem Wasser. Hinzu kommen Fahrten zu Regatten oder auch die Vorbereitung auf auswärtige Segeltörns.

Während die sechs Optis vor der Insel Reichenau ihre letzten Kreise ziehen, laden die älteren Segler ihre 420er-Jollen auf einen Anhänger. Sie bilden die stärkste Trainings- und Regattagruppe mit fünf Schiffen à je zwei Segler.

Bild: Feiertag, Ingo

Die 420er brechen in einigen Tagen auf zu einer Trainingswoche in Warnemünde. Dort wäre eine Regatta gewesen, die ausgefallen ist.

„Da wir nicht an den Gardasee können, fahren wir trotzdem an die Ostsee“, sagt Daniel Wehrle. „Dort gibt es im Gegensatz zum Bodensee richtigen Wind und hohe Wellen. Auch das muss man üben.“

Das Material wird verpackt.
Das Material wird verpackt. | Bild: Feiertag, Ingo

Da im 420er zu zweit gesegelt wird, „mussten wir in den ersten Trainingstagen improvisieren“, erinnert sich Daniel Wehrle an den Auftakt nach der Corona-Pause.

„Als wir Geschwister, also jeweils einen Haushalt, in die Boote gesetzt haben, war das manchmal gefährlicher als Corona“, sagt er lachend.

In den 420er-Jollen sind Zweierteams am Start.
In den 420er-Jollen sind Zweierteams am Start. | Bild: Tamara Riedel

Damals waren die Häfen noch gesperrt. Also wurde von privatem Gelände aus gestartet, mit einem Sicherungsboot an Land, das im Notfall schnell reagieren kann. „Inzwischen ist es langsam wieder ein richtiges Training“, sagt Daniel Wehrle – und die Teams nicht mehr familiär, sondern wie üblich besetzt.

Die Nachwuchssegler auf dem Bodensee, sie sind auf dem Weg zurück zur Normalität. Von einigen Kleinigkeiten wie dem Schlangestehen an Land einmal abgesehen.

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