Wenn im Ring die Fäuste auf ihn einprasseln, dann muss ein Kampfsportler schnelle Entscheidungen treffen. Das Handtuch werfen, oder in die Offensive gehen. Hopp oder topp. Als Mitte März der Corona-Lockdown unausweichlich bevorsteht, entscheidet der Konstanzer Thaiboxer Valentin Kocher-Benzing sich für den Angriff als beste Verteidigung.

Während hunderttausende Deutsche aus aller Welt nach Hause geholt werden, packt der 26-Jährige in aller Eile seine Sporttasche und setzt sich mit 700 ersparten Euro im Gepäck in einen Flieger. Das Ziel: Thailand.

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Zu jener Zeit ist die Welt in Angst vor diesem neuen, unbekannten Virus. Restaurants und Geschäfte schließen ihre Türen, das öffentliche Leben bricht ebenso zusammen wie der Sport. Dass sein Studium in Wirtschaftssprachen Asien und Management an der HTWG pausiert, damit kann Kocher-Benzing leben. Aber Kurzarbeit im Sport? Undenkbar!

„Es war klar, dass ich in Deutschland nicht würde trainieren können, als es zum Kollaps kam. Mein Verein Fight for Life hat keine eigenen Räumlichkeiten und kann auch jetzt noch nicht in der Schulhalle, in der trainiert wird, die ganzen Auflagen erfüllen“, sagt er im Telefongespräch mit dem SÜDKURIER. „Also wollte ich die Zeit nutzen, um in Thailand zu kämpfen. Corona war der perfekte Zeitpunkt dafür. Zuhause wäre mir die Decke auf den Kopf gefallen.“

Valentin Kocher-Benzing hat seine Trophäensammlung in der Heimat gelassen.
Valentin Kocher-Benzing hat seine Trophäensammlung in der Heimat gelassen. | Bild: privat

Statt im Homeoffice lebt Valentin Kocher-Benzing seit mehr als drei Monaten auf der Insel Koh Samui. Sie ist mit dem türkisfarbenen Wasser, den goldenen Buddhastatuen und kilometerlangen weißen Sandstränden ein Paradies im Golf von Thailand. Zumindest dann, wenn die Welt nicht gerade wegen einer Pandemie stillsteht.

Dort, wo sonst Urlauber durch die Straßen schlendern, stehen nun Einheimische in langen Schlangen vor den Tempeln an, um auf kostenlose Mahlzeiten zu warten. Viele, die ihr Geld mit dem Tourismus verdienen, haben ihre Jobs verloren. Zwischenzeitlich war eine nächtliche Ausgangssperre verhängt worden, einen Monat lang herrschte Alkoholverbot.

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Das ganz persönliche Paradies des Valentin Kocher-Benzing ist zunächst auch ein sehr bescheidenes. Die ersten Wochen verbringt er in der Thaibox-Schule, dem so genannten Gym, in dem er trainiert. „Nach Thai-Style“, wie er die Unterkunft im Dschungel unter einem Wellblechdach lachend beschreibt.

Das Bad ist im Freien, zum Zähneputzen und Duschen nutzt er Regenwasser, die kleine, nicht abschließbare Holzhütte teilt er sich mit Skorpionen, Tausendfüßlern, Spinnen und anderem Getier. „Als aufgrund extrem starker Regenfälle das Dach runtergekracht ist, musste ich raus. Ich habe mich nicht getraut, im Freien zu schlafen“, sagt der 26-Jährige.

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Die Angst vor giftigen Mitbewohnern ist auch eine der größten. Vor Corona fürchtet der Deutsche sich im Exil eher weniger, versichert Valentin Kocher-Benzing, der inzwischen in einer Ferienwohnung untergekommen ist. „Ich hätte in Konstanz mehr Angst gehabt, meine Mutter unbewusst anzustecken, sie ist eine so genannte Risikopatientin“, sagt er.

„Hier habe ich eher Schiss vor giftigen Tieren, wie sie mir schon oft begegnet sind, oder dem Straßenverkehr“, fährt der Konstanzer fort. „Dieses Jahr gab es in Thailand über 6000 Verkehrstote, offizielle Coronatote waren es landesweit nur gerade einmal 58. Das einzige, was meine Mutter zu meinen Plänen sagte, war: Fahr mit Helm und hab nicht wieder einen Unfall.“

Valentin Kocher-Benzing mit seiner Mutter bei der Sportlerehrung in Konstanz.
Valentin Kocher-Benzing mit seiner Mutter bei der Sportlerehrung in Konstanz. | Bild: privat

Diese Worte haben einen ernsten Hintergrund, denn schon einmal war das thailändische Tropenparadies die Hölle für Valentin Kocher-Benzing. Es ist der 12. August 2019. Auf Koh Samui bereitet er sich auf einen Kampf vor. Früh morgens will der Sportler los zum Joggen. Kocher-Benzing steht vor einem Supermarkt neben der Straße und sucht auf dem Smartphone nach der richtigen Motivationsmusik.

Er blickt kurz auf – und sieht, wie aus dem Verkehrsgewimmel eine Frau mit ihrem fahrenden Gemüsestand auf ihn zuschießt. Eine Metallstange erwischt ihn am Kopf und schlitzt die Stirn über der linken Augenbraue auf. Die Frau braust davon.

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„Ich hatte das erst gar nicht realisiert“, sagt Valentin Kocher-Benzing, „ich wollte weiterlaufen, aber alle um mich herum waren entsetzt.“ Der stark blutende Mann wird von Freunden ins Gym getragen. Dort verbinden sie ihm die Wunde. „Der Gymbesitzer und ein Deutscher haben mich direkt ins Krankenhaus gefahren und mir das Leben gerettet“, blickt Kocher-Benzing zurück.

Direkt nach der Operation, bei der er mit 50 Stichen genäht wird, plagen ihn Erinnerungslücken. Eines aber weiß er noch genau. Kurz vor der Narkose sagt er zu dem Arzt im Privatkrankenhaus: „Bitte lassen Sie mich nicht sterben, ich möchte meine Mutter wiedersehen und weiter gut ausschauen“, erzählt er. Heute kann er sogar wieder darüber lachen: „Ich hatte Appetit auf Kuchen und wollte unbedingt so schnell wie möglich wieder kämpfen.“

Valentin Kocher-Benzing mit dem Arzt, der ihn nach seinem Verkehrsunfall operiert hat.
Valentin Kocher-Benzing mit dem Arzt, der ihn nach seinem Verkehrsunfall operiert hat. | Bild: privat

Das bleibt freilich lange Zeit nur Wunschdenken. „Mir ging‘s ziemlich dreckig“, sagt der 26-Jährige über die harte Reha. „Ich konnte eine Woche lang nicht mal 20 Schritte laufen am Tag. Schon die Berührung des Kamms hat am Schädel wehgetan“, sagt Kocher-Benzing.

Im Oktober hält er es trotzdem nicht mehr aus und steigt in den Boxring. Er muss den Kampf mit großen Kopfschmerzen abbrechen und kann sich anschließend nicht mehr auf den Beinen halten. „Ich hatte danach bis Februar ein Kampfverbot und habe beim Comeback gleich Gold, Silber und Bronze beim Bayernpokal gewonnen“, sagt der Konstanzer stolz.

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Während das öffentliche Leben Schritt für Schritt zurückkehrt, will er nun 9000 Kilometer von der eigenen Heimat entfernt in der Heimat seines Sports die Kampfsportkarriere, die erst vor drei Jahren mit Boxen und Kickboxen begonnen hat, vorantreiben. „Die Stadien machen hier langsam wieder auf. Dann will ich lokale Kämpfe gegen gute Gegner bestreiten, vieles wird im TV übertragen“, sagt Kocher-Benzing.

Da er sich im Moment nur im Training im Ring beweisen kann, fehlen die Einnahmen. „Von Sponsoren kommt aus Konstanz, Österreich und der Schweiz monatlich etwas Geld, dann von Privatpersonen, die mich über soziale Medien kontaktieren“, erklärt der 26-Jährige, der zum Sonderpreis in seinem Appartement mit Küche, Bettwäsche, Meeresblick und Pool lebt. Gemüse und Obst bekommt der Deutsche geschenkt. „Ich werde vom Gym gesponsert und muss nichts fürs Training bezahlen. Das ist eine Mega-Ehre für mich als Amateur, die sonst nur Ausländern zuteil wird, die sich einen Namen gemacht haben.“

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Auf dem Weg zu mehr Bekanntheit hat Valentin Kocher-Benzing schon zahlreiche Hürden genommen. Keine ist ihm zu hoch. Natürlich vermisst er seine Familie, die Freunde, seinen Verein Fight for Life. Wahrscheinlich wird er sie erst im September in Deutschland wiedersehen. So ist der Plan.

Valentin Kocher-Benzing mit Trainer Alexander Menzel von Fight for Life Konstanz.
Valentin Kocher-Benzing mit Trainer Alexander Menzel von Fight for Life Konstanz. | Bild: privat

Früher oder später wird ihn die Aussicht auf große Kämpfe aber wieder nach Asien locken, das weiß Valentin Kocher-Benzing. Und natürlich wieder nach Koh Samui, das trotz aller schlimmen Erlebnisse längst sein zweites Zuhause geworden ist. „Diese Insel ist so wunderschön“, schwärmt der 26-Jährige, „wenn man einmal dort war, dann will man nie wieder heim.“

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