1: Unser Bildungssystem, besonders unsere Schulen, sind nicht auf Digitalisierung eingestellt.

Zu Beginn der Krise ging ein Spruch massenhaft durch Lehrer-WhatsApp-Gruppen: „Warum bleiben in Deutschland die Schulen offen? Weil man mit Tageslichtprojektoren und Videorekordern keinen Online-Unterricht organisieren kann!“

Jetzt sind die Schulen zu. Und es bleibt am Willen und Können einzelner Lehrer hängen, ob sie Kinder zu Hause beim Lernen digital unterstützen können und wollen – oder nicht. Es gibt zwar Lernplattformen wie Moodle, aber viele Schulen sind dort gar nicht angemeldet. Anfang der Woche brach das System zusammen. Also verschicken Lehrer Wochenpläne per WhatsApp (obwohl das Kultusministerium Baden-Württemberg ihnen das eigentlich ausdrücklich verbietet), scannen zu Hause Schulbuchseiten ein (und strapazieren damit das Urheberrecht). Unterricht kann man das nicht nennen.

Dabei gibt es Beispiele, wie es anders gehen kann. An der Alemannenschule in Wutöschingen am Hochrhein sind alle Schüler mit Tablets ausgerüstet, die Lehrer (sie heißen an Gemeinschaftsschulen „Lernbegleiter“) unterrichten über die eigene Lernplattform DiLer einfach aus dem Home Office weiter. Schüler können sich per Video-Konferenz zum Lernen verabreden. Rektor Stefan Ruppaner sagt: Das Land hätte diese Plattform von uns umsonst haben können.

Doch das Land lehnte ab. 2015 hatte es beschlossen, die Bildungsplattform „ella“ aufzubauen. Vier Jahre und 6,5 Millionen Euro später war „ella“ gescheitert. Nun soll ein zweiter Anlauf kommen. Fertigstellung: 2023, vielleicht.

Was wir daraus lernen können: Es gibt längst gute Lösungen, Schulen müssen sie aber auch nutzen (dürfen). Kommunen sollten Tageslichtprojektoren verschrotten und Tablets für Schüler und Lehrer anschaffen, gern üppig gefördert durch Land und Bund und durch digitales Lernmaterial unterstützt von Verlagen, die heute noch überwiegend Bücher drucken. Und in der Aus- und Weiterbildung von Lehrern sollte es auch darum gehen, wie Lernen und Lehren digital, dezentral und multimedial gelingen kann.

2: Ein scheinbar verstaubtes Wort ist wieder da: Solidarität.

Nach allem, was wir wissen, ist das Corona-Virus vor allem für Menschen gefährlich, die nicht jung und/oder gesund sind. Wenn wir heute in beispielloser Konsequenz unser komplettes Leben herunterfahren, unsere Wirtschaft crashen lassen und uns Entbehrungen zumuten, dann tun wir das, um eine verletzliche Minderheit zu schützen: Alte und Kranke. Das ist so sozial, so menschlich (man könnte auch sagen: so christlich), wie wir es unserer egoistisch-kapitalistischen Gesellschaft gar nicht zugetraut hätten.

Der Staat wird viel Geld (also: unser aller Geld) milliardenweise so umschichten, dass es Menschen auffängt, die von diesen Maßnahmen besonders schnell und hart getroffen werden. Auch das ist solidarisches Handeln, das oft sogar keinerlei Gegenleistung erwartet – es ist Geld, das der Staat nie wiedersehen und das an anderer Stelle fehlen wird. Wir nehmen das in Kauf.

Und: Die Solidarität reicht bis hinunter auf die ganz persönliche Ebene. Menschen kaufen für Nachbarn ein, die sie vorher kaum gegrüßt haben. Menschen hinterlassen Lebensmittel für Obdachlose. Auf der SÜDKURIER-Seite SKverbindet bieten mehr als 1200 Menschen aus der Region an, bei Einkäufen, Kinderbetreuung, PC-Technik zu helfen oder mit fremden Hunden Gassi zu gehen.

Was wir daraus lernen können: Hoffentlich lernen wir im großen Stil, wie erfüllend und sinnstiftend es sein kann, eigene Zeit, Energie und eigenes Geld für andere zu investieren – und wie wir dadurch alle gewinnen. Das kann die Kultur in unserem Land verändern. Hoffentlich sind wir auch da, wenn die nun sichtbar systemrelevanten, aber beschämend unterbezahlten Alten- und Krankenpfleger, Erzieher, Supermarkt-Kassierer, Lkw-Fahrer, Paketzusteller nach der Krise auf die Straße gehen und eine Entlohnung fordern, die ihrer unverzichtbaren gesellschaftlichen Rolle würdig ist. Wir könnten mit ihnen demonstrieren.

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3: Populisten haben in Krisen keine Antworten, sie entlarven nur ihre Inkompetenz.

Die AfD will offiziell den Flügel auflösen, um zu verhindern, dass die gesamte Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Doch der kosmetische Vorgang mitten in der Krise wird nicht dazu führen, dass die rechtspopulistische Partei weiter von dem inzwischen als rechtsextrem eingestuften Björn Höcke beeinflusst wird. Der Rechtsruck der Partei wird weitergehen. Das zeigt sich an der Distanzlosigkeit des Bundesparteivorsitzenden Alexander Gauland und der Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel. Das rechte Gedankengut hat längst Wurzeln geschlagen in der Partei.

Das zeigt sich auch in verzweifelten Versuchen der Partei, Profit aus der Corona-Krise zu schlagen. Die Infektionsschutzmaßnahmen, die zu verschärften Grenzkontrollen und Reisebeschränkungen führen, interpretiert der stellvertretende Bundesvorsitzende Stephan Brandner als Grenzschließungen zum Schutz gegen illegale Einwanderer, was ja nun doch möglich sei.

Bundesvorstand Stephan Proschka propagiert, die Krise entlarve die Utopie grüner Mobilität: Bus und Bahn seien Virenschleudern. Der Nationalstaat sei zudem am besten in der Lage, auf die Krise zu reagieren, die EU machtlos. Dass die Kommission die derzeitige Reiseeinschränkung für EU-Bürger vorschlug – geschenkt.

Der Fünf-Punkte-Plan der Partei zeigt Maßnahmen auf, die längst gesetzlich verankert sind, wie Entschädigungszahlungen, die im Infektionsschutzgesetz festgehalten sind. Schnelleres Internet ist sicher etwas, was Deutschland braucht – aber nicht erst seit der Krise. Die Sicherung der Lebensmittelversorgung hatte die Bundesregierung immer im Blick, dafür braucht es keine Aufforderung der AfD. Der Katalog zeigt eher, dass die Partei in Krisenzeiten keine eigenen Vorschläge hat, also eben keine Alternative für Deutschland ist.

Und dennoch zeigt die AfD in den Krisenzeiten erste Zerfallserscheinungen. Die jüngste Umfrage der Infratest dimap zeigt, dass die Partei rechtsaußen im Vergleich zum Jahresbeginn vier Prozentpunkte verloren hat. Die Krise tut der Oppositionspartei nicht gut. Die viel kritisierte Regierung handelt und setzt drastische Maßnahmen um. Staatsversagen sieht anders aus. Das können auch AfD-Wähler nicht verkennen.

Was wir daraus lernen können: Die populistischen Botschaften von Parteien wie der AfD entlarven sich in Krisenzeiten als hohl. Das Durchgreifen der Regierung kann dazu führen, dass die Menschen wieder Vertrauen in den Staat fassen, der sehr wohl funktioniert. Die viel beschimpfte Kanzlerin avanciert derzeit mal wieder zur Krisenmanagerin Deutschlands. Das könnte eine Chance für die Volksparteien sein, wieder Boden zu gewinnen – und auch nach der Krise schnelle, effektive Politik für Menschen zu machen.

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4: Das Virus hält sich nicht an Grenzen. Es betrifft uns als ganze Menschheit.

Eigentlich ist es egal, wo und warum genau das Corona-Virus entstanden ist. Wer also „Schuld“ daran hat. Viel wichtiger ist die Erkenntnis: Eine Pandemie konnte nur daraus werden, weil der Mensch eine massiv globalisierte Spezies ist. Weil wir zwar Grenzen zwischen unsere Länder ziehen, aber sie jeden Tag millionenfach überschreiten. Wir sind eine Menschheit, auf einem Planeten.

Oft handeln wir in diesen Tagen schon so, als hätten wir das verstanden. Forscher weltweit teilen ihre Erkenntnisse über das Virus, Impfstoffe, Behandlungsmöglichkeiten. Länder öffnen ihre Kliniken für Kranke aus überlasteten Nachbarländern. Oft genug passiert das aber auch nicht – etwa wenn Donald Trump versucht, die deutsche Firma Curevac zu kaufen und damit seiner Nation einen exklusiven Impfstoff zu sichern, oder wenn die britische Regierung gefährlich lange auf einem Sonderweg für die Insel beharrt. Wir zeigen, dass wir global handeln könnten – wenn wir nur wollten.

Und das Virus ist ja nicht unsere einzige Menschenheits-Aufgabe, es ist nicht einmal die größte. All das, was gerade passiert – massenhaft gestrichene Flüge, Verzicht im täglichen Leben, Abschalten dreckiger Fabriken – fordern Klimaschützer seit Jahrzehnten, und Fridays for Future seit Monaten so lautstark wie noch nie. Bisher haben wir viele Argumente gefunden, warum das alles nicht geht. Und jetzt geht es plötzlich doch.

Was wir daraus lernen können: Wenn die Corona-Zeiten vorbei sind, wird die Klima-Debatte wiederkommen. Und dann werden wir nicht mehr „Das geht nicht“ sagen können – wir werden „Wir wollen nicht“ sagen müssen. Und damit unseren Kindern und Enkeln endlich reinen Wein einschenken: Für euch sind wir nicht bereit, unser Leben zu ändern. Oder – wir ändern es tatsächlich. Wie verrückt, wie erwachsen wäre das denn!

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5: Wir sind soziale Wesen – das merken wir nun, wo wir auf uns selbst beschränkt sind.

Flüchtig betrachtet könnte man meinen, dass wir jetzt, wo wir alle mehr oder weniger in Isolation leben, endlich da sind, wo wir immer hin wollten: allein mit uns selbst und unseren ganzen technischen Geräten, mit viel Zeit für unsere Selbstoptimierung. Ja, gerade werden massenhaft Apps für Workouts und Fitness-Programme heruntergeladen. Ja, wir nutzen unsere leeren Abende vielleicht, um uns weiterzubilden und unsere Marktchancen nach der Krise damit zu erhöhen. Programmieren müsste ich doch lernen können in Quarantäne, oder?

Aber wirklich glücklich macht uns diese Nabelschau nicht – und das merken wir jetzt, wo wir dazu gezwungen sind. Wir sind eben keine Inseln, deren wichtigste Ziele ein Waschbrettbauch, maximale Arbeitseffektivität und die perfekte Selbstdarstellung im Selfie-Format sind. Nein, wir sind soziale Wesen. Wir wollen schwatzen, Zeit miteinander verplempern, Familienfeste feiern, Großeltern beerdigen, Kinder taufen und uns umarmen. Das alles kann Instagram nicht ersetzen.

Was wir daraus lernen können: Nach der Krise könnten wir – so wie wir es heute ganz selbstverständlich tun – öfter „wir“ sagen als „ich“. Für einander da sein, statt einander etwas vorzuspielen. Miteinander sprechen statt übereinander. Zeit mit unseren Kindern, Eltern, Großeltern, Nachbarn verbringen statt sie mit dem Argument vollgestopfter Arbeits- und Freizeitstress-Kalender ständig zu vertrösten. Zusammen leben statt allein zu überleben. Wir könnten tatsächlich glücklicher werden. Wenn wir uns das trauen.

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