Kussverbot an der deutsch-schweizerischen Grenze – damit waren Konstanz und Kreuzlingen zuletzt bundesweit in den Schlagzeilen. Immer wieder wurde über den lästigen Doppelzaun berichtet, der hier Familien, Liebespaare und Freunde voneinander trennt.

Unzählige Bilder des Liebeskiller-Zauns kursieren im Internet. Stets darauf zu sehen: die monumentalen Skulpturen der Kunstgrenze. Seit 13 Jahren symbolisieren sie eigentlich Offenheit, Kreativität und Grenzenlosigkeit. Dann kam das Coronavirus – und schränkte nicht nur die Freiheitsrechte ein, sondern, so wie es aussieht, auch das Urheberrecht.

Der Zaun – ein Albtraum

Für den Konstanzer Künstler Johannes Dörflinger (79) ist das ein Albtraum. Als 2006 der Maschendrahtzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen fiel, war es seine Aufgabe, die hässliche Erinnerung an diesen Ort mit neuer Bedeutung zu füllen.

Es entstanden 22 kolibri-rote Tarot-Skulpturen, darunter Symbole für Gerechtigkeit und Liebe. Aus einer hässlichen Grenze wurde schöne Kunst. Und der neu gestaltete Übergang zwischen Konstanz und Kreuzlingen wurde zu einem Sinnbild für ein freies und grenzenloses Europa.

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Zum Jubiläum vor drei Jahren sagte der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt noch: „Die Kunst kann Grenzen öffnen und neue Räume der Begegnung schaffen.“ Jetzt sagt er: „Es ist auf beiden Seiten der Grenze ein unschönes Gefühl.“ Und dass er hoffe, bald wieder zur gewohnten Freiheit zurückkehren zu können. Eine vage Aussage, die jedoch nichts an der Lage ändert. Wann soll dieses bald denn sein?

Für Dörflinger sind seine Tarot-Symbole auch eine Hilfestellung für die menschliche Orientierung – etwas, das vielen derzeit scheinbar abhanden gekommen ist. Seit fast einem Monat steht der improvisierte Grenzzaun am Bodensee-Ufer und hält die Kunstgrenze gefangen. Ein Kunstwerk, das je zur Hälfte auf deutschem und Schweizer Gebiet steht.

28. April 2007: Menschen laufen an der gerade eingeweihten Kunstgrenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen entlang. Die 22 je acht Meter hohen Skulpturen markieren einen Teil des Grenzverlaufs.
28. April 2007: Menschen laufen an der gerade eingeweihten Kunstgrenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen entlang. Die 22 je acht Meter hohen Skulpturen markieren einen Teil des Grenzverlaufs. | Bild: Oliver Hanser / dpa

Einst war das bahnbrechend, doch jetzt ist das Bild von einer tragischen Komik geprägt. Das besondere Projekt war ein Meilenstein in der Beziehung zweier Länder. Denn wie Dörflinger sagt, liegt der besondere Wert schon in der Tatsache, dass es trotz vieler Hindernisse so zustande gekommen ist und sich der knapp 300 Meter lange Abschnitt zu einem beliebten Treffpunkt für Deutsche und Schweizer entwickeln konnte.

In diesen Tagen drückt die Kunstgrenze allerdings das genaue Gegenteil aus: In den Metall-Bauzaun gequetscht verursacht der Anblick der roten Stahlskulpturen Bedrückung, Angst und ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Positive Zeichen werden umgedeutet

Die Skulpturen, die eigentlich für jeden Menschen eine individuelle Wirkung entfalten könnten, waren als offene, positive Zeichen gedacht. Dörflinger ist überzeugt, die Deutung seiner Skulpturen könne nicht vorgeschrieben werden. Aber was jetzt durch die zwei Zäune passiert ist, ist seiner Ansicht nach genau das: ein gewalttätiger Eingriff, eine gezwungene Umdeutung. Und die soll wahrgenommen werden.

Während die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie drohen, Grundrechte weiter einzuschränken, verliert auch die Kunstgrenze ihre ursprüngliche Bedeutung, wird sogar auf ironische Weise sinnentleert: Die Botschaft von Freiheit, Offenheit und Grenzenlosigkeit ist nirgends zu finden. Stattdessen strahlen die Symbole nun Angst, Abschreckung und Abgeschiedenheit aus. Grenzkontrollen verstärken den Eindruck noch.

Ist das ein Vertrauensbruch?

Was hier gerade mit seinem Kunstwerk passiert, ist für Dörflinger ein Vertrauensbruch von Seiten der beiden nun getrennten Städte. Selbst in Übersee kennt man nun die Fotos seiner entstellten Kunstgrenze.

Dörflinger hat den ursprünglichen Zaun an der Grenze noch erlebt. Er nennt es eine Erinnerung, die man nicht will. Jetzt sieht er, wie die unliebsame Erinnerung zurückkommt. Seiner Ansicht nach sieht der neue Zaun auf Kreuzlinger Seite dem alten sogar besonders ähnlich.

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Ob die Schließung der Grenzen sinnvoll sei, kann und will er nicht beurteilen. Die abschreckende Form jedoch, vor allem durch den zweiten Zaun, der später auf Kreuzlinger Seite hinzukam, hätte aber nicht sein müssen – das sei unnötig und unverhältnismäßig, sagt der Künstler.

Er und die Johannes Dörflinger Stiftung fordern den sofortigen Abbau des Zauns, zumal niemand auf sie zugekommen sei und etwas abgesprochen hätte. Der Zaun sei sogar auf Schweizer Seite öffentlich besonders gelobt worden. Einen Ausdruck der Freundlichkeit und Freundschaftlichkeit auf diese Weise einzusperren, findet Dörflinger schlicht „frech“.

Der Künstler Johannes Dörflinger betrachtet einen Plüschaffen am Grenzzaun.
Der Künstler Johannes Dörflinger betrachtet einen Plüschaffen am Grenzzaun. | Bild: Johannes Dörflinger Stiftung

Mit der Abbau-Forderung wendet sich die Stiftung momentan an die Städte und das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement in Bern. Um Menschenansammlungen zu vermeiden, hätte nach ihrer Ansicht das komplette Bodensee-Ufer abgesperrt werden müssen und nicht nur die Grenze zu Deutschland – und vor allem nicht so demonstrativ um die Kunstgrenze.

Bei der Forderung stützt man sich auf die Entstellung und gewaltvolle Umdeutung des Kunstwerks – dadurch werde das Urheberrecht verletzt, und zwar auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes. Als Künstler steht es Dörflinger laut Urheberrechtsgesetz eigentlich zu, solch eine Beeinträchtigung seines Werks zu verbieten, sogar den Abbau an der Kunstgrenze und gegebenenfalls Schadenersatz zu fordern.

Urheberrecht ist ausgehebelt

Dass die Skulpturen nur noch eingeschränkt zugänglich sind, ist einer der Gründe für die Forderung – von der Ironie der eingezäunten Liebes-Symbole ganz zu schweigen. Auch die Namen der Symbole, die auf den vier Seiten der Sockel in verschiedenen Sprachen angebracht sind, sind aktuell nicht mehr lesbar.

Ob das jetzt gültige Notrecht der Länder so weit gehen darf, ist zumindest fraglich. Doch scheinbar trennt die Corona-Krise nicht nur Familien, sondern hebelt auch das Urheberrecht aus.

„Es liegt etwas in der Luft“

Bei der Einweihung der Kunstgrenze 2006 hätte sich Dörflinger nie vorstellen können, dass es je zu so etwas kommen könnte. Er sei traurig, sagt er, denn es berichte niemand mehr über die gesellschaftliche Bedeutung seiner Kunst – und wenn, dann nur im negativen Sinne: Der Raum wird zum Sinnbild für die problematischen Umstände, mit denen das Coronavirus uns alle konfrontiert.

In jüngster Zeit war Dörflinger öfter an seiner Kunstgrenze als gewöhnlich. Dort nimmt er die veränderte Stimmung war. „Es liegt etwas in der Luft“, meint er und blickt dabei auf die vielen Menschen, die sich am Zaun treffen, um ihre Liebsten zu sehen.

Links ein Zaun, rechts ein Zaun – und in der Mitte die Kunstgrenze von Johannes Dörflinger.
Links ein Zaun, rechts ein Zaun – und in der Mitte die Kunstgrenze von Johannes Dörflinger. | Bild: Felix Kästle / dpa

Eine Gruppe feiert in einigem Abstand einen Geburtstag, andere spielen ein Brettspiel durch den Zaun hindurch. „Gesellschaftsspielen – das ist auch ein Wortspiel“, verrät ihm die Macherin des Social-Distance-Spiels, Chiara Hofmann. Sie möchte das Projekt ausbauen und mehr Spiele in die Grenzzone bringen.

Dörflinger begrüßt das – es zeige, wie die Menschen um die Bewahrung der positiven Stimmung des Ortes kämpfen, sich in ihrer Kreativität nicht einschränken lassen. Auch die Liebesbotschaften am Zaun stellen für ihn eine positive Entwicklung dar.

Es gibt Hoffnung

Über all dem steht seine Kunst, deren Symbole eine lange Geschichte haben, die gerade weiter geschrieben wird. Ob die neuen Erinnerungen positiv oder negativ im Gedächtnis bleiben, wird sich zeigen.

Derweil zeichnet sich für Dörflinger und die Liebenden ein schmaler Hoffnungsschimmer in der Politik ab: Fleißig werden Petitionen unterschrieben, und der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt hat sich mit der Bitte an den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl gewandt, den Grenzzaun so schnell wie möglich wieder zu entfernen – sobald er zur Eindämmung der Pandemie nicht mehr notwendig sei.

Es ist nur ein kleiner Trost, denn dass das so bald passiert, ist zu bezweifeln. Vorerst bleibt die Liebe im wahrsten Sinne des Wortes eingesperrt.