Es gibt für Künstler viele Gründe, den aktuellen Rückfall in den Nationalismus mit großer Sorge zu verfolgen. Besonders empfindlich reagieren sie aber auf Maßnahmen zum Grenzschutz. Kultur und Grenzen, das gilt ihnen schon lange Zeit als Widerspruch: Parolen wie "Kunst kennt keine Grenzen" begleiten seit Jahrzehnten Musikfestivals wie Kunstausstellungen.

Wer als Intellektueller etwas auf sich hält, ist gegen Grenzen. Dementsprechend ist auch die Kunstgrenze am Bodensee, erschaffen vom Konstanzer Maler und Objektkünstler Johannes Dörflinger, weniger als Grenze gedacht denn vielmehr als Symbol für deren Auflösung: Wo heute die 22 roten Tarot-Skulpturen stehen, befand sich einst ein hoher Zaun. „Die Zäune zwischen den beiden Städten sind ein Ärgernis und müssen weg!", lautete damals das Credo des Kreuzlinger Stadtammanns Josef Bieri und des Konstanzer Oberbürgermeisters Horst Frank.

Dabei wäre die Menscheit wohl nie über die Steinzeit hinausgekommen, gäbe es die Grenze nicht. Wenn am 28. April die Kunstgrenze ihr zehnjähriges Bestehen feiert, so ist dies ein Anlass, die heute in Mode gekommene Diskreditierung jedes Bemühens um Abgrenzungen kritisch zu hinterfragen.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfreute sich die Grenze eines besseren Rufs. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel sah in ihr die Grundbedingung für unsere Existenz: "Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenze das, was es ist." Und der Dichter Georg Büchner ließ zwar die Helden seines Dramas "Leonce und Lena" an den ständigen Zollkontrollen verzweifeln: "Das ist ein Land, wie eine Zwiebel, nichts als Schalen, oder wie ineinandergesteckte Schachteln." Doch das richtete sich nicht gegen Grenzen an sich, sondern gegen den Zustand eines damals noch ungeeinten deutschen Reichs.

Für Karl Philipp Moritz, Dichter der Goethezeit, waren Grenzen der Urgrund jeder menschlichen Erkenntnis. In einem Aufsatz erklärte er, warum die Genesis nicht nur die Schöpfung der Welt, sondern vielleicht mehr noch deren Wahrnehmung durch den Menschen beschreibt. "Solange der Mensch noch ohne Sprache war, muss die Welt gleichsam ein Chaos für ihn gewesen sein, wo alles wüst und leer war." Doch dann begann dieser Mensch, Grenzen zu ziehen und zu sortieren: hier der Tag, dort die Nacht, dieses der Himmel, jenes die Erde. Und plötzlich lichtete sich das Chaos und das Verstehen setzte ein. Indem Adam und Eva die Dinge an scharfen Grenzen voneinander unterscheiden, gelangen sie erst zur Vernunft. Und am Ende zur Selbsterkenntnis: Dort das Tier – und hier? Der Mensch. Nackt und schutzlos.

Auch heute noch gibt es Fürsprecher der Grenze. Zum Beispiel den Philosophen Konrad Paul Liessmann, Leiter des "Philosophicum Lech" im Vorarlberg. Wie Moritz bezeichnet auch er Grenzen als "Voraussetzung jeder Erkenntnis". Er meint sogar: "Wir können gar nicht anders, als Grenzen zu ziehen."

Geht es um moralische Grenzen, schreibt Liessmann in seinem Buch "Lob der Grenze", so bekomme man allerorts Klagen über sinkende Hemmschwellen und verloren gegangene Werte zu hören. Tatsächlich seien etwa die Menschenrechte nichts anderes als historisch mühsam ausgehandelte Grenzen. Sie definieren, "an welchen Punkten das Zugriffsrecht des Staates, der Polizei, aber auch von Privatpersonen nicht weiter toleriert werden kann".

Wohl niemand käme auf die Idee, das Einreißen solcher moralischen Grenzen als Akt des Fortschritts zu preisen. Die Überschreitung territorialer Grenzen aber, gelte vielen schon an sich als positiver Akt. Politisch korrekt sei, Schlagbäume als Relikte dunkler Zeiten zu brandmarken und in jeder Passkontrolle einen Vorboten des Nationalismus zu sehen.

Liessmann kritisiert, wie leichtfertig wir dabei viele historische Ursachen solcher Grenzen ausklammern. Schließlich sind Landesgrenzen nicht vom Himmel gefallen, sondern von unseren Ahnen aus guten Gründen – wenn auch nicht immer edlen Motiven – festgelegt und manchmal auch erkämpft worden. Wenn Politik diese Errungenschaften leichthin aufgibt, befindet sie sich in einer Krise. Und Politiker, die sich an geöffneten Schlagbäumen medienwirksam als Friedensstifter inszenieren, kaschieren lediglich die wahren Machtverhältnisse: nämlich "die Ohnmacht der Staaten angesichts der Forderungen international agierender Unternehmen".

Eine global agierende Wirtschafts- und Finanzelite kann mit herkömmlichen Zollstationen und Passkontrollen nichts mehr anfangen. Wer aber eine Politik feiert, die eilfertig deren Abschaffung besorgt, ist naiv. Denn wie Liessmann aufzeigt, haben sich abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit längst neue Grenzen gebildet. Und man solle bloß nicht glauben, dass diese neuen Grenzen keine territorialen Entsprechungen haben: "Wer je versucht hat, ohne Legitimation eines der von privaten Sicherheitsleuten bewachten Wohnghettos der neuen Globalisierungselite zu betreten, weiß, was eine Grenzkontrolle bedeutet."

Wären offene Grenzen die Grundvoraussetzung für ein friedliches Miteinander, so wäre es um das deutsch-schweizerische Verhältnis schlecht bestellt. Tatsächlich gibt das Verhältnis zum Schengen-Partner Griechenland mehr Anlass zur Sorge. Doch Europäer tun sich schwer mit solch unbequemen Wahrheiten. Lieber empören sie sich über eine geplante Mauer an der mexikanischen Grenze und verweisen stolz auf die Errungenschaft des Schengener Abkommens. Dass die Europäische Union an ihren Außengrenzen selbst fleißig Zäune errichtet, kommt ihnen dabei nicht in den Sinn.

Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde prognostizierte bereits Ende der Neunzigerjahre, dass die damals vielgescholtenen Grenzen nach der Schengen-Euphorie ein Comeback erfahren würden: weil die "strukturellen Verschiedenheiten" der Länder sich auf Dauer nicht vereinbaren lassen mit der Idee eines einheitlichen Handelsraums. Eine Weltwirtschaft, die Grenzen einfach ignoriert, überlasse deshalb dem "freigesetzten Kapital mit seiner Suche nach Rentabilität" die Herrschaft. Die Situation, sagt der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts, erinnere an die Industrialisierung im 19. Jahrhundert: als Kapitalismus sich – noch ungehemmt durch soziale Gesetzgebungen und Gewerkschaften – frei entfalten konnte.

Was also tun? Abschottung, sagt Böckenförde, sei zwar unrealistisch: "Wir alle leben vom Austausch von Leistungen und Gütern." Viel sei aber gewonnen, wenn die Menschen sich über die Grundlagen ihrer Freiheit bewusst werden. Darüber, dass es eben nicht allein auf den Abbau möglichst vieler Grenzen ankommt, sondern aufs richtige Maß zwischen Ent- und Begrenzung. Dass dieses Maß niemals in Stein gemeißelt, sondern bei sich verändernden Verhältnissen immer wieder neu auszuhandeln ist, versteht sich von selbst.

Und vielleicht hat ja auch der Philosoph Friedrich Nietzsche Mitschuld daran, dass Befürworter von starken Grenzen heute so schnell unter Nazi-Verdacht stehen. Seine Begeisterung für den alle Grenzen trotzig überschreitenden Übermenschen, meint Liessmann, habe nämlich eine Kehrseite: und zwar die Verachtung all jener Abgehängten, die solche Grenzen überhaupt nötig haben. Ob diese Geringschätzung der Schwächsten einer Gesellschaft auch bei manchem heutigen Freihandelsenthusiasten noch mitschwingt? Zugeben, sagt der Philosoph, werde das wohl niemand – Nietzsche habe sich wenigstens offen dazu bekannt.

.So berichteten wir 2007 in Wort und Bild von der Eröffnung der Kunstgrenze:www.sk.de/exklusiv

Tafel

Am 28. April gibt es ab 17 Uhr eine grenzüberschreitende Tafel zwischen Kreuzlingen und Konstanz. Jeder Bürger ist dazu eingeladen, an ihr Platz zu nehmen – Speisen und Getränke sind selbst mitzubringen. Wer sich einen Platz reservieren möchte, kann dies noch bis zum 24. April im Internet erledigen unter: www.kunstgrenze.org

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