Herr Kornmayer, vor wenigen Tagen ist die Scheffelhalle ein Raub der Flammen geworden. Die Poppele-Zunft hat damit ihre Heimat verloren. Als engagierter Fasnachter in der ersten Reihe frage ich Sie: Haben Sie auch geweint?

Geweint haben wir nicht, aber meine Frau und ich sind tieftraurig über den Verlust unserer Heimat.

Was hat die Scheffelhalle für Sie persönlich bedeutet?

Die Fasnacht in der Halle gehört zu meinem Leben im heimatlichen Brauchtum. Für meine Frau Irene und mich ist sie Bestandteil unseres Lebens. 1960 habe ich meine Frau, eine waschechte Radolfzellerin, beim Zunftball in der Scheffelhalle kennengelernt.

Mittlerweile sind wir 54 Jahre verheiratet. Wir sind sowohl der Singener wie der Radolfzeller Fasnacht eng verbunden.

Wann haben Sie Ihren ersten Zunftball in der Scheffelhalle erlebt?

Das war 1949. Ich war bereits bei den Hansele und durfte beim ersten Zunftball nach dem Zweiten Weltkrieg als Zwölfjähriger zur Eröffnung mit einmarschieren. Nach einer Viertelstunde musste ich allerdings wieder nach Hause. Bis heute überkommt mich beim Einmarsch der Zunft unter den Klängen der Poppele-Fanfaren ein unbeschreibliches Glücksgefühl.

Auch mit 83 Jahren engagiert sich Reinhard Kornmayer mit Leidenschaft für das Archiv der Singener Poppele-Zunft. Er hat sich schon immer für die Heimatgeschichte interessiert.
Auch mit 83 Jahren engagiert sich Reinhard Kornmayer mit Leidenschaft für das Archiv der Singener Poppele-Zunft. Er hat sich schon immer für die Heimatgeschichte interessiert. | Bild: Trautmann, Gudrun

Woher haben Sie diese Liebe zur Fasnacht?

Fasnacht gehört seit Generationen zu unserer Familie. Schon mein Großvater, er war der Wirt von der Germania, war Zunftmeister im Jahr 1900. Damals wurde dieses Amt nur für ein Jahr vergeben. 1938 war mein Vater Franz Xavier Kornmayer der letzte Zunftmeister vor dem Krieg. Er war auch nach dem Krieg einer der ersten, der die Fasnacht neu organisierte. 1950, 1951 war er wieder Zunftmeister. Man kann also sagen, dass ich in eine Familie der Fasnachter hineingeboren wurde.

Das heißt ja nicht automatisch, dass man sich auch engagiert. Sie waren aber schon sehr früh in verschiedenen Rollen aktiv.

Ja das stimmt. Ich war sechs Jahre bei den Hansele, danach 34 Jahre beim Fanfarenzug. Danach war ich im Poppele-Chor. Und ab 1990 war ich für zehn Jahre Zunftkanzler. Seit 2000 bin ich der Poppele-Archivar. Insgesamt war ich 72 Jahre in der Zunft, davon 58 Jahre im Rat. Ich kenne alle und alles und auch jeden Winkel der Scheffelhalle.

Im vergangenen Jahr haben Sie sich auf Wunsch des Fördervereins speziell mit dem Verhältnis der Poppele-Zunft zur Scheffelhalle auseinandergesetzt. Wie muss man sich das genau vorstellen?

Ich habe die Akten genau studiert und herausgearbeitet, ab wann die Scheffelhalle zur Heimat der Poppele wurde. Eigentlich war sie ja 1925 als Provisorium für das 10. Bodensee-Hegau-Bundessängerfest gebaut. Das erste Poppele-Spiel mit dem Eierweib fand 1933 statt. Der erste Zunftball stand 1939 in der Scheffelhalle unter dem Motto „Eine Nacht in St. Pauli“.

Fein säuberlich hat Reinhard Kornmayer alle Veröffentlichungen über die Poppele-Zunft nach Jahrgängen und Themen sortiert. Eigene Aufzeichnungen verfasst er noch ganz klassisch mit der Schreibmaschine.
Fein säuberlich hat Reinhard Kornmayer alle Veröffentlichungen über die Poppele-Zunft nach Jahrgängen und Themen sortiert. Eigene Aufzeichnungen verfasst er noch ganz klassisch mit der Schreibmaschine. | Bild: Trautmann, Gudrun

1949 fand der erste Zunftball nach dem Krieg wieder in der Halle statt. Komplett ausverkauft. Der Nachholbedarf war nach dem Krieg offenbar sehr groß. Danach kamen immer mehr Fasnachtsveranstaltungen dazu. Den Zunftball gab es durchgängig. Der Narrenspiegel kam 1957 dazu. Der Bürgerball, später Singemer Fasnetnacht genannt, zog in die Scheffelhalle ein, die Kinderfasnacht und schließlich immer mehr Vereine, die die geschmückte Halle nutzten.

Seit es die Stadthalle gibt, wurde es aber doch etwas ruhiger um die Scheffelhalle. Stimmt denn der Begriff von der Heimat der Poppele-Zunft überhaupt noch? Immerhin zog der Narrenspiegel in die Stadthalle um.

Auch wenn der Narrenspiegel umgezogen ist, so gehörte doch die Poppele-Zunft zu den dauerhaften Nutzern der Scheffelhalle. Alleine aus Kostengründen. Wir haben die Halle ja Wochen vor der Fasnacht dekoriert. Das haben andere Vereine und Veranstalter gerne genutzt. Und mit dem Catering und Getränkeausschank konnten wir unsere Vereinskasse auffüllen. Zunftball, Singemer Fasnetnacht, Ordensabend, Wurstzipfelessen und Fasnet-Beerdigung fand alles in der Scheffelhalle statt.

Es gab ja auch mal Überlegungen, die Halle abzureißen und ein Spaßbad an der Stelle zu bauen. Warum kam es nicht dazu?

Erstens wurde die Halle 1981 unter Denkmalschutz gestellt. Und zweitens hängt das Herz der Singener viel zu sehr an der Halle. Der Scheffelhallen-Förderverein hatte sich zur Aufgabe gemacht, Geld für eine grundlegende Sanierung zu sammeln. Wie sehr die Singener an der Halle hängen, zeigen die Reaktionen unmittelbar nach dem Brand. Kerzen, Blumen, Gedichte, Narrenhäser, Liebesbekundungen an die Halle zieren den Bauzaun, hinter dem die Brandruine gesichert wird. Eine Petition zum Wiederaufbau erzielte in den ersten beiden Tagen weit über 3000 Unterschriften.

Haben die Poppele durch den Brand der Halle auch vereinseigene Werte verloren, wie Technik oder Kulissen?

Nein, die Halle gehört ja der Stadt. Unsere Sachen haben wir alle bei uns in der Zunftschür aufbewahrt. Die Friese von Curt Georg Becker, die Kulissen von Gero Hellmuth, die ganze Dekoration befindet sich alles hier im Haus. Allerdings hatte der Verein ja auch einiges an der Halle gemacht. Wir haben zum Beispiel die Treppen gebaut.

Haben Sie schon eine Vorstellung, wo die Singener Fasnacht künftig stattfinden soll?

Nein, das können wir überhaupt noch nicht sagen. Da sind noch alle Fragen offen.

Ein Ur-Singener und die große Verbindung zur Poppele-Zunft

  • Zur Person: Reinhard Kornmayer ist 83 Jahre alt und ein Ur-Singener. Mit seiner Frau Irene hat er drei erwachsene Söhne. In seinem Brotberuf war er als selbstständiger Verwalter tätig. So leitete Kornmayer viele Jahre das Eska-Kaufhaus in Singen, wo er ein neues Aktensystem einführte. Erst mit 70 Jahren verabschiedete sich Reinhard Kornmayer in den Ruhestand. 19 Jahre lang war er als Verwalter das Herz der Singener Marktpassage. Das Organisieren, Sammeln und Ordnen liegt ihm im Blut, was auch der Singener Poppele-Zunft seit 20 Jahren zugutekommt. „Es gibt nichts, was von einer Fasnacht der Poppele-Zunft fehlen würde“, sagt Reinhard Kornmayer heute stolz.
  • Die Poppele-Zunft: Die Singener Poppele-Zunft ist im Jahr 1860 gegründet worden. Sie prägt das Bild und die Szenerie der Singener Fasnacht, obwohl es dort noch viele andere agile Vereine gibt. Dies zeigt sich auch bei gemeinsamen Umzügen an der Kernfasnacht.
  • Die Fasnachtsbälle: Eine große Tradition hatten die Fasnachtsbälle der Poppele-Zunft in der altehrwürdigen Scheffelhalle. Sie waren mit ihrem besonderen Charme auch in einem Provisorium stets Anlaufpunkt für viele Menschen in der Region. Es wurde ausgelassen gefeiert. Umso größer ist die Trauer der Poppele-Zunft und viele Singener, dass die Scheffelhalle kürzlich niedergebrannt ist. Eine Veranstaltung hätte aber dort bei der Fasnacht 2021 nicht stattgefunden. Wegen den Corona-Verschärfungen musste die Zunft schweren Herzens so gut wie alle Veranstaltungen absagen. Am 11.11. hatten die Poppele ihren Fasnachtsauftakt über das Internet übertragen. Der Poppele erschien sozusagen aus der Konserve, um die nächste Fasnacht auszurufen. (gtr/bit)